Grosskontrolle

Auch Bentley-Fahrer müssen mal raus

Eine Nacht lang kontrollierten Dutzende Solothurner Polizisten die Strassen im Kanton – mit Geduld, warmer Unterwäsche und nicht viel weniger als dem «richtigen Gspüri». Garantie, die Bösen zu erwischen, gibts nicht.

Lucien Fluri
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Ist mit den Reifen alles in Ordnung? Bentley in der Polizeikontrolle.

Ist mit den Reifen alles in Ordnung? Bentley in der Polizeikontrolle.

Tina Dauwalder und Thomas Ulrich

Die Kälte. Langsam schleicht sie sich in die Füsse und geht dann den ganzen Körper hoch. Es ist kurz nach Mitternacht und die Temperaturen sind im einstelligen Bereich, als ein Polizist auf dem sonst geschlossenen Autobahnparkplatz Oberbipp, Fahrtrichtung Zürich, erzählt, wie irgendwann auch die warme Wäsche nicht mehr hilft. Eben hat die nächtliche Autobahn-Grosskontrolle der 30 Polizisten begonnen. Die Nacht hier wird noch lang. Die Mützen sind über den Kopf gezogen. Das Ziel: Kriminelle zu finden.

Ein gutes Dutzend Blaulicht-Fahrzeuge steht auf dem früheren Rastplatz, unzählige orange Verkehrshütchen, viel Männer in Uniform und nur wenige Polizistinnen. Flutlicht leuchtet das Gelände aus wie ein Fussballstadion. Ein Auto nach dem anderen wird von der Autobahn herunter in eine der Kontrollnischen gewinkt. Kantonspolizisten, Militärpolizei, Amtsarzt, Grenzwache und ein Spezialist der MFK kontrollieren. Nagelgurte stehen bereit, wenn einer abhauen will.

Drei Stunden zuvor trinkt Roland Fringeli im Kellerraum des Oensinger Polizeiwerkhofes einen Kaffee. Der Gesamteinsatzleiter stellt sich auf eine lange Nacht ein. Bis um 4.30 Uhr früh dauert der Einsatz. Fringeli weiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was ihn erwartet. Geht jemand ins Netz? Oder bleibt es bei Verkehrskontrollen, bei Atem- und Drogentest und vergeblich geöffneten Kofferräumen? Der Einsatzleiter befürchtet so kurz vor Ostern Stau, wenn er die Autobahn sperrt. Die Aktion ist mit den umliegenden Kantonen koordiniert. 200 Polizisten und Grenzwächter stehen auf den Strassen im Bernbiet, in Solothurn und in den beiden Basel. Ennet der Grenze helfen deutsche und französische Kräfte mit.

Keiner weiss, was kommt

Präsenz. Schon seit den früheren Abendstunden sind abseits der Autobahn mehrere 8er-Teams mit Fahnder und Hundeführer unterwegs und kontrollieren im Schwarzbubenland, in der Region Solothurn-Grenchen, im Wasseramt, rund um Olten und im Gebiet Thal-Gäu die Strassen. Spätestens alle zwei Stunden wechseln sie den Standort. Schnell spricht sich herum, wo sie stehen.

Im ganzen Kanton zeigte die Polizei in der Nacht auf Donnerstag Präsenz. «Wir betreiben einen grossen Aufwand», sagt Kapo-Mediensprecher Bruno Gribi. Die intensive Kontrolle soll die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass einer ins Netz geht. Trotzdem warnt der Polizeisprecher vor zu grossen Erwartungen. «Möglicherweise haben wir am Morgen nichts vorzuweisen.» Dann wissen Kriminelle und die Bevölkerung, dass die Solothurner Polizei aufpasst. «Eine solche Kontrolle hat auch präventive Wirkung», sagt Gribi.

Bei der Befehlsausgabe Auf dem Gebiet des Kantons Solothurn wurde die Kantonspolizei bei der Kontrolle durch Mitarbeitende des Grenzwachtkorps, der Militärpolizei, einen Experten der Motorfahrzeugkontrolle und den Kantonsarzt unterstützt.
25 Bilder
Haupteinsatzleiter Roland Fringeli macht sich bereit
Auf dem Rastplatz Oberbipp, einem der Kontrolle-Standorte.
Grosskontrolle der Kantonspolizei Solothurn
Hier werden die Autos zur Kontrolle aus dem Verkehr gezogen.
Die Autofahrer werden gründlich kontolliert
Die Grosskontrolle gibt viel zu tun.
Die Taschenlampe bringt Licht ins Dunkel.
Das Auto wird akribisch auseinandergenommen
Was sich wohl in diesem Koffer finden lässt...?
Fahrausweis bitte.
Auch das Warten gehört dazu.
Nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch die Fahrer müssen kontrolliert werden.
Nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch die Fahrer müssen kontrolliert werden.
Diesem freundlichen Herr konnte die Grosskontrolle die Laune nicht verderben, gerne gibt er ein Interview für TeleM1.
Die Bilanz der Polizeikontrolle ist lang
Der Einsatzleitungswachen
Die Einsatzkräfte im Einsatzleitungswagen sind bereit ettliche Auweise zu kontrollieren
Die Herren im Einsatzleitfahrzeug bewahren den Überblick über alle kontrollierten Dokumente.
Die Polizisten kontrollieren insgesamt rund 550 Fahrzeuge
Ist mit den Reifen alles in Ordnung?
Bitte einmal blasen
Einsatzleiter C. Kamber und Bruno Gribi, Kapo-Medienverantwortlicher
Hauptmann Roland Fringeli
Rund 60 Polizisten standen im Kanton Solothurn im Einsatz.

Bei der Befehlsausgabe Auf dem Gebiet des Kantons Solothurn wurde die Kantonspolizei bei der Kontrolle durch Mitarbeitende des Grenzwachtkorps, der Militärpolizei, einen Experten der Motorfahrzeugkontrolle und den Kantonsarzt unterstützt.

Tina Dauwalder und Thomas Ulrich

23 Uhr. Start der Grosskontrolle auf der Autobahn. Kurz nach der Einfahrt Wangen a. A. gehts nur noch einspurig vorwärts. Wo sonst der Verkehr durchrauscht, fährt jetzt keiner mehr gegen den Willen der Polizei weiter. Beamte entscheiden in Sekundenbruchteilen, wer durchgewinkt wird und wer zur genaueren Kontrolle raus muss.

Sechs Kontrollboxen sind auf dem Parkplatz aufgebaut. Eine weisse Seat-Familienkutsche steht da, dahinter das dunkelgraue Zwölfzylinder Bentley-Coupé mit den beiden Fahrern, die so jung sind wie ihr Fahrzeug teuer. Der Kofferraum des Bentleys öffnet sich automatisch. Die Polizei bittet den Fahrer trotzdem, noch auszusteigen.

Jedes Nummero wird gescannt

Hochbetrieb auf dem Kontrollplatz. Polizisten laufen ständig mit Fahr- und Fahrzeugausweisen für Halterabfragen und Personenüberprüfungen zum Einsatzleitfahrzeug; der fahrenden Alarmzentrale der Kantonspolizei. Daneben steht Amtsarzt Christian Lanz bereit. Besteht der Verdacht auf zu viel Alkohol oder Drogen, macht er in einem geheizten Zelt die notwendigen Tests.

Einsatzleiter Roland Fringeli überwacht die Kontrolle von der Seitenlinie her. Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer rausgenommen wird? «Das geht nach dem Gspüri», sagt Fringeli und zeigt auf einen weissen Dacia, der heranfährt. «Den würde ich rausnehmen.» Der Polizist entscheidet gleich. Junge Männer in getunten Autos scheinen etwas öfters dranzukommen.

Zuvor hat Fringeli seine Leute bei der Befehlsausgabe gebrieft. «Wir hatten im Wasseramt eine Konzentration an Einbrüchen», sagte er. Seinen Leuten hat er die ersten Buchstaben eines Kontrollschildes eingebläut, das mit Zigarettendiebstählen und Einbrüchen in Verbindung stehen könnte. Technische Hilfe hat die Kapo in Sachen Kennzeichen in Luterbach: Dort scannt eine Maschine sämtliche Nummernschildern durchfahrender Autos. Nach 0,3 Sekunden weiss sie, ob zu einem Schild ein Eintrag besteht, und schlägt Alarm.

Ein grosser Fang

Auf dem Parkplatz haben die beiden Männer, die eben noch in ihrem tiefergelegten alten Audi A8, sassen, wenig zu lachen. Spezialisten der Grenzwache nehmen die in die Jahre gekommene Luxuslimousine auf einem separaten Parkplatz «auseinander». Der Kofferraum wird ausgeräumt, der ganze Innenraum abgesucht, jedes Ablagefach minutiös überprüft.

Mit Sonden dringen die Spezialisten in sonst verborgene Gegenden der Autos vor. Nach einer halben Stunde lassen die zwei Männer ihre Köpfe hängen. Die Kapuzen sind über die Köpfe gezogen. Nach einer weiteren halben Stunde dürfen sie fahren. Verärgert scheinen sie nicht: Freundlich verabschieden sie sich von der Polizei. Nicht jeder macht das so. Ab und an drückt einer trotzig das Gaspedal durch, um sich mit grimmigem Motorengrollen zu verabschieden.

Die Ausbeute: Am Donnerstag schreibt Kapo-Mediensprecher Bruno Gribi ein langes Mail. 550 Fahrzeuge und 600 Personen wurden kontrolliert. In Oberbipp fasst die Polizei zwei Ausländer, die eine Einreisesperre in die Schweiz haben. Der grösste Fang gelingt einem Kontrollposten in Olten: Sie stellen ein Kilo Marihuana, drei verbotene Waffen und Tausende Franken Bargeld sicher.

Noch länger ist die Liste mit dem «Alltagsgeschäft» im Verkehrsbereich: 11 angetrunkene Fahrer, gut ein Dutzend Strafanzeigen, 30 Ordnungsbussen und 5 Fahrzeugbesitzer, die bald bei der MFK vorfahren müssen. Einer davon, unterwegs in einem roten VW-Transporter, hatte eine Seilvorrichtung montiert, weil das Gaspedal nicht mehr funktionierte.