Nachruf
Zum Tod von Anton Bally, dem ehemaligen Direktionspräsidenten der ETA SA

Anton Bally war eine der herausragendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Uhren- und Uhrwerkeherstellers ETA. So schuf er unter anderem das dünnste serienmässig produzierte Automatik-Uhrwerk der Welt.

Bruno Bohlhalter
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Anton Bally wuchs in Grenchen und Bettlach auf. 1962 trat er bei der ETA SA in die Lehre als Uhrenzeichner. Anschliessend studierte er an der Fachhochschule Biel, wo er 1968 das Diplom als Ing. HTL in Mikrotechnik erwarb. Nach weiteren Studien an der Universität Neuenburg kehrte Anton Bally 1969 zur ETA zurück.

Dort erwartete ihn eine glänzende Karriere. Er schuf das mit nur 3,6 mm Höhe dünnste serienmässig fabrizierte Automatik-Uhrwerk der Welt (Kal. ETA 2892). Es kam 1975 auf den Markt und liess die Produktion sehr flacher Uhren zu. Viele Marken verwenden es bis heute.

Auch die Herausforderungen des Technologiewandels zur elektronischen Uhr nahm Anton Bally begeistert an, indem er eine Quarzversion seines Kalibers ETA 2892 entwickelte und dann ein extraflaches Elektronikwerk für Damenuhren folgen liess. Gleichzeitig formte man die Werke so, dass das Habillement für mechanische Uhren auch für elektronische verwendet werden konnte.

Diese Innovationen galten 1976/77 als Weltneuheit; sie führten zum Durchbruch der kommerziellen Produktion von Quarz-Analoguhren in der Schweiz.

Den Wettlauf gegen die Japaner um die flachste Quarzuhr der Welt, gewann die ETA im Januar 1979 mit der Delirium I (Dicke 1,98 mm). Diese Uhr wurde bei der Ebauches SA in Neuenburg nach einer Bauweise konzipiert, die das bewährte Vorgehen – Aufbau des Werks auf einer Platine und dessen Einbringen in ein dreiteiliges Gehäuse mit Glas und Boden – verliess und neu den Boden direkt für den Einbau der Komponenten und des Zifferblattes benutzte. Die mit dem Glas zu einer Einheit verschmolzene Schale verschloss das Werk zur fertigen Uhr.

Die Realisation oblag der ETA; wieder war es Anton Bally, der sich als Projektleiter zuvorderst engagierte. Er und sein Team hoben die Delirium I in der Rekordzeit von fünf Monaten aus der Taufe. Das war ein Riesenerfolg, der die Fachwelt rund um den Globus staunen liess. Mit Delirium II, III und IV folgten weitere, noch dünnere Ausführungen. Delirium IV wies nur noch eine Dicke von 0,98 mm auf.

Die neue Bauart eröffnete ungeahnte Möglichkeiten für vollautomatisierte Produktionsprozesse, was bei der Lancierung der legendären Kunststoffuhr «Swatch» zum Tragen kam. Dort stützte man sich weitgehend auf die bei der Delirium-Produktion gewonnenen Erkenntnisse.

Die Verdienste Anton Ballys rund um die Uhrmacherei trugen ihm 1994 die Ehrung mit dem Prix Gaïa ein. Dieser Ehrenpreis wird seit 1993 jährlich vom Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds für ausserordentliche Leistungen in der Uhrmacherei vergeben.

Anfang 1982 übernahm Anton Bally die Leitung der ETA Far East Ltd. in Hongkong. Nach der im Mai 1983 angekündigten Fusion zwischen ASUAG und SSIH kam er zurück, um wichtige Aufgaben für die Zentralisierung der Technik dieser Konzerne bei der ETA wahrzunehmen. 1985 wurde er Direktionspräsident der ETA SA und Mitglied der Konzernleitung der SMH (ab 1998 Swatch Group). Anton Bally übte dieses Amt während fast zwanzig Jahren mit Leidenschaft und sehr grossem Erfolg aus.

Er war ein hoch geachteter Chef. Das Wohl des Personals stand für ihn jederzeit im Vordergrund. Ehemalige Mitarbeitende schildern ihn als zwar strengen, aber stets gerechten und nie überheblichen Vorgesetzten. Sein soziales Verständnis galt als einzigartig; sein Bestreben, die Mitarbeiter zu fördern, war beispielhaft.

Aber auch die Kunden lagen Anton Bally am Herzen. Seinem Credo: «Die Erfüllung der Kundenwünsche geniesst absolute Priorität» lebte er stets nach. Er suchte die Nähe zu den Kunden, traf sie auf unzähligen Reisen rund um die Welt. Seine hohe fachliche Kompetenz war überall sehr geschätzt.

2004 musste Anton Bally aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand treten. In den letzten Jahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends. Am 23. Februar 2022 ist er gestorben. Mit Anton Bally ging eine liebenswürdige Persönlichkeit von uns, die ihr Leben der Uhrmacherei verschrieben hatte und diese in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte.