Lehrbeginn 2020

«Man muss nun halt etwas selbständiger sein»: Vier Lehrlinge erzählen von ihrem Berufseinstieg

Für 2518 Solothurner Jugendliche beginnt mit dem Ende der Sommerferien auch ein neuer Lebensabschnitt. Die obligatorische Schulzeit ist zu Ende, jetzt gilt es, den Einstieg ins Berufsleben zu meistern. Vier Lehrlinge erzählen, wie es ihnen dabei geht.

Tanja Graziano und Gülpinar Günes
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Die vier Lehrlinge Joel Flury, Gianni Bernasconi, Gjessika Selmani und Chris Berger.

Die vier Lehrlinge Joel Flury, Gianni Bernasconi, Gjessika Selmani und Chris Berger.

tom/bko

Chris Berger, 16, La Heutte – Schreiner-Lehrling

 Chris Berger startete diese Woche seine Lehre als Schreiner in Grenchen.
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 Er durfte bereits Holzleisten zersägen und sie lackieren.
 Er konnte seinen Lehrmeister beim Schnuppern mit seinem Können und seinem Interesse am Metier beeindrucken.

Chris Berger startete diese Woche seine Lehre als Schreiner in Grenchen.

Thomas Ulrich

In der Lackierkammer der Schreinerei Hehlen in Grenchen ist was los. Konzentriert und mit viel Fingerspitzengefühl besprüht Chris Berger kurze Holzleisten mit königblauer Farbe. «Es ist ein cooler Auftrag und macht mir Spass», sagt der neue Lehrling des Unternehmens. Bereits am ersten Tage habe er die Holzleisten zusägen und bearbeiten dürfen, ein Auftrag von Swiss Cycling, dem Verband für Schweizer Radsportler. Auch mit dem Bohrer scheint der junge und ruhige Mann aus dem Berner Jura vertraut zu sein. «In den Ferien musste ich mal die Küche vom Nachbarn abmontieren», erinnert sich der 16-Jährige. Seine allerersten Arbeitstage in der Schreinere behält er in guter Erinnerung. So durften seine Eltern und Schwester gleich nach dem ersten Tag erfahren, wie wohl er sich im Team fühlt. «Ich habe erzählt, dass das Team sehr nett ist», sagt er. «Sie fragen immer wieder nach, wie es läuft und man kann selber auf sie zugehen. Es ist wirklich ein cooles Team.»

Schreiner statt Zimmermann

Eigentlich habe Chris aber Zimmermann werden wollen. Trotz mehreren Schnupperstellen habe es jedoch nicht klappen wollen mit der Lehrstelle. «Aber die Schreinerlehre hat mir auch gefallen», sagt er. Dass es etwas mit Holz sein sollte, das habe er schon als Kind gewusst. Aber auch mit der Lehrstelle in einer Schreinerei habe es lange Zeit düster ausgesehen. «Da hat mich meine Grossmutter auf die freie Stelle hier in Grenchen aufmerksam gemacht. Und nach dem Schnuppern hatte ich die Lehrstelle schon», sagt er erfreut. «Ich konnte viel sehen und machen in dieser Woche, das hat mir wirklich gefallen.» Das sei vergangenen Dzember gewesen. Chris habe mit seinem Können und seinem Interesse für das Metier überzeugen können, ergänzen Geschäftsführer Peter Hehlen und Lehrlingsbetreuer Simon Ruchti.

Trotz der «gescheiterten» Zimmermannlehre lässt sich der angehende Schreiner nicht runterziehen. «Ich kann die Lehre auch später noch anhängen», sagt Chris. «Das machen viele so.» Und sowieso sieht er sich in Zukunft als Hochbauzeichner. «Ich möchte mich immer weiter ausbilden.» Die ersten Schritte auf dem Weg zum Ziel macht er nun in der Schreinerei Hehlen. Täglich reist er aus La Heutte nord-östlich von Grenchen mit dem Zug an. «Ich muss nun etwas früher aufstehen als zuvor», sagt er. «Man merkt schon, dass es nicht mehr wie vorher ist.» Bereits um halb sechs müsse er aus den Federn, rund eine Stunde früher als während der Schulzeit in Corgémont. Aber ansonsten seien die Arbeitszeiten in Ordnung. Er schaffe es sogar jeweils rechtzeitig zum Fussballtraining am Abend.

«Wie bestellt ein Schreiner fünf Bier an der Bar?»

Eigentlich ist alles wie vorher aber doch anders. Chris sei zu Beginn seiner letzten Sommerferien noch nervös gewesen, doch das habe sich dann gelegt. Aber hin und wieder hole ihn die Gegenwart wieder ein. «Beim Einschlafen mache ich mir manchmal Gedanken darüber, was mich nun alles erwartet und wie meine Lehre wird.» Bis jetzt auf jeden Fall habe er Spass an der Arbeit. Und auch bei fingerlosen Schreinerwitzen vergeht ihm das Lachen nicht.

Joel Flury, 15, Oekingen – Landwirt-Lehrling

 Auch Joel Flury begann diese Woche seine Lehre. In drei Jahren will er den Abschluss Landwirt EFZ haben.
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 In den kommenden drei Jahren will er möglichst viel Erfahrung sammeln, um später den Betrieb seines Vaters übernehmen zu können.
 Dazu gehört neben dem Umgang mit den Tieren auch das Verständnis für die Maschinen. Hier zeigt ihm sein Lehrmeister Christoph Haefely die wichtigsten Funktionen.

Auch Joel Flury begann diese Woche seine Lehre. In drei Jahren will er den Abschluss Landwirt EFZ haben.

Bruno Kissling

«Ich wusste bereits in der siebten Klasse, was ich machen möchte. Warum hätte ich bis zur Neunten warten sollen mit der Lehrstellensuche?» Joel Flury ist ein pragmatischer und selbständiger junger Mann. Seine Antworten sind stets überlegt und bodenständig, trotz seines jugendlichen Alters. Der 15-jährige Bauernsohn aus Oekingen wusste bereits seit Beginn der Sekundarschule, dass er Landwirt werde will und hatte im Verlauf der neunten Klasse bereits alle Lehrstellen für seine Lehre, die er am Montag auf dem Wigerhof in Hägendorf begonnen hat. Sein Lehrmeister, der 27-jährige Christoph Haefely, ist jetzt schon begeistert von ihm. «Er weiss, was es heisst, zu arbeiten und hat Freude an dem, was er macht», sagt er. Bereits am ersten Tag seiner Schnupperlehre vor zwei Jahren sei daher klar gewesen, dass er die Stelle bekommen werde, wenn er sie wolle. Die Erfahrungen, die Joel vom Betrieb zu Hause mitbringt, als auch der unkomplizierte Umgang mit ihm seien dabei entscheidend gewesen.

Er wird den Betrieb des Vaters übernehmen

Joel selbst hat den Betrieb für den Start seiner Lehre aber nicht zufällig gewählt – der junge Mann hat einen Plan mit Weitblick für die kommenden drei Jahre. Anders als andere Berufslehren nämlich, müssen angehende Landwirte jedes der drei Lehrjahre auf einem anderen Betrieb verbringen und diese Gelegenheit will Joel voll und ganz ausnutzen. «Ich habe geschaut, dass es jeweils unterschiedliche Betriebe sind», sagt er. Der erste sei ähnlich, wie der Betrieb bei ihnen zu Hause: ein gemischter Ackerbau- und Milchviehbetrieb. Der zweite Betrieb in Estevayer (FR) habe einen Melkroboter. «Da sehe ich wie das funktioniert», sagt Joel. «Die Erfahrung kann im späteren Berufsleben hilfreich sein, beispielsweise wenn ich neuen Stall bauen will.» Den richtigen Umgang mit den temperamentvollen Mastmunis und deren Verhalten will er im dritten und letzten Betrieb in Herbetswil erlernen und damit einen weiteren Zweig der Landwirtschaft abdecken. Denn für ihn ist bereits klar: Er will eines Tages den Betrieb seines Vaters in Oekingen übernehmen.

Eine Lehre die Opfer fordert

Für diese Leidenschaft ist er auch bereit Dinge aufzuopfern, die für andere Jugendliche in seinem Alter selbstverständlich sind: Seine letzten Sommerferien vor dem Berufseinstieg beispielsweise verbrachte er mit der Arbeit auf dem Hof seiner Eltern. «Wenn ich mich hätte zurücklehnen wolle, hätte ich das einrichten können. Aber ich wollte nicht», sagt er. Wegen der neuen Arbeitszeiten muss er derzeit auch auf die Unihockey-Trainings verzichten, die er zweimal pro Woche besuchte. Auch seine Kollegen kann er weniger häufig sehen als zuvor. Aber auch das sieht er mit einer realistischen Leichtigkeit. «Ich muss mir halt neue suchen in der Region», sagt er schmunzelnd. «Die guten Freunde aber werde ich sicher behalten.» Das Loslösen von zu Hause sei ihm ebenfalls wenig schwergefallen. «Es ist eine nette Familie hier. Ich fühle mich fast wie zu Hause», sagt der Lehrling, der nun das kommende Jahr in Hägendorf verbringen wird. «Man muss nun halt etwas selbständiger sein, aber das ist kein Problem für mich.» So ist der Einstieg ins Berufsleben überraschenderweise nichts Besonderes für den angehenden Landwirten. Die 55-Stunden-Wochen gehören in Zukunft zu seinem Alltag, um in die späteren Arbeitsverhältnisse hineinzuwachsen. Meist seien das noch 10 Stunden mehr, wie der Lehrmeister anhängt. Aber die fehlende Freizeit mache dem Lehrling kaum etwas aus. «Das, was ich hier mache, mache ich sehr gerne. Das war zu Hause auch immer so.»

Gjessika Selmani, 16, Bettlach - Floristin-Lernende

 Gjessika Selmani macht die Lehre als Floristin beim Blumenland Soledurn.

Gjessika Selmani macht die Lehre als Floristin beim Blumenland Soledurn.

Tom Ulrich
 Bereits nach dem ersten Schnuppertag wusste sie, dass ihr der Beruf gefällt.

Bereits nach dem ersten Schnuppertag wusste sie, dass ihr der Beruf gefällt.

Tom Ulrich

«Ich bin gerne in der Natur», verrät Gjessika Selmani aus Bettlach. Deshalb habe sie sich für die Lehre als Floristin entschieden. Diese absolviert sie im Bluemeland Soledurn. Schon früh habe sie sich mit der Lehrstellensuche beschäftigt. Mit Schnuppern habe die Sek B in Bettlach bereits in der 8. Klasse angefangen. Vom Lehrbetrieb sei sie schon am ersten Schnuppertag begeistert gewesen.
«Danach habe ich mich direkt beworben. Ich wollte die Lehrstelle unbedingt haben», verrät sie. Dass es mit der ersten Bewerbung direkt klappte, habe sie überglücklich gemacht. Nebst dem war sie eine der Ersten, die in ihrer Klasse eine Lehrstelle hatte. «Ich habe meinen Lehrvertrag im Herbst 2019 unterschrieben», so Gjessika. Damals sei eine grosse Last von ihr abgefallen. «Ich hatte grosse Angst vor der Stellensuche», gesteht sie ein. Die Lehre werde sicher auch anstrengend. Für die Prüfungen müsse sie alle Blumennamen auswendig können. «Beim Spazieren in der Natur frage ich mich immer, wie die verschiedenen Pflanzen heissen.» Das erfahre sie nun endlich durch die Ausbildung.
«Bisher habe ich noch keine Lieblingsblume. Das wird sich während der Arbeit sicher noch ergeben.» Und genau darauf freut sich die 16-Jährige am meisten. Den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, sei jedoch eine grosse Umstellung. «Einige meiner Freunde sagen, sie könnten das nicht», meint sie schmunzelnd.

Die Lehre ist jedoch nicht die erste Arbeitserfahrung, die Gjessika macht. «Während der Oberstufe habe ich am Mittwochnachmittag im Altersheim ausgeholfen.» Alternativ zum Beruf Floristin habe sie sich zudem überlegt, die Ausbildung als Pflegeassistentin im Altersheim zu machen. «Ich kann aber kein Blut sehen, deshalb habe ich mich fürs Kreative entschieden», fügt sie lachend an. Sie ist eine von wenigen, die sich aktuell noch für die Floristenlehre entscheiden. «In den letzten 12 Jahren hatten wir einen Rückgang von 50 Prozent pro Lehrjahr», sagt Stefan Käser, Leiter vom Bluemeland Soledurn sowie Gjessikas Lehrmeister. Deshalb fehle der Nachwuchs bei den Floristen. «Zudem gehen viele nach der Lehre vom Beruf ab.» Dieses Jahr gebe es im Kanton nur vier angehende Floristen: «Wir mussten deshalb die Gewerbeschule in Solothurn schliessen.» Deshalb hat Gjessika in Lyss Unterricht», ergänzt er. Gjessicas Zukunftspläne sind jedenfalls sehr positiv für ihn. Auch wenn ihr noch drei Jahre Ausbildung bevorstehen, ist klar: «Ich werde auch nach der Lehre auf dem Beruf bleiben.» Schon nach den ersten Tagen im Betrieb ist sie begeistert. Es sei schön gewesen, das Team besser kennen zu lernen. «Anfangs war ich sehr nervös. Jetzt macht die Arbeit Spass», versichert sie.

Gianni Bernasconi, 15, Lohn-Ammannsegg - Sanitärinstallateur-Lehrling

 Gianni Bernasconi startete diese Woche seine Lehre als Sanitärinstallateur bei der Kläy Haustechnik AG.
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 Bereits in der ersten Woche darf er die Mitarbeiter auf verschiedene Baustellen begleiten und mit anpacken.
 Im heutigen Auftrag ersetzt sein Team einen Heisswasserboiler.

Gianni Bernasconi startete diese Woche seine Lehre als Sanitärinstallateur bei der Kläy Haustechnik AG.

Tom Ulrich

«Ich bin der erste in der Familie, der in diese Richtung geht», sagt Gianni Bernasconi, der diese Woche seine Lehre als Sanitärinstallateur bei der Firma Kläy in Lohn-Ammannsegg gestartet hat. Er ist zufrieden mit seiner Wahl. «Mein Interesse für den Beruf geht relativ weit zurück. Schon als kleiner Junge habe ich gerne den Handwerkern zugeschaut», verrät er. Als es mit der Lehrstellensuche losging, sei die Richtung für ihn schon klar gewesen. «Ich habe verschiedene Messen besucht und bin dort auf die Firma Kläy gestossen», meint der 15-Jährige, der selber in Lohn-Ammannsegg wohnt.
Schon nach zwei Tagen Schnuppern habe ihm der Beruf gefallen. «Die Ausbildung ist sehr spannend und vielseitig. Am meisten gefällt mir der Kundenkontakt». Nebst dem geniesse er das angenehme Arbeitsklima. «Auf den Baustellen herrscht eine lockere Atmosphäre und alle sind per Du. So macht die Arbeit Spass», findet er. Den Lehrvertrag habe er im Herbst 2019 unterschrieben. Schon im Jahr vorher habe er jedoch mit dem Schnuppern begonnen. «Ich habe mich bei mehreren Firmen beworben, mich aber schliesslich für Kläy entschieden», sagt er. Es sei ein guter Entscheid gewesen. «Bei Kläy gibt es viele Weiterbildungsmöglichkeiten», ist Gianni wichtig. Obwohl ihm eine vierjährige Lehre bevorsteht, sind seine Zukunftsziele schon klar. «Nach dem Abschluss möchte ich mich als Lehrmeister weiterbilden», weiss er.

Auch wenn er lieber draussen auf den Baustellen ist, freut er sich auf die Berufsschule. «Je mehr ich mich auf dem Beruf weiterbilde, desto mehr verdiene ich später. Dafür gehe ich gerne etwas länger in die Schule», ist er der Meinung. Im Moment freut er sich aber mehr auf das Praktische. «Das tolle an unseren Aufgaben ist, dass wir Abends sehen, was wir erreicht haben». Weniger freue er sich auf den Prüfungsstress in der Schule. «Unsere Fächer sind sehr Mathematik-lastig.» Komplizierte Formeln würden ihm nicht so liegen. «Aber das gehört auch dazu», meint er. Handwerklich begeistert war er schon immer. «Ich bin ein hobbymässiger «Töfflischrauber». Mein «Töffli» habe ich von Grund auf neu ausgestattet», erklärt Gianni. Dafür habe er über 100 Stunden gebraucht. «Man ist aber nie fertig». Er finde immer wieder etwas Neues, an dem er herumschrauben könne. Auf das Montieren und die Arbeit im Neubau freue er sich in der Lehre am meisten. «Es gibt viele schöne Aufgaben». Technisch werde er noch viel lernen, denn zum Beruf gehöre vieles dazu. Von Leitungen auf Baustellen über Badezimmereinrichtungen und Boilern sei alles mit dabei. Diese Woche habe er dabei geholfen, Rohre anzuschrauben. «Wir tun also viel mehr als nur Toiletten zu montieren», meint er schmunzelnd.