Gastautor
Für mehr Vielfalt statt Einfalt

Daniel Probst
Daniel Probst
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Anthony Anex / KEYSTONE

Fast nichts ist so lehrreich und unterhaltsam wie die Gespräche am Familientisch. Zwar denken meine Frau und ich, dass wir als Spätvierziger durchaus eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen und einigermassen am Puls der Zeit sind. Dennoch erleben wir mit unseren Kindern immer wieder erhellende Momente. So auch kürzlich, als wir uns an einem Samstagabend über die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung von Menschen und Tieren unterhielten.

Es ist schön, zu sehen, wie sich junge Menschen heute selbstverständlich solchen Themen zuwenden können, ohne dass ihnen dabei die Schamesröte ins Gesicht steigt oder sie um Worte und Meinungen verlegen sind. Auslöser der Diskussion war eine unbedachte Bemerkung von uns Eltern, als wir uns als «normal» bezeichneten, weil wir uns mit dem Geschlecht wohlfühlen, in das wir hineingeboren wurden. In diesem Falle seien wir nicht normal, sondern «cis», erklärten uns die Teenager. Neben Frau und Mann gebe es noch zig weitere, non-binäre Geschlechteridentitäten und Orientierungen, die sich während eines Lebens auch wandeln und ändern können.

Als Liberaler gefällt mir ein solches Menschenbild sehr. Und ich ärgere mich, dass wir als Gesellschaft heute ernsthaft noch darüber diskutieren oder sogar abstimmen müssen, ob gleichgeschlechtliche Paare heiraten oder Kinder adoptieren dürfen. Die aktuelle Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» des Naturhistorischen Museums Bern gibt Einblick in die Vielfalt der Geschlechter und sexuellen Ausrichtung bei Tieren und Menschen. Gezeigt wird zum Beispiel der Clownfisch, der auf Knopfdruck sein Geschlecht ändern kann, die Kaukasische Feldeidechse, bei der es keine Männchen gibt, oder der Gemeine Spaltblättling, der über 23000 Geschlechter verfügt.

Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde, oder die sich zu gleichgeschlechtlichen Menschen hingezogen fühlen, haben es in unserer heteronormativen Gesellschaft immer noch schwerer als sogenannt normale Menschen. Warum eigentlich?

Warum sehen wir männlich und weiblich immer noch als feste Kategorien, und nicht als zwei Pole, zwischen denen ein Spektrum besteht, ähnlich wie bei einer vielfältigen Parteienlandschaft. Es würde uns auch nicht einfallen, die Blutgruppen A+ und 0+ als die normalen Blutgruppen zu bezeichnen, nur weil sie zusammen über 70 Prozent ausmachen. Oder Menschen, welche keine braunen Augen haben, andersartig zu nennen, weil sie weltweit zu einer 10-prozentigen Minderheit gehören.

Ich bin glücklich, in einer Zeit und in einem Land zu leben, in der und in dem wir in der gesellschaftlichen Vielfalt zunehmend Chancen erkennen. Gewiss erlebt der Liberalismus derzeit schwierige Zeiten. In einer komplexer werdenden Welt sehnen sich viele Menschen nach klaren Verhältnissen, eindeutigen Ansagen und einfachen Lösungen. Linke und rechte Ideologien haben derzeit Hochkonjunktur. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir als Gesellschaft ein noch viel grösseres Potenzial entfalten können, wenn wir die Freiheit und Kreativität der Menschen nicht nur zulassen, sondern diese aktiv leben, fördern und unterstützen. Die Kraft und die Schönheit der Natur liegt in deren Vielfalt statt Einfalt.

Daniel Probst, Direktor Solothurner Handelskammer, FDP-Kantonsrat, Olten