Solothurn
Nachruf: Otto Lehmann – seine Einfühlung, Hingabe und Konsequenz

Christoph Vögele, Konservator Kunstmuseum Solothurn, zum Tod des Zeichners und Malers Otto Lehmann (1943 - 2021).

Christoph Vögele
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Künstler Otto Lehmann in seinem Atelier in Emmenbrücke am Montag, 4. November 2019. Otto Lehmann hat den Nachlass seiner Werke bereits zu Lebzeiten geregelt.

Künstler Otto Lehmann in seinem Atelier in Emmenbrücke am Montag, 4. November 2019. Otto Lehmann hat den Nachlass seiner Werke bereits zu Lebzeiten geregelt.

Philipp Schmidli

Otto Lehmann, 1943 in Solothurn geboren und aufgewachsen, gehörte zu den wichtigen Schweizer Kunstschaffenden seiner Generation. Obwohl er sich bereits 1965 im Kanton Luzern niederliess, blieb er seiner Heimatregion eng verbunden. Im Kunstmuseum Solothurn waren ihm 1995, 2001 und 2019 Einzelausstellungen gewidmet; und auch die hiesigen Galerien, vor allem die Freitagsgalerie, engagierten sich für sein Schaffen.

1990 erhielt er den Preis für Malerei des Kantons Solothurn. Schon lange zuvor aber war er mit seinen Zeichnungen, die in ihrer expressiven Kraft eine Verbindung zur Bildwelt der «Neuen Wilden» zeigten, national aufgefallen: 1976 und 1982 erhielt er das Eidgenössische Stipendium; und ab 1980 wurden er durch die renommierte Zürcher Galerie Jörg Stummer vertreten.

Die Entscheidung für die Kunst erfolgte gleichwohl spät; erst mit 38 Jahren erlaubte er sich – mit der mutigen Unterstützung seiner Frau Kristin – den Schritt vom Gebrauchsgrafiker zum Künstler. Noch lange aber verdiente er sich zur Unterstützung der Familie ein Zubrot als Lehrbeauftragter des Berufsbildungszentrums Luzern.

Umsicht und Konsequenz prägten auch seinen Umgang mit der Kunst. Bescheiden und liebenswürdig stellte er seine eigene Person stets in den Hintergrund. Umso direkter wurde die Tiefe seiner Gefühlswelt in seinen Werken spürbar.

Otto Lehmann war durchaus offen für Gespräche über seine Kunst. Gerne erinnere ich mich an seine regelmässigen Besuche im Museum, an das gemeinsame Betrachten seiner neuesten Zeichnungen, die mich oft so tief bewegten, dass ich lange sprachlos blieb. Otto Lehmanns Kunst hat mich in ihrer Wahrhaftigkeit und Notwendigkeit an die Kunst der «Art brut», die Kunst der Geisteskranken, erinnert, die uns beide faszinierte.

In der letzten Ausstellung Noli me tangere (Rühr mich nicht an) im Kunstmuseum Solothurn, 2019, zeigte er seine gleichnamigen Serien, mit denen er die Bedrohung durch eine Krebserkrankung verarbeitete. Als er mir kurz danach berichtete, er habe (noch ungenesen) die Serie beendet, war meine Freude gross.

Nun hat er bei Gartenarbeiten einen Schlaganfall erlitten und ist am 14. Oktober an einer Hirnblutung verstorben. Seine Werke aber werden uns weiterhin berühren, durch ihre Kraft und schonungslose Ehrlichkeit, ihre Schönheit und Zärtlichkeit.

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