Gesundheitsversorgung

Die Apotheke wird zunehmend zur Praxis

Finanzierungsanreize sollen Patienten bei Bagatellen nicht zuerst zum Hausarzt führen, sondern in Apotheken. So sollen schliesslich auch Hausärzte entlastet werden.

Balz Bruder
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Schon heute ist es im Kanton Solothurn so, dass Ärzte und Apotheker Grippeimpfungen durchführen. Doch das muss noch nicht alles sein. (Symbolbild)

Schon heute ist es im Kanton Solothurn so, dass Ärzte und Apotheker Grippeimpfungen durchführen. Doch das muss noch nicht alles sein. (Symbolbild)

Sandra Ardizzone

Wenn es nach dem Willen des Ständerats geht, sollen Leistungen von Apotheken durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) auch vergütet werden können, wenn die Apotheken während einer Behandlung keine Medikamente abgeben. Die kleine Kammer hat in der letzten Sessionswoche eine Motion des Obwaldner Ständeherren Erich Ettlin gutgeheissen.

Für den Balsthaler Apotheker Florian Sarkar ein richtiger Entscheid. Werden Beratungen und Abklärungen von Apotheken heute nur vergütet, wenn dabei ein vom Arzt verschriebenes Medikament abgegeben wird, könnte eine Neuregelung dazu führen, dass in Bezug auf die erste Anlaufstelle ein neuer Anreiz gesetzt wird. Konkret: Weil die OKP bei Bagatellfällen nur beim Arzt oder im Spitalnotfall greift, führt dies laut Sarkar «zur paradoxen Situation, dass die Wartezimmer bei den Hausärzten voll sind mit Patienten, die auch in Apotheken behandelt werden könnten. Und in den Praxen die Zeit fehlt, um sich um komplexe Fälle zu kümmern. Mit der Folge, dass die Patienten an den Notfall verwiesen werden, obwohl die Apotheke ebenfalls weiterhelfen könnte.

Apotheker: «Überfällig»

Für Sarkar, Vorstandsmitglied des Apothekervereins des Kantons Solothurn
(AVSO) und Präsident der Jungen Apotheker Schweiz (swissYPG), ist klar: «Es ist dem Konsumenten nicht glaubhaft zu erklären, warum er eine medizinische Leistung wie Impfen, Wundversorgung oder die Abklärung einer Augenentzündung in der Apotheke selber bezahlen muss, während sie beim Hausarzt oder Spitalnotfall bezahlt wird.» Insbesondere finanziell schlechter gestellte Personen entscheiden sich laut Sarkar «sehr schnell für den Arztbesuch».

Und er sieht noch weitere Vorteile: «Apotheken sind sechs Tage in der Woche geöffnet, machen keine Betriebsferien, sind ohne Terminvereinbarung zugänglich und haben kaum Wartezeiten.» Summa summarum: «Sie sind für die Bevölkerung die ideale erste Anlaufstelle für präventive Angebote, die Behandlung häufiger Gesundheitsstörungen und Anliegen rund um die Medikation.» Ganz abgesehen von den medizinischen Folgekosten, die entstehen, wenn Menschen zu lange warten, um sich medizinische Hilfe zu holen: «Vor diesem Hintergrund ist es schon lange überfällig, Apothekerinnen und Apotheker für nicht produktbasierte Leistungen abzugelten», sagt Sarkar.

Auch wenn es in Ärztekreisen unterschiedliche Meinungen über die Aufgabenteilung zwischen Arztpraxen und Apotheken beziehungsweise dem Grad der Durchlässigkeit bei der Erbringung von medizinischen Leistungen geht: Florian Leupold, Co-Präsident der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Kantons Solothurn (GAeSO), hat kein Problem damit, dass in Apotheken – wie dies heute schon möglich ist – beispielsweise Impfungen durchgeführt werden. Dies unter der Voraussetzung, dass die Apotheker dafür geschult sind, vor der Impfung eine sorgfältige Befragung der oft unbekannten Personen erfolgt und für den Notfall eines Impfzwischenfalls rasch ein Arzt zur Verfügung steht, sei «nichts dagegen einzuwenden».

In Gegenden, in denen die Hausärzte überlastet sind, halte er diese Ergänzung durch Apotheken sogar für «sehr begrüssenswert», sagt der in Breitenbach praktizierende Grundversorger. Allerdings: «Ob eine Grippeimpfung in der Apotheke am Ende kostengünstiger ist als in der Arztpraxis, müsste dann noch untersucht werden», gibt Leupold zu bedenken.

Zwar kann Apothekervertreter Sarkar den Beweis nicht aus dem Hut zaubern, sagt aber klar: «Die Fragen rund um steigende Kosten durch Mengenausweitung liessen sich am besten mit begleitender Versorgungsforschung beantworten.» Die Schweiz habe auf diesem Gebiet «sehr grossen Nachholbedarf». Untersuchungen in anderen Ländern hätten gezeigt, «dass der verstärkte Einbezug der Apotheken nicht nur die Qualität verbessert, sondern dazu noch die Kosten senkt». Zudem betont AVSO-Vorstandsmitglied Sarkar: «Personal und Infrastruktur von Apotheken machen heute nur 3,5 Prozent der OKP-Kosten aus.»

Arzt: «Kostensteigernd»

Ein Satz, den GAeSO-Co-Präsident Leupold so kommentiert: «Dass die Apothekerleistungen über die OKP abgerechnet werden sollen, ist für mich logisch, denn diese Kosten fallen dann – wenigstens teilweise – nicht in einer Arztpraxis an.» Unverzichtbar sei im heutigen politischen Umfeld aber, «dass klar zwischen den OKP-Kosten der Apotheker und der Ärzteschaft unterschieden wird.» Denn die Ausweitung der Leistungserbringung hin zu den Apotheken werde voraussichtlich zu einer Erhöhung der OKP-Ausgaben führen. Eine Entwicklung, die auch der in Solothurn beheimatete Krankenversicherungsverband Santésuisse befürchtet. Grundversorger Leupold möchte vor allem dies nicht: dass die Ausgabensteigerung in der Grundversicherung am Ende als Mengenausweitung der Ärzteschaft bezeichnet wird.