Für 85 Millionen

Weissensteintunnel wird saniert – Tourismusdirektor hat schon Pläne für Zeit danach

Die Bahnlinie Solothurn-Moutier bleibt. Der Bund spricht 85 Mio. Franken für die Tunnelsanierung – und nimmt nun den Kanton in die Pflicht. Tourismusdirektor Jürgen Hofer hat schon Ideen zur Attraktivierung.

Lucien Fluri
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v.l.: Jürgen Hofer (Solothurn Tourismus) Alt-Regierungsrat Walter Straumann, Baudirektor Roland Fürst, Solothurner Stadtpräsident Kurt Fluri und Stephan Berger (Vorsteher Oberamt Thal Gäu).
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Die PK fand am Bahnhof Oberdorf statt Alt-Regierungsrat Walter Straumann und Regierungsrat Roland Fürst
Roland Fürst

v.l.: Jürgen Hofer (Solothurn Tourismus) Alt-Regierungsrat Walter Straumann, Baudirektor Roland Fürst, Solothurner Stadtpräsident Kurt Fluri und Stephan Berger (Vorsteher Oberamt Thal Gäu).

Hanspeter Bärtschi

Es schien schon fast, als ob ein Fluch auf dem Weissenstein liegt: Als das Kurhaus wieder ganzjährig offen war, als die neue Gondelbahn endlich fuhr, drohten am Himmel ob dem Solothurner Hausberg schon die nächsten Gewitterwolken, das nächste Damoklesschwert: Bis am Dienstag musste damit gerechnet werden, dass der marode Weissenstein-Bahntunnel geschlossen wird.

Weil die Sanierung zu teuer ist, drohten der Tourismusdestination Weissenstein empfindliche Einbussen. Und die Einwohner der Thaler Gemeinden Herbetswil, Welschenrohr und Gänsbrunnen schienen – ohne die direkte Verbindung durch den Berg –bald von der Kantonshauptstadt abgeschnitten zu sein.

Diese Befürchtungen sind nun vom Tisch. Das Bundesamt für Verkehr teilte am Dienstag mit, dass der 3,7 Kilometer lange Tunnel für 85 Mio. Franken saniert wird. Damit kann er weitere 25 Jahre betrieben werden. Das Geld für die Sanierung stammt aus dem nationalen Bahninfrastrukturfonds.

Eckwerte

85 Mio. Franken kostet die Sanierung des Tunnels. Dazu kommen weitere Kosten wie etwa für Modernisierungen an Bahnhöfen. Wie viel dies kostet, konnte Baudirektor Roland Fürst gestern nicht beziffern. Auf den Kanton und die Bahnbetreiberin BLS kommen keine Kosten zu. Das Geld stammt aus dem Bahninfrastrukturfonds, eine Folge der Bahnfinanzierungsvorlage Fabi, der das Volk 2014 zustimmte.

170 Mio. statt der 85 Mio. Franken hätte es gekostet, wenn der Tunnel nicht für weitere 25, sondern für 50 Jahre fit gemacht worden wäre. Der Tunnel ist seit 1908 in Betrieb.

Die Bahnlinie Solothurn-Moutier, betrieben von der BLS, stand zur Diskussion, weil ihr Deckungsgrad ungenügend ist. Der Bund musste bei allen grösseren Sanierungsprojekten die Stilllegung einer Linie prüfen, wenn der Deckungsgrad unter 30 Prozent liegt. Hat die Bahn 25 Jahre nach der Sanierung erneut zu wenig Frequenz, stellt sich die Frage einer Stilllegung erneut. (lfl)

«Die Anliegen der betroffenen Regionen werden höher gewichtet als wirtschaftliche Überlegungen», hält das Bundesamt fest. Tatsächlich: Es war ein politischer Entscheid. Und keiner, der auf einer nüchternen Betrachtung der Zahlen beruhte. Denn die Tunnelschliessung und ein Ersatz-Busbetrieb über Oensingen wäre deutlich günstiger gekommen als die jetzt gewählte Variante. Der «stolze Preis» der Sanierung sei denn auch das grösste und stärkste Argument gewesen, gegen das man habe kämpfen müssen, blickte Baudirektor Roland Fürst bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz am Bahnhof in Oberdorf zurück.

Der Preis sei aber das einzige Gegenargument gewesen. Denn es gebe, so Fürst, gar keine Alternative. «Gewonnen haben jetzt die Gemeinden», zeigt er sich zufrieden. Der Entscheid sei ein «wichtiges regionalpolitisches Signal zu Gunsten des regionalen Zusammenhalts». Der Entscheid sei «von enormer Bedeutung für die betroffenen Gemeinden im Thal, am Jurasüdfuss und im bernischen Grandval», hielt auch das «Komitee Weissensteintunnel erhalten» fest. Dieses hatte, mit viel Unterstützung aus Bevölkerung und Politik, für den Erhalt gekämpft.

«Das Ergebnis eines fast perfekten Zusammenspiels»

«Die Sanierung ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn eines neuen Kapitels», sagte Walter Straumann, Komitee-Geschäftsführer, alt Regierungsrat und Präsident von Kanton Solothurn Tourismus. Tatsächlich sind Kanton, Gemeinden und Touristiker noch nicht aus der Pflicht genommen. Das Bundesamt erwartet, dass die Kantone Solothurn und Bern nun «dafür sorgen, dass ein attraktives Angebot besteht, welches die grosse Investition in die Bahninfrastruktur rechtfertigt.» Insbesondere soll der Deckungsgrad, der heute unter 25 Prozent liegt, erhöht werden. Ab 30 Prozent wäre die Bahnlinie auch nach Ablauf der nächsten 25 Jahren nicht gefährdet.

Straumann geizte nicht mit Lob. «Dieser Entscheid ist das Ergebnis eines fast perfekten Zusammenspiels auf praktisch allen Ebenen», lobte der alt Regierungsrat in Oberdorf – auch die Regierung: «Der Kanton hatte eine Schlüsselrolle eingenommen. Er hat sich dezidiert für den Erhalt eingesetzt.» Ebenso hätten sich die acht Solothurner Bundesparlamentarier gemeinsam für den Tunnelerhalt eingesetzt. Straumann erwähnte dabei nicht nur den im Ausland weilenden Herbetswiler Gemeindepräsidenten und CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, der sich als Komitee-Präsident für den Erhalt eingesetzt hatte. Besonders würdigte Straumann den Solothurner FDP-Nationalrat Kurt Fluri, der «in der Verkehrskommission matchentscheidend» gewesen sei.

Fluri, als Vertreter der Bundesparlamentarier anwesend, wollte das Lob nicht auf sich sitzen lassen. Alle Solothurner Vertreter in Bern hätten sich gemeinsam eingesetzt. «Auch die, die sonst dem motorisierten Individualverkehr zuneigen». Die Sanierung werde aus einem Reservefonds des Bahninfrastrukturfonds finanziert, so Fluri. Dies habe keinen Parlamentsentscheid nötig gemacht. Verteilkämpfe blieben aus. Fluri dankte zudem Peter Füglistaller, dem Direktor des Bundesamtes für Verkehr.

Attraktivität steigern

Seit Jahren kämpft der Solothurner Tourismusdirektor Jürgen Hofer für die Destination Weissenstein. «Die Schliessung wäre wirklich eine Katastrophe gewesen», sagte er am Dienstag. Hofer bekräftigte nochmals: «Die Linie hat durchaus touristisches Potential.» In drei Schritten, so Hofer, sollen nun Attraktivität am Berg und Frequenz in der Bahn gesteigert werden. Zuerst, so Hofer, «müssen wir die Bahnlinie unserer Region näher bringen». Noch immer gebe es viele Solothurner, die nie durch den Tunnel gefahren seien und die die Angebote am und rund um den Berg zu wenig gut kennen.

In einem zweiten Schritt, so Hofer, müssten unter den verschiedenen Playern am Berg Pauschalangebote entwickelt werden, auch damit Gruppen oder Schulen angelockt werden können. Drittens sollen weiterhin Anlässe rund um den Tunnel stattfinden. So hatte etwa der Verein «Festungswerke Solothurner Jura» im September bei einem Fest in Gänsbrunnen eine Panzerabwehrkanone knallen lassen, um den Tunnelerhalt zu bekräftigen. «Warum nicht einmal ein Tunnelfest?», fragte Hofer.

Nach der Sanierung dann braucht es laut Hofer ein grösseres Vermarktungskonzept, gemeinsam mit den SBB und der BLS. «Warum nicht die Bahnlinie als Juraexpress vermarkten?», fragte Hofer. Dies sei aber Zukunftsmusik. Bevor ein solches Projekt gestartet werde, müsse der Tunnel zuerst saniert sein. Das wird in wenigen Jahren der Fall sein. Zuvor erhalten die betroffenen Thaler Gemeinden, die Seilbahn und die Gasthäuser auf dem Berg doch noch eine Kostprobe, wie es ohne Tunnelsanierung gewesen wäre. Zwischen 2020 und 2022 wird der Tunnel saniert. Ohne temporäre Schliessung geht das nicht.