Corona

Von Divas, Bierbrauern, Kinos und Köchen: Reportage bei vier unentbehrlichen Betroffenen der Pandemie

Sie brauen Bier für Restaurants, die kaum noch Gäste haben, decken Tische in Bankettsäle für gewöhnliche Restaurantgäste, weil keine Bankette stattfinden, singen für niemanden ausser sich selbst oder strahlen Filme aus vor leeren Sälen.

Jocelyn Daloz
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Sie singen, brauen, projizieren, servieren: Mit ihrer Aktivität machen Sie vieles Schöne im Leben aus.

Sie singen, brauen, projizieren, servieren: Mit ihrer Aktivität machen Sie vieles Schöne im Leben aus.

Hanspeter Bärtschi/Kenneth Nars

Ein Virus kann alle treffen und doch sind wir ihm gegenüber nicht gleichgestellt. Die zweite Welle überschwemmt unser Land, wir klammern uns an Schutzmasken wie an Rettungswesten, schütten uns übelschmeckenden Schnaps über die Hände und bangen um Weihnachten mit der Familie. Einfach ist es für niemanden.

Das wissen die Protagonisten dieser Reportage besser als kaum andere: die international renommierte Opernsängerin Marion Ammann aus Dornach, die sich auf zahlreiche Konzerte vorbereitet, ohne zu wissen, ob sie abgesagt werden oder nicht. Der Wirt Christoph Bohren, der mit seiner Frau Manuela und zwanzig Angestellten sein Romantik Hotel Sternen in Kriegstetten über Wasser hält. Der Kinobetreiber Mark von Gunten, dem die Kinofilme abspringen und strenge Auflagen des Kantonsseine Zuschauerzahl begrenzen. Der Bierbrauer Luc Nünlist, dessen Bier in Oltner Beizen kaum noch getrunken wird.

In den Gesprächen mit ihnen stach heraus, dass sie alle die Wichtigkeit derselben Grundsätze bekundeten: die Standhaftigkeit, die Dankbarkeit und die Hoffnung am Menschen. Marion Ammann will ihr Adventskonzert im Kloster Dornach durchführen, weil Musik und Gesang die Seele besänftigen. Sie hofft, dass die Krise uns lehrt, das Hamsterrad zu verlangsamen und mehr Wert auf das Immaterielle zu legen. Christoph Bohren ist getragen von der Treue seiner Gäste, die während und nach dem Lockdown zu seinem Betrieb standen. Mark von Gunten hofft, weiterhin Kinofilme zeigen zu können, um auch einem reduzierten Publikum eine Auszeit vor dem Alltag zu geben. Luc Nünlist philosophiert über die Wichtigkeit der Solidarität und stützt sich dabei auf die Oltnerinnen und Oltner, die im Lockdown fleissig sein Bier bestellten, statt es in der Beiz geniessen zu können. Sie alle stehen für das Menschlichste in uns: die Gemeinschaft, vereint durch Bachkantaten, Kinderfilme, wohlschmeckende Gerichte und Pinten in Spunten.

Erst wenn die Konzertsäle erstummen, die Leinwände erlöschen und die Beizen sich leeren, werden wir merken, wie unentbehrlich – und nicht systemrelevant – sie waren. Hoffen wir, dass wir es später als früh merken müssen.

Opernsängerin Marion Ammann aus Dornach vor ihrem Arbeitsinstrument.

Opernsängerin Marion Ammann aus Dornach vor ihrem Arbeitsinstrument.

Kenneth Nars

«Mit Bach durch jede Lebenslage»

Auf dem Flügel stauen sich Klavierauszüge und Blätter auf. Schumann, Bach, Donizetti. «Alles Konzertprogramme, die aufgrund der aktuellen Lage unsicher sind», erklärt Marion Ammann. Die Sängerin empfängt mit dem nötigen Sicherheitsabstand in ihrem Dornacher Wohnzimmer. «Ich lebe schon seit Jahren in einer Art Covid-Modus», sagt sie ohne Ironie. Als Sängerin internationaler Ausstrahlung ist sie eine Hochleistungssportlerin; auf ihre Gesundheit und ihre Stimme achten gehört zur Arbeitsdisziplin. Desinfektionsflaschen in der Handtasche, Vorsicht beim Händeschütteln. Jeder wegen Krankheit abgesagter Auftritt bringt den Totalverlust mit sich.

Kanton Solothurn schüttet 1,7 Millionen an Kulturschaffende aus

Die Chefin des Amts für Kultur und Sport Eva Inversini erklärt, dass Stand heute 90 Prozent aller Gesuche, bei denen Kunstschaffende um eine Ausfall-Unterstützung nachgesucht hätten, behandelt worden sind. «Dies betrifft den Zeitraum von Ende Februar bis Ende Oktober. Man hat bisher insgesamt 1, 7 Mio Franken ausbezahlt, wobei der Bund 50 Prozent der Kosten übernahm», so Inversini.

Die Covid-Krise übersteht die Künstlerin dank der staatlichen Unterstützung. Dabei schätzt sie ungemein, wie der Kanton Solothurn Kulturschaffende proaktiv unterstützt: «Vielen meiner Kollegen in anderen Kantonen geht es ganz anders.» Trotzdem spricht sie von einer Katastrophe für die klassische Musik: «Man arbeitet für nichts, Projekte fallen, das eine nach dem anderen.» Macbeth im Schloss Waldegg etwa, oder ein Stabat Mater von Dvořák mit dem Winterthurer Symphonieorchester. Vieles lässt sich nicht nachholen, da man kaum liturgische Ostermusik oder Weihnachtsoratorien an Nichtfesttagen spielt. Das sei insbesondere bedauernswert, weil klassische Konzerte bestuhlte Anlässe sind, an denen das Einhalten von Vorsichtsmassnahmen unproblematisch wäre. Ammann schmerzt es, denn sie betrachtet Singen für Menschen als Therapie. «Ich hätte mir nicht vorstellen können, jemals in einer Welt zu leben, in der der Gesang verboten wird.» Dabei spricht sie Amateurchöre an, die komplett verboten sind. «Der Schweizer ist ein Sänger. Für so viele Menschen ist das ein Lebensinhalt und etwas vom Gesundesten: In der Gemeinsamkeit aus dem Nichts Musik zu schaffen.» Die Sängerin gibt ihrerseits Ratschläge, um musikalisch durch die Krise zu kommen: «Wagner, Bach, Mendelssohn. Für mich ist es jetzt vor allem Bach, der hilft für jede Lebenslage. Er kommt dem Himmel am nächsten.»

Hinweis: Die Sängerin wird am Sonntag, 13. Dezember im Kloster Dornach auftreten. Vorverkauf auf der Webseite des Klosters.

Die Kinosäle kann er mit der neuen Regel nur noch zu 12 Prozent auslasten: Kinobetreiber Mark von Gunten aus Solothurn.

Die Kinosäle kann er mit der neuen Regel nur noch zu 12 Prozent auslasten: Kinobetreiber Mark von Gunten aus Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

«Die Leichtigkeit der Kinderfilme tut uns gut»

Als Erstes fällt Jim Knopf auf, der uns aus dem Filmplakat am Eingang des Kino Palace in Solothurn anstrahlt. Es ist ein regnerischer Morgen, perfekte Voraussetzungen für ins Kino. Drinnen lächelt uns ein weiterer Kinderheld an: Yakari, das Sioux-Kind, das mit Tieren spricht. «Kinderfilme haben uns dieses Jahr einigermassen über Wasser gehalten», sagt Mark von Gunten. Das meint er als einer der Erben der Kinodynastie von Gunten nicht nur finanziell, aber auch seelisch: «Bei solchen Familienfilmen entstand etwas Leichtigkeit im Publikum.»

Und die war wichtig. Sechs Wochen Lockdown, danach der Sommer mit dem saisonalen Besucherschwund. Dazu kommt, dass die grossen Filmverteiler die meisten grossen Projekte verschoben haben. Der einzige Blockbuster war Christopher Nolans «Tenet», der ziemlich gut lief. «Das war erfreulich, weil es ein anspruchsvoller Film ist», meint von Gunten, während er uns durch das Foyer des Kino Palace führt. Auf James Bond wartet das Publikum immer noch sowie auf zahlreiche Marvel-Superhelden wie Black Widow und Venom.

Auch die Weltraumsaga «Dune» dürfte erst im Jahr 2021 in den Kinosälen ausgestrahlt werden. «Momentan ist noch ‹Wonder Woman› angekündigt, aber das kann sich noch ändern», sagt von Gunten vor einem Poster der Superheldin mit der Peitsche. Von Gunten sieht auch das Positive daran: «Es gibt kleineren Filmen, die trotzdem liefen, eine Chance. Andererseits investierten die Vertreiber halt weniger in Marketing.» Während des Lockdowns hat das Kinounternehmen eine eigene Streamingplattform auf seiner Website lanciert, angesichts der wenigen Filme einige Säle vermietet für private Filmabende. «Das Angebot wurde rege genutzt: Die Säle waren zu zwei Dritteln vermietet und die Streamingplattform funktioniert gut.» Auf die zeigt er sich stolz: «Sie können hier blind einen Film auswählen, sie sind alle gut.» Doch natürlich kompensieren diese Innovationen niemals die Verluste des Unternehmens.

Wenig Verständnis für die Limitierung auf 30 Plätze

Die grösste Keule hat der Kanton Solothurn geschwungen, indem er diese Woche Veranstaltungen auf 30 Personen limitierte. «Mit einer 50-Personen-Grenze wie der vom Bund könnte ich noch leben», sagt er, obwohl der Verband auch diese Regel gestern scharf kritisierte. Für ihn ist die strenge Limitierung in Kinosälen aber ohnehin unverständlich: «Kinos sind der sicherste Ort, den es gibt: Hier können Abstandsregeln problemlos eingehalten werden, die Durchlüftung ist super. Niemand steht auf, johlt, läuft herum ...» Ihn macht es wütend, dass Kinos pauschal den Veranstaltungen zugeordnet werden. Schreibtischentscheidungen, die für ihn harte Folgen haben: «Wir entscheiden am Montag, wie wir weiter vorgehen.» Von Gunten schwankt zwischen Ernüchterung und Hoffnung, dass es irgendwie weitergehen wird. «Sollen wir zumachen, weil es nicht rentiert? Oder wollen wir den Leuten die Möglichkeit geben, eine Auszeit aus dem tristen Alltag zu nehmen, um zu lachen und sich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen?»

Das Auge isst mit: Im Retro-Dekor des Romantiks Holten verwöhnt Christoph Boren seine Gäste.

Das Auge isst mit: Im Retro-Dekor des Romantiks Holten verwöhnt Christoph Boren seine Gäste.

Hanspeter Bärtschi

«Ein letzter Überbleibsel von Normalität»

Romantisch ist das Restaurant Hotel Sternen in Kriegstetten in vieler Hinsicht: «Romantik» steht ja schon im Namen. Das Mobiliar aus der Biedermeier-Zeit erinnert zudem an die Kunstära des 19. Jahrhunderts, genauso wie die zahlreichen Gemälde und Litografien. Romantisch sind (hoffentlich) auch die zahlreichen Hochzeiten, die von den beiden Gastgebern Manuela und deren Ehemann Christoph Bohren empfangen werden.

Helden aus der literarischen Romantik sind oft Müssiggänger, die sich der Welt entziehen möchten, wie etwa Joseph von Eichendorffs berühmter «Taugenichts», der gerne geigespielend durch das Land reist und die guten Dinge im Leben geniesst. Christoph Bohren bietet in seinen Hotelzimmern und seinem Restaurant genau das: eine Auszeit aus den aktuellen Pandemieverwirrungen, einen geselligen Abend in den weiträumigen Sälen seines Restaurants und seiner Bankettlokalitäten, die er nun für den gewöhnlichen Gastbetrieb nutzt.

«Beizen gehören zu den letzten Überbleibseln an Normalität», sagt der Wirt. «Hier kann man sich noch treffen, lachen, gemeinsam eine gute Flasche Wein und einen leckeren Burger geniessen.» Es stehen harte Zeiten bevor für ein Restaurant, das gewöhnlich an Weihnachten zahlreiche Jahresfeiern und Mitarbeiteressen beherbergt und nun durch die Pandemie stark eingeschränkt ist. «Die verbleibenden Buchungen werden nach für nach abgesagt.»

Bohren ist umso dankbarer für die Unterstützung seiner Mitarbeitenden und seiner Gäste. Trotz der Unsicherheit arbeiten die Ersteren tatkräftig und engagiert; und Letztere seien treu geblieben. «Im ersten Lockdown wurde das Take-away-Angebot gut wahrgenommen.» Viele Stammgäste seien auch nach der Wiedereröffnung von weit her angereist, um die Sommerzeit in seinem schönen Gartenrestaurant zu geniessen.

Bohren zeigt sich wenn nicht optimistisch zumindest zuversichtlich: «Wütend und ängstlich zu sein, bringt nichts. Wir müssen gemeinsam vorwärtsgehen.»

Aus der Region, für die Region: Luc Nünlist braut das Oltner Trei Tannen Bier.

Aus der Region, für die Region: Luc Nünlist braut das Oltner Trei Tannen Bier.

Chris Daeppen

«1 Kiste Bier hält die Brauerei 2 Stunden offen»

Im Untergeschoss der Oltner Galicia Bar brauen Luc Nünlist und sein Team das Bier, das die Beiz seines Vaters Alex Capus einen Stock weiter oben zapft.

Der Gründer der Brauerei Drei Tannen Bier ist aber auch Zulieferer zahlreicher anderer lokaler Gastrounternehmen seit ihrer Lancierung im Jahr 2014. Entsprechend war das Jahr 2020 für den jungen Unternehmer eine Gratwanderung zwischen grossen Hoffnungsschüben und Ernüchterung. Ihn tragen vor allem der grosse Rückhalt und die Solidarität der Kundschaft und der lokalen Bevölkerung: «Während des Lockdowns hatte es in fast jedem Oltner Kühlschrank Drei Tannen Bier, das war unsere Rettung.»

Heimlieferung und Pop-up-Biergarten

Denn sobald die Beizen schliessen mussten, bot die Brauerei Heimlieferungen an. Es folgte eine Liebeserklärung der Oltner für die malzige Lokalproduktion. Über den Sommer war der Pop-up-Biergarten in der Aussenwirtschaft des ehemaligen Sternen, der nun das China-Restaurant Shanghai beheimatet, die Rettung. Er war gemäss Nünlist ein Erfolg und hielt das Jungunternehmen über Wasser. Diese Woche kündete aber die Brauerei auf Facebook an, die Heimlieferungen wieder hochzufahren. Im Oktober seien die Umsätze erneut um 60 Prozent gefallen, was sich nun noch verschärfen dürfte. Das nächste Pop-up-Projekt, eine Bierhalle und Degustationslokal Schalander in einer ehemaligen Kantine an der Rosengasse, fällt mit den Covid-19-Vorschriften vorübergehend weg. Nünlist meint: «Dass eine zweite Welle kam, überrascht leider kaum. Dass es trotzdem frustrierend ist, ebenfalls nicht. Aber wir hoffen, wie im Frühling noch einmal mit einem blauen Auge davonzukommen. Wir hoffen auf eine zweite Solidaritätswelle.»

Was er für sich und für die Gesellschaft auf keinen Fall will, ist aufgeben: «Jammern bringt nichts. Eine Kollektivdepression und Stillstand wären schlimm. Menschlich habe ich dieses Jahr unglaublich schöne Dinge erlebt, so viel gegenseitige Wertschätzung gespürt. Wir haben im Frühling gelernt, zusammenzuhalten, das schaffen wir wieder.» Auf jeden Fall sind jetzt alle Oltner ermutigt, kräftige Schlucke zu nehmen: Jede gelieferte Bierkiste hält die Brauerei weitere zwei Stunden über Wasser.