Jahresbericht 2017

Jugendanwaltschaft: Gute Bilanz, aber Probleme bei der Integration von straffälligen Jugendlichen

Die Leitende Jugendanwältin zeigt sich einmal mehr zufrieden, nach 2017 zieht sie eine positive Bilanz. Obwohl die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen auch schwieriger geworden ist. So hat die Jugendanwaltschaft nicht all ihre Ziele erreicht.

Noëlle Karpf
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Die Jugendanwaltschaft kann eine positive Bilanz ziehen, obwohl die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen schwieriger geworden ist. (Symbolbild)

Die Jugendanwaltschaft kann eine positive Bilanz ziehen, obwohl die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen schwieriger geworden ist. (Symbolbild)

Keystone

«Einmal und nie wieder». Wer kifft, stiehlt oder zuschlägt, kriegt es mit der Jugendanwaltschaft zu tun. Diese behandelt die Fälle der 10 bis 18-jährigen Straftäter im Kanton. Und begleitet sie danach - beispielsweise mit dem internen Sozialdienst in der Bewährungshilfe – um die Jugendlichen möglichst nur «einmal und nie wieder» zu sehen. Knapp 1000 Fälle bearbeitete die Jugendanwaltschaft unter Barbara Altermatt im vergangenen Jahr. «Der Charre lauft», lautet die Bilanz der Leitenden Jugendanwältin zu 2017. Sie spricht von einem «guten, angenehmen» Jahr. Keine Fälle, die grossen Staub aufwirbelten, keine Zunahme bei den Straftaten, und keine Pendenzenberge.

Die Zahlen im jährlichen Geschäftsbericht sind relativ stabil. Die Anzahl Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz – die häufigste Straftat in der Fallstatistik – hat abgenommen. Letztes Jahr wurden beispielsweise weniger «Töffli» frisiert. Auch der Cannabiskonsum ging leicht zurück. Zumindest in der Statistik. Es wurden zwar weniger Jugendliche wegen Drogenkonsums verurteilt, laut Altermatt liegt das aber nicht daran, dass weniger Gras geraucht wurde, sondern daran, dass es einfach zu weniger Anzeigen kam.
Die Anzahl Gewaltdelikte ist leicht angestiegen. Da es jährlich aber nur zu beispielsweise rund 15 schweren Drohungen kommt, machen einzelne Fälle in der Statistik viel aus. Signifikante Anstiege gibt es keine. Die Leitende Jugendanwältin ist zufrieden mit der geleisteten Arbeit. Und doch: Ein Ziel habe man verfehlt.

Ein Viertel wird rückfällig

«Bei manchen Jugendlichen können wir den Schalter gar nicht kippen», sagt die Leitende Jugendanwältin Barbara Altermatt. Als rückfällig gilt, wer mehrmals wegen eines Vergehens oder Verbrechens verurteilt wird. Also «schwere Jungs», die beispielsweise Gewaltdelikte begehen, und nicht nur eine Busse ohne Verhandlung beim Jugendgericht erhalten. 2017 wurde ein Viertel rückfällig.

Altermatt plädiert zwar für ambulante Massnahmen – punktuelle Begleitung von Jugendlichen, anstelle von ständiger Betreuung. Für Jugendliche, die auch schwere Straftaten wie Verstösse gegen das Waffengesetz begehen, reiche das aber nicht. Im Verlaufe des letzten Jahres befanden sich 18 dieser Jugendlichen in einer stationären Massnahme. Laut Geschäftsbericht kostete die «kostenintensivste Platzierung» 2017 710 Franken pro Tag. (NKA)

Zu wenig Struktur

Dieses Ziel heisst Tagesstruktur. Wer keine Lehrstelle hat, keinen Ausbildungsplatz findet, nach der Schule den Sprung in die Berufswelt nicht schafft, ist frustriert. Und anfälliger für Straftaten, denn: «Je länger sie keine Aufgabe haben, umso mehr sinkt ihr Selbstwertgefühl», erklärt Altermatt. Die Jugendlichen lebten mit dem Gedanken «ich genüge nicht», und kämen eher auf die schiefe Bahn. Zum Leistungsauftrag der Jugendanwaltschaft gehört, 85 Prozent der Straffälligen wieder in den Alltag zu integrieren, damit sie nicht erneut gegen das Gesetz verstossen. Diese Quote wurde vergangenes Jahr nicht erreicht, sagt Altermatt klar.

Für Tagesstruktur soll etwa ein Praktikum sorgen – oder frühe Termine bei der Jugendanwaltschaft, wofür die Jungen morgens aus dem Bett müssen. Eine weitere, «etwas kreativere» Massnahme ist laut Altermatt, dass die Jugendlichen mit ihrem Handy aufnehmen müssen, wie sie Bewerbungsunterlagen für eine neue Stelle abgeben. So sollen Jugendliche bis Ende der angeordneten Schutzmassnahme oder Bewährungshilfe eine Tagesstruktur haben.

Junge heute mehr gefordert

Die angestrebte Quote bei der Tagesstruktur wurde trotz dieser Massnahmen nicht erreicht, weil der Sprung in die Berufswelt einfach immer schwieriger geworden sei, erklärt Altermatt. Schulabgänger werden immer jünger. Bereits mit 14 oder 15 Jahren müssen die den Anforderungen eines Ausbildungsbetriebes gerecht werden. Das schaffen nicht alle. Zudem gebe es für diejenigen, die «auch intellektuell gesehen nicht auf Rosen gebettet sind» heute weniger niederschwellige Jobangebote. Das erschwere die Aufgabe, die Jugendlichen nach einer Straftat besser in den Alltag zu integrieren – damit die Jugendanwaltschaft mit diesen Jungen nur «einmal und nie wieder» zu tun hat.