Dokumentarfilm
«In der Nacht fliegt die Seele weiter»: Ein Film über das Blindsein

Peter Jaeggis erster Dokumentarfilm «In der Nacht fliegt die Seele weiter» über die 43-jährige blinde Künstlerin Pina Dolce, die mit 15 Jahren komplett erblindete, wird auf SRF1 ausgestrahlt.

Angelica Schorre
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Peter Jaeggi und die blinde Pina Dolce diskutieren in einer Ausstellung über die gezeigten Fotos.

Peter Jaeggi und die blinde Pina Dolce diskutieren in einer Ausstellung über die gezeigten Fotos.

Hugo Jaeggi

Blindsein heisst nicht, nichts zu sehen. Blindsein heisst, anders zu sehen.» Dies sagt die Protagonistin des neuen Dokumentarfilms «In der Nacht fliegt die Seele weiter». Den Film über die blinde Künstlerin – sie malt, fotografiert und dreht Videos – und Familienfrau Pina Dolce hat der bekannte Autor und Radiojournalist Peter Jaeggi aus Niederwil gedreht.

Erstmals begegnet ist Peter Jaeggi Pina Dolce in den 90er-Jahren im Rahmen einer Radioreportage über das Restaurant «Blinde Kuh» in Zürich. In diesem Restaurant ist es dunkel, blinde Menschen servieren das Essen. «Mir hat ihr Engagement imponiert», erinnert sich Peter Jaeggi. «Sie ist niemand, der vom Schicksal gebeugt durchs Leben geht. Ganz im Gegenteil.» Mit den Jahren ist – auch mit ihrer Familie – eine tiefe Freundschaft entstanden; eine Freundschaft, die nun in einem gemeinsamen Film gipfelt: «Ohne diese Vertrauensbasis hätte ich einen solchen Film gar nicht drehen können.»

Wie es zum Filmprojekt kam? Das hat mit Edelsteinen und einem Zufall zu tun. Peter Jaeggi wollte eigentlich einen Dokumentarfilm über einen alten Opalsucher in Australien drehen. Ivo Kummer, damals noch Inhaber der Solothurner Insertfilm AG, hatte er bereits auf seiner Seite. Doch besagter Opalsucher erkrankte – das Aus für den Film. Da erzählte Peter Jaeggi von seiner Freundschaft mit der blinden Künstlerin Pina Dolce in Basel. Kein Opal, aber ein anderer wunderschöner Edelstein wurde gefunden: «Nun, zwei Wochen später sassen Ivo Kummer und ich bei Pina in der Küche», erzählt Peter Jaeggi. Das ist nun dreieinhalb Jahre her; der Film ist fertig.

Pina Dolce, heute 43 Jahre alt, erblindete mit 15 Jahren vollständig. Der feinfühlige, aber unsentimentale Film beschönigt nichts, dramatisiert aber auch nichts. Pina Dolce macht ihren Bachelor of Arts in Boston, studiert dann an der Uni Freiburg, heiratet Urs Hodel, Sohn Viviano, heute 4 Jahre alt, kommt auf die Welt. Pina beginnt ein grosses Bild mit dem Titel «In der Nacht fliegt die Seele weiter» zu malen; sein Entstehen zieht sich wie ein roter Faden durch den Dokumentarfilm, der mit einer glanzvollen Vernissage zur Ausstellung ihrer Bilder endet. Der Film ist intensiv. Aber einige Szenen berühren besonders: Man ahnt, dass Pina in ihrem Zimmer im Dunkeln am Malen ist. Die Tür öffnet sich – Licht fällt herein –, Urs ruft zum Essen, die Tür schliesst sich wieder, Dunkelheit.

In einer anderen Szene versucht der kleine Viviano, seiner Mutter im kindlichen Eifer die Glasaugen einzusetzen. Oder die Stelle des Films, in der Pina Dolce erzählt, dass sie sich mit ihrer Blindheit abgefunden habe – bis zur Geburt ihres Sohnes. Sie kann sein Lächeln nicht sehen, ihm heute nicht folgen, wenn er ruft: «Mami, lueg.» Das bricht ihr das Herz. Und: Kann man die Frage, die sie auf einem ihrer Kunstwerke in Boston stellt, für sich beantworten: «Was ist wichtiger? Sehen oder weinen zu können?»

Blindsein heisst anders sehen. Was sieht Peter Jaeggi nach seinem Film anders? «Ich fühle die Aussage bestätigt, dass Blindsein nicht heisst, nichts zu sehen. Was wir sehen, ist immer subjektiv. In keinem Gebiet des Lebens gibt es die eine Wahrheit.» Diese Subjektivität kann man testen. Augen zu, Ohren auf: Auf der Website von Peter Jaeggi (www.peterjaeggi.ch) oder auf CD kann man den Geräuschen der ehemaligen Weissenstein-Sesselbahn zuhören. Welche Bilder steigen auf? Was sieht er, was sie? Was für Bilder würde Pina Dolce beim Zuhören sehen? Immer andere. Und keines hat die Wahrheit für sich gepachtet.

Informationen: «In der Nacht fliegt die Seele weiter.» Ein Film von Peter Jaeggi (Regie) mit Pina Dolce, Urs Hodel, Viviano. Kamera: Daniel Leippert. Ton: Olivier JeanRichard. Schnitt: Fränze Aerni. Produktion: Insertfilm AG Solothurn. Ausstrahlung: Sonntag, 15. Dezember 2013, um 11.55 Uhr in der Sendung «Sternstunde Kunst», Schweizer Fernsehen SRF1.