Kanton Solothurn
Zu wenig Platz und schimmelnde Zeitzeugen: Wie weiter nach 100 Jahren Staatsarchiv?

Seit Jahren lagern unter Solothurner Stadtboden Schätze der Kantonsgeschichte. Nun stösst das Staatsarchiv an seine Grenzen. Die Archivberge wachsen - plötzlich auch digital. Im 100. Jubiläumsjahr der kantonalen Amtsstelle ist klar: Vieles muss sich ändern. Was laut dem Herren des Archivs bleibt: Der Kanton braucht sein historisches Gedächtnis.

Noëlle Karpf
Drucken
Teilen
Einblicke ins Solothurner Staatsarchiv zum 100-Jahr-Jubiläum
19 Bilder
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Noch eineinhalb Jahre lang arbeitet Fankhauser hier im Staatsarchiv. Wie es danach mit dem Gebäude und den Beständen weitergeht, weiss er heute noch nicht.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Viele der Schätze sind nicht mehr im besten Zustand.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Dafür findet sich hier unter der Erde Einzigartiges: Zum Beispiel die Jahresrechnungen sämtlicher Solothurner Gemeinden seit 1842.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Rund 10 Lauf-Kilometer Akten finden sich im Solothurner Staatsarchiv. Für 14.5 Laufkilometer wurde das Gebäude erschaffen.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Dazu kommt: So eng wie früher archiviert man heute nicht mehr - Akten wird grundsätzlich, um sie zu schonen, mehr Platz und Luft gelassen.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Einen Quarantäneraum für beschädigte oder schimmlige Akten gibt es nicht.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Auch würden die Mitarbeitenden fehlen, die sich beschädigten Dokumenten annehmen könnten.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Auch fehlt die Kapazität, die Bestände zu digitalisieren. Ab 2021 soll dafür auch in Solothurn die "digitale Langzeitarchivierung" möglich sein.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Mitarbeiter Stefan Rech räumt Akten ein.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Es ist ein Archiv des Staates - das heisst, hier finden sich hauptsächlich Akten des Staates. Dazu gehören Dokumente aus der Verwaltung oder Protokolle von Kantons- und Regierungsrat.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn In die Magazine schauen darf nicht jeder. Datenschutz ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Eine Vision des Chefs des Staatsarchivs: Irgendwann soll es eine Plattform geben, mit welchem Besucher Bestände online abfragen können.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Alleine hier unten zu recherchieren - das hielten nicht alle Besucher aus, erklärt der Chef des Staatsarchivs.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Bis dahin bleiben die Dokumente nach Schema der Mitarbeitenden erfasst und sie finden das richtige Dokument meist auch.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Stefan Frech, wissenschaftlicher Mitarbeiter, beschäftigt sich seit fünf Jahren ausschliesslich mit dem Thema fürsorgerische Zwangsmassnahmen, hat etliche Dokumente herausgesucht und damit teilweise auch ehemaligen Verdingkindern helfen können.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Auch im Archiv: Ein Foto von Oskar Munzinger, FDP-Politiker und erster Präsident der Solothurner Kantonalbank (1885-87).
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Gemütlichere Stimmung herrscht oberhalb der Erde - im Lesesaal. Viele verirren sich allerdings nicht mehr hierher.
100 Jahre Staatsarchiv Solothurn Der Empfang mit Sonja Fischer. Hier erhalten Interessierte ihre Informationen.

Einblicke ins Solothurner Staatsarchiv zum 100-Jahr-Jubiläum

Hanspeter Bärtschi

Vor rund 50 Jahren wurde in Solothurn ein Bunker gebaut. So zumindest sieht das Solothurner Staatsarchiv von aussen aus: ein grauer Betonblock an der Bielstrasse. Und auch in den Räumen unter der Erdoberfläche herrscht die entsprechende Stimmung: Es ist kühl und riecht nach Keller. Weisse Wände und Türen mit runden Sichtfenstern trennen schmale Gänge. Doch wer die richtige Türe aufstösst und das Licht anknipst, dem offenbart sich ein Paradies. Regale, bis tief in den Raum hinein; Magazine, bis unter die Decke vollgestellt mit dicken Einbänden und Kartonschachteln.

Das älteste Dokument des Archivs stammt aus dem 8. Jahrhundert, das neuste aus dem Jahre 2019. Hier finden sich der Solothurner Bundesbrief von 1481, die Jahresrechnungen sämtlicher Solothurner Gemeinden seit Ende 1842, Gerichtsakten, Regierungs- und Kantonsratsunterlagen, Strassenpläne, Mikrofilme der Urkunden ab 1147.

Jede Demokratie braucht ein Archiv.

(Quelle: Andreas Fankhauser, Staatsarchivar Kanton Solothurn)

Doch das historische Gedächtnis des Kantons droht zu verlottern. Andreas Fankhauser ist Herr des Staatsarchivs. Für 14,5 Lauf-Kilometer Akten sei das Archiv konzipiert worden, mittlerweile sei man bei rund 10 Laufkilometern angelangt. Fankhauser tritt an ein Regal und deutet auf eine Reihe Schachteln. Sie stammen von der Amtsschreiberei und vom Richteramt Balsthal. Als die Dünnern im Sommer 1926 überlief, wurden die Akten beschädigt. Sie seien an der Sonne getrocknet worden, erzählt der Staatsarchivar. Und schliesslich ins Staatsarchiv gebracht worden. Der Grossteil ist bis heute nicht benutzbar - «noch immer klebt Schlamm der Dünnern zwischen den Seiten». Einen Quarantäneraum für solch beschädigte Dokumente gibt es nicht. Auch keine Mitarbeitenden, die sich solcher Akten annehmen könnten.

Der Weg durch das Labyrinth führt durch einen Heizungsraum in einen kleinen Raum, wo ein Mitarbeiter auf einem Tisch einige Akten für die Ausstellung anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Staatsarchivs aufgelegt hat. Laut Fankhauser fehlen im Archiv ein Aufbereitungs- und ein Vortragsraum. In den Betonwänden der bestehenden Räume hat es dafür Risse. Das fünfzigjährige Gebäude habe mittlerweile die zweite Hälfte seiner Lebensdauer erreicht.
Die Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrates verlangte vom Regierungsrat deshalb eine Strategie für das Staatsarchiv. Das Hochbauamt prüft nun den baulichen Zustand des Gebäudes. Bis 2021 soll ein Entscheid gefällt werden, ob der jetzige Standort erweitert werden kann, oder ein neuer Standort gesucht werden muss.

Solothurner Verdingkinder: 40 000 Personen erfasst

Seit 100 Jahren gibt es das Solothurner Staatsarchiv als offizielle Amtsstelle. Zuerst im Solothurner Rathaus, seit 1969 an der Bielstrasse. «Viele wissen gar nicht, dass es uns gibt», so Staatsarchivar Andreas Fankhauser. Anlässlich des 100 Jahr-Jubiläums will man sich deshalb der Öffentlichkeit präsentieren. Angedacht ist ein Tag der offenen Türe, an welchem Besucherinnen und Besucher durch das Archiv geführt werden. Hauptthema: Fürsorgerische Zwangsmassnahmen. Das Archiv beleuchtet damit ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte: Bis 1981 wurden Kinder und Jugendliche als Gratis-Arbeitskräfte etwa an Bauernhöfe «verdingt», ausgenutzt, teils missbraucht. Aber auch Erwachsene – unverheiratete Mütter beispielsweise – wurden in Zwangsanstalten weggesperrt. «Wir müssen diesen Teil der Geschichte verstehen, auch wenn er uns nicht gefällt», so Fankhauser.

Einer seiner Mitarbeiter beschäftigt sich seit fünf Jahren ausschliesslich mit dem Thema. Derzeit bereitet er Akten und Dokumente vor, die man am Jubiläumstag ausstellen will. Datenschutz ist dabei ein grosses Thema. Immer wieder beschäftigt er sich aber mit Anfragen ehemaliger Verdingkinder. Bis Ende März 2018 konnten sie einen Entschädigungsbeitrag anfordern; dafür brauchten sie aber Belege. Die Suche danach führt in den meisten Fällen ins Staatsarchiv. Mittlerweile sei man so organisiert, dass man meist innert 36 Stunden ein Dossier mit den noch vorhandenen Dokumenten zusammenstellen können, erklärt der Staatsarchivar: 40 000 Dossiers habe man durch Personenlisten erfasst. «Und das ist erst der Anfang.»

Renitente Kantonsangestellte und digitale Zeitzeugen

Ein Lift führt im Staatsarchiv unter die Erde. Einen Warenlift gibt es nicht, der Personenlift wurde mit Metallplatten ausgekleidet, damit Archivbestände transportiert werden können. Jedes einzelne Dokument des Archivs befand sich schon in diesem Lift. Immer öfter sind das aber nicht mehr nur Bücher oder Mappen. Die kantonalen Ämter speichern ihre Daten vermehrt auch digital ab. Und auch diese muss das Archiv für die Zukunft bewahren. Aber wie?

Die Gebäulichkeiten weisen betriebliche, bauliche und technische Mängel auf.

(Quelle: Solothurner Regierungsrat im Beschluss vom 24. September 2019)

Bis im Sommer 2021 soll die «digitale Langzeitarchivierung» möglich werden. «Die nächsten 35 Jahre lang werden wir immer noch auch analoge Akten übernehmen», ist Fankhauser überzeugt. Eine flächendeckende elektronische Geschäftsverwaltung könnte tatsächlich noch Jahre dauern – elektronische Gerichtsdossiers beispielsweise gibt es noch überhaupt nicht. Digital erfasst sind auch die bisherigen Dokumente im Archiv nicht – auch das würde laut Fankhauser Jahre dauern, und deutlich mehr Mitarbeitende brauchen.

Nicht mehr so lange dauern soll es, bis alle Ämter der Verwaltung ihre Registraturpläne haben. In diesen steht, was wann wie archiviert wird. Bis 2022 sollten laut Archivgesetz alle Stellen der Verwaltung einen solchen Plan haben. Doch: «Das ist ein Ziel, an dem ich seit 30 Jahren arbeite», seufzt Fankhauser. Die Zeiten, in welchen Ämter ungeordnete Papierberge einfach beim Staatsarchiv abgestellt hätten, seien zwar vorbei. Auch werde die Anzahl Dienststellen, die den Sinn einer geordneten Schriftgutverwaltung nicht einsehen, immer kleiner. Dass die Verwaltung Teile ihrer Akten sauber archiviert und abliefert, ist aber noch nicht überall Standard.

«Dienst für die Gesellschaft», der an Bedeutung verliert

Über der Erde herrscht ganz andere Stimmung. Hier befindet sich der Lesesaal. Es ist warm und hell, bunte Kirchenfenster schmücken den Raum, im Saal stehen Stühle mit Stoffbezug. Wer recherchieren möchte, kann hier oben seine Interessen anmelden und anschliessend in Akten stöbern. An diesem Tag sitzt ein Herr ganz alleine im Saal und blättert sich durch Papiere. Viele verirren sich nicht mehr hier her. Lehrpersonen, die Heimatforschung betrieben, gibt es immer weniger. Auch verschlägt es immer weniger Schülerinnen und Schüler hierher, die Arbeiten über ein Solothurnisches Thema schreiben.

Dafür liefern die Akten des Staatsarchivs Informationen für Behörden und Öffentlichkeit – etwa darüber,wo in der solothurnischen Uhrenindustrie radioaktives Radium für Zifferblätter verwendet wurde und später Häuser kontaminiert waren. Private interessieren sich beispielsweise für ihre Familiengeschichte – Adoptierte für die leiblichen Eltern, zu denen eine Spur aus dem Staatsarchiv führen könnte. «Wir leisten hier einen Dienst für die Gesellschaft», fasst Fankhauser, zurück in seinem Büro, zusammen.

Lic. phil. steht auf dem Schild neben dem Arbeitsplatz des Historikers, auch im Büro stehen reihenweise dicke Bücher in Regalen. In 1,5 Jahren wird er pensioniert. «Es war manchmal zermürbend», sagt Fankhauser über seine Arbeit, vor allem Sparprogramme in der 90er hätten grosse Projekte verunmöglicht. Aber: «Es war immer und ist immer noch faszinierend», s0 Fankhauser, der nicht nur gerne archiviert, sondern auch in den Akten gestöbert hat. Das Staatsarchiv diene nicht einfach dazu, ein paar «schrullige Historiker» zu beschäftigen. «Jede Demokratie braucht ein Archiv», so Fankhauser. «Nur so wird staatliches Handeln überprüf- und nachvollziehbar.» Das Staatsarchiv im Bunker an der Bielstrasse helfe, Geschichte zu verstehen. Und das soll auch so bleiben.

Jubiläumstag der offenen Tür:
Das Staatsarchiv Solothurn öffnet am Samstag, 16. November 2019, seine Magazine. Im Rahmen von drei rund einstündigen Führungen um 10.30, 14.00 und 15.30 Uhr werden verschiedene Aspekte des Themas «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Solothurn vor 1981» beleuchtet. Die Führungen sind kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Aktuelle Nachrichten