Grenchen

Neue Beteiligungsgesellschaft will industrielles Aschenputtel wachküssen

Die Beteiligungsgesellschaft Quantum Kapital will den Sinterwerken neue Wachstumsimpulse geben. Die Aktivitäten der Werke sollen mit denen der deutschen Firma BTMT gebündelt werden. So will man zu den führenden Sinterherstellern aufschliessen.

Andreas Toggweiler
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Einblick in die Sinterwerke in Grenchen
12 Bilder
Bei 1120 Grad werden die Teile gebacken, das heisst diffundiert
Die Behördendelegation mit Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler , mitte, im Gespräch mit Geschäftsführer Rolf Schwarze
Im Auslieferungslager
In diesen Behältern kommen Sinterteile in den Ofen
Rein in den Ofen
Rolf Schwarze erläutert den Vorgang des Sinterns
Rundgang durch den Betrieb
Sinterpressen bringen das Material mit 160 Tonnen Druck in Form
Sinterwerke Grenchen haben neuen Besitzer
Teile werden kontrolliert und nachbearbeitet
Volkswirtschaftsdierektorin Esther Gassler im Gespräch mit dem Personal

Einblick in die Sinterwerke in Grenchen

Andreas Toggweiler

Im Sommer hat der Deutsche Industriekonzern Mahle sein einziges Schweizer Werk in Grenchen an die Beteiligungsgesellschaft Quantum Kapital verkauft. Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler liess sich am Mittwoch von den neuen Eigentümern über ihre Strategie orientieren.

Am augenfälligsten ist zunächst der Namenswechsel. Die grosse Fabrik mit fast 9000 m2 Produktionsfläche an der Neckarsulmstrasse nennt sich nun wieder Sinterwerke Grenchen AG (SWG) wie bei ihrer Gründung 1948 (vgl. Kasten). Quantum Kapital habe eine präzise Fokussierung, erläuterte der neue Besitzer Steffen Görig: «Nämlich Unternehmensteile von Konzernen übernehmen, welche diese nicht mehr zum Kerngeschäft zählen.»

Sintern: Zahnräder aus Metallpulver

Die Sinterwerke Grenchen AG (SWG) wurden 1948 als Teil des Uhrenkonzerns Asuag gegründet und fertigten zunächst Schwermetallkomponenten für Uhren. 1983 wurde das Unternehmen durch die deutsche Pleuco GmbH übernommen und in Sinterwerke Grenchen umbenannt. Ab 2000 bis 2013 gehörte die Grenchner Unternehmung zur global agierenden deutschen Mahle-Gruppe. Kernkompetenz ist heute die Entwicklung und Produktion von Teilen in Sintertechnik, vorab für die Automobilindustrie (Motor, Getriebe, Fahrwerk, Lenkung). Dabei werden Werkstücke aus Metallpulver gepresst und anschliessen bei 1120 Grad in Form diffundiert, man könnte auch sagen «gebacken». Auch komplizierte Teile lassen sich so vergleichsweise günstig herstellen. (at.)

Vielfach fristen solche Betriebe ein Schattendasein, sind defizitär und schöpfen ihr Potenzial nicht aus, weil sie in grossen Konzernstrukturen zu wenig eng begleitet werden. «Gerade darin sehen wir unsere Chance», sagte Görig und erzählte die Geschichte des einst zu Bosch gehörenden Hupenherstellers Clarton, den man ohne nennenswerten Personalabbau wieder auf Vordermann habe bringen können. «Heute sind wir weltweit der zweitgrösste Hupenhersteller.»

Auch die Firma BTMT, 1971 in Herne (D) als Bosch-Geschäftsbereich gegründet, wurde im November letzten Jahres von Quantum übernommen. «Unser Ziel ist es, die Aktivitäten von BTMT und der Sinterwerke Grenchen zu bündeln und gemeinsam unter die ersten vier bis fünf Sinterhersteller in unserem Segment in Europa vorzustossen». Der heutige Umsatz von rund 80 Millionen Euro (wovon 36 von SWG) soll mittelfristig auf 100 Millionen gesteigert werden.

Produktivität steigern

Dies soll einerseits durch Effizienzverbesserungen geschehen, aber auch durch das Erschliessen neuer Märkte. Der schleichende Personalrückgang in Grenchen - heute sind 180 Personen hier beschäftigt - soll gestoppt und möglichst ins Plus gewendet werden.

Vieles hängt dabei von der Entwicklung der Automobilindustrie ab, die das grösste Segment der SWG-Kundschaft ausmacht. Als Zulieferer für das neue, sehr erfolgreiche 8-Gang-Getriebe von ZF gebe es realistische Wachstumsperspektiven, sagte Görig.

Auf die Frage von Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler, wieso die Schweiz trotz hohen Arbeitskosten und ungünstigem Wechselkurs weiter als Produktionsstandort infrage komme, nannte Görig die berechenbare Steuerpolitik und das kompetente, genau arbeitende Personal.

Flexibler Arbeitsmarkt

Dazu kommt der flexible Arbeitsmarkt. Das heisst, man kann hier unkomplizierter Personal entlassen und anstellen, als im EU Raum. So man es denn findet.

Gassler und Rolf Schwarze, Betriebsleiter vor Ort, waren sich einig, dass mehr für die Rekrutierung von Frauen in technische Berufe getan werden muss. In einem Rundgang wurde die Behördendelegation in die Geheimnisse der Sintertechnik eingeweiht.