Gastautor
Die Welternährung beginnt auf dem lokalen Bauernhof

Wie wir uns ernähren, beeinflusst unter Umständen das Leben von vielen anderen Menschen. Der 1. August zeigt uns, wie es auch anders gehen könnte. Saisonal und regional steht am Brunch auf dem Bauernhof im Zentrum.

Markus Allemann
Markus Allemann
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Brunch auf dem Berghof Montpelon oberhalb von Gänsbrunnen im vergangenen Jahr.

Brunch auf dem Berghof Montpelon oberhalb von Gänsbrunnen im vergangenen Jahr.

Patrick Luethy

Seit 29 Jahren laden Schweizer Bauernhöfe am 1. August zum Brunch. Auf dem lokalen Bauernhof vor der Haustür beginnt, was global den Welthunger besiegen kann: Lokal produziertes, feines und gesundes Essen.

Als vor 12 Jahren in Rom der letzte Gipfel zu den globalen Ernährungssystemen stattfand, titelten die Zeitungen «Welternährungsgipfel der vertanen Chancen». Diese Woche findet der Vor-Gipfel zum nächsten grossen Welt-Happening Ende September in New York statt. Der Leerlauf von damals braucht sich nicht zu wiederholen: Wissenschaft und Praxis haben in den vergangenen Jahren gute Entscheidungsgrundlagen geliefert. Zusammengefasst lauten sie: Wer unter der Bedingung des Klimawandels kommenden Generationen gesunde, kulturell angepasste Nahrung sichern will, muss für gerechte und nachhaltige Ernährungssysteme sorgen.

Die Grenzen des Ökosystems Erde lassen sich nicht wegdiskutieren: Das Artensterben findet in hohem Tempo statt. Der Stickstoffkreislauf ist überfordert. Die Bodenressourcen sind erschöpft. Noch mehr Pestizide und Dünger in die Böden einzubringen ist keine Option. Menschen aus ihren Regenwäldern für Sojafelder zu vertreiben ebenfalls nicht. Unser Klimasystem kippt wohl bald. Kann die Umkehr gelingen? Oder wird dieser Irrsinn, angetrieben durch das achtlose Essverhalten der globalen Mittel- und Oberschicht, fortgeschrieben?

Markus Allemann, Gastautor und Geschäftsführer der Stiftung Swissaid.

Markus Allemann, Gastautor und Geschäftsführer der Stiftung Swissaid.

Zvg / Solothurner Zeitung

SWISSAID arbeitet seit Jahren im globalen Süden. Die Erkenntnisse sind eindeutig. Die Bäuerin in Nicaragua, Tschad, Myanmar und Indien weiss, wie sie ihre Kinder divers und gesund ernähren kann und gleichzeitig die Biodiversität schützt. Ein Anschauungsbeispiel sind die von den Bauern selbst verwalteten Saatgutsorten. Es geht ohne Patente und Gentechnologie. Die profitgetriebenen Methoden der Saatgut- und Agrarindustrie haben ausgedient. Sie behindern den Fortschritt und schaffen zu viele Verliererinnen.

Der Kampf für resiliente, ökologische und gerechte Ernährungssysteme hat eine lange Geschichte. Seit den 70er Jahren ist die kostengünstige, lokal angepasste, äusserst effektive Methode als «Agroökologie» bekannt. Der Ausgangspunkt des agroökologischen Wissens ist die Bäuerin oder der Bauer selbst. Die Erfolgsfaktoren sind der Wissensaustausch, die fortlaufende Anpassung und Vermehrung des Saatguts unter den Bäuerinnen und Bauern, die Stärkung der Bodenfruchtbarkeit und der Diversität im Anbau, die Sicherung der lokalen Märkte sowie langfristiges und vernetztes Handeln. Dank der Digitalisierung sind heutzutage im Vergleich zu vor 20 Jahren neue Möglichkeiten vorhanden, einen transparenten Austausch von Erfahrungswissen im lokalen wie im globalen Massstab zu bewerkstelligen.

Es ist nicht zu spät. Die Schweiz soll mithelfen, den Welternährungsgipfel zu einem Erfolg zu machen. Gerade in der Schweiz haben Forschende in den vergangenen Jahren viel neues, agroökologisches Wissen erarbeitet und getestet. Überdies ist die Schweiz mit der Bedeutung von Familienbetrieben als Pfeiler des Ernährungssystems vertraut. Die kleine Schweiz hat alle Voraussetzungen, eine wichtige Vorreiterrolle zu spielen. Die Agroökologie lehrt uns nämlich auch, dass es auf die Grösse nicht ankommt. Was sich auch seit 29 Jahren anlässlich des 1. August-Brunches immer wieder bewahrheitet.

Markus Allemann, Geschäftsleiter der Stiftung SWISSAID

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