Grenchen

Die besten Jahre verbrachte er als Verdingkind noch im Bachtelen

Ehemalige Verdingkinder verarbeiten ihre Erfahrungen in einem Theaterstück, das am Bachtelen aufgeführt wurde. Hanspeter Bobst lebte als Kind zwei Jahre dort im Heim.

Daniela Deck
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Hanspeter Bobst: «Wichtig ist, dass wir miteinander reden und einander zuhören.»

Hanspeter Bobst: «Wichtig ist, dass wir miteinander reden und einander zuhören.»

Daniela Deck

Eine kräftige Statur und ein dichter weisser Haarschopf. Das ist der erste Eindruck, den Hanspeter Bobst bei der Begrüssung zum Gespräch im Bachtelen macht. Der 74-jährige Basler blickt zurück auf seine leidvolle Kindheit: verdingt, versorgt, verachtet und vergessen.

Nun sorgt die Theatercompany Texte und Töne aus Basel dafür, dass seine Geschichte, zusammen mit derjenigen von Paul Richener, ins Bewusstsein rückt. Vermutlich knapp zwei Jahre seiner Kindheit verbrachte Hanspeter Bobst in den Fünfzigerjahren als Primarschüler im Kinderheim Bachtelen. Das gehörte zu den besten Zeiten. «Die Ordensschwestern waren streng, aber menschlich. Sie hielten einem auch einmal einen Apfel zu, ein Lächeln, ein freundliches Wort.» Wenn er heute ans Bachtelen zurückdenkt, so sieht er vor seinem inneren Auge ein Butterfass. Butter machen war sein Ämtli jeden Morgen und das tat er meistens gern.

Die Theatercompany Texte und Töne gastierte mit dem Stück «Ver-Ding» im Bachtelen.

Die Theatercompany Texte und Töne gastierte mit dem Stück «Ver-Ding» im Bachtelen.

Michel Lüthi

Er wollte nur immer heim

Dennoch war der Schmerz auch in der Bachteler Zeit immer da. Der Schmerz aus Heimweh, aus dem Wissen heraus, nicht erwünscht und nicht geliebt zu sein. Die Basis für diese Gefühle lässt sich beklemmend einfach in den Akten festmachen. So hiess Bobst in den ersten zwei Lebensjahren Baumberger – ein «Produkt» minderjähriger, unverheirateter Eltern, die mit ihm nichts anzufangen wussten. Sechsjährig setzte ihn die Mutter am Badischen Bahnhof aus, mit einem Kartonschild um den Hals. Die Aufschrift: «Mich kann man mitnehmen.»

Das Schlimmste im Bachtelen sei die Tatsache gewesen, dass sein jüngerer Bruder Dieter zeitweise auch da war, und der durfte, anders als Hanspeter, nach Hause. Als Dieter abgeholt wurde, klammerte sich Hanspeter hinten am Auto an den Skiträger, von innen nicht sichtbar, aber für die erstaunten Grenchner Passanten sehr wohl. Weit kam er nicht. «Für die Polizei war ich sehr berechenbar. Wenn ich ausriss, wollte ich immer nur heim zur Mutter. So konnten sie mich leicht abfangen und einpacken», erinnert er sich. Privat platziert oder von Heim zu Heim weitergereicht: Der Bub flüchtete vor sexuellem Missbrauch, vor Schlägen und Vernachlässigung.

Er erzählt bedächtig, nimmt sich Zeit nachzudenken. Aus seiner Stimme ist keine Bitterkeit zu hören, nicht einmal der Mutter gegenüber. «Sie dachte, ich schaffe es allein, weil ich stark bin.» Im weitesten Sinn ist das nicht ganz falsch. Bobst heiratete, hatte zwei Kinder. Heute lebt er in einer glücklichen Partnerschaft mit Angela Landolt im Kleinbasel. Auch sie war einst ein Verdingkind.

Vom Luxus der Bewegungsfreiheit

Er geniesst den Luxus, in Ruhe einkaufen oder ein Bier trinken zu können, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder gar in Handschellen abgeführt zu werden. Sogar die Gesundheitskrise habe Entspannung gebracht und sich vorteilhaft auf das Leben in der Stadt ausgewirkt, findet Bobst.

Beruflich brachte er, der niemals eine Ausbildung machen durfte, es bis zur Leitung der Sicherheitsabteilung eines Basler Pharmagiganten. Doch auch dieser Weg war geprägt von Rückschlägen und Ungerechtigkeit. In einer Schlosserei wurde er als Jugendlicher um den Lohn geprellt. In der Rekrutenschule durfte er trotz hervorragender Leistung nicht weitermachen. Ungerechtfertigt des Einbruchdiebstahls verdächtigt, verlor er in jungen Jahren mehr als einmal seine Arbeit.

Als dann der Schuldige feststand, gab es keine Entschuldigung, geschweige denn eine Entschädigung für die erlittene Ungerechtigkeit. Trotz allem: Hanspeter Bobst erteilt Hass und Groll eine deutliche Absage. «Wichtig ist, dass wir miteinander reden und einander zuhören.»

Damit junge Leute erfahren, was geschah

Er erzählt seine Geschichte im Buch «Mich kann man mitnehmen», weil er die Ungerechtigkeit ins Bewusstsein der Generationen rücken will, die jünger sind als er. Dass sein Schicksal nun Stoff liefert für die Theaterbühne, freut ihn. So erfährt auch ein Publikum, das keine Bücher liest, vom Leid der Verdingkinder. Ein nächstes Buch nimmt bereits Gestalt an.

Das Thema ist Beamtenwillkür. Auch als Erwachsener erlebte er da allerhand. Dennoch sind Autoritätspersonen für Bobst keine Feindbilder. Deshalb bedeutet es ihm viel, dass er den Leitern im Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen auf Augenhöhe begegnen kann.

Das Theaterstück «Ver-Ding»

Die Theatercompany «Texte und Töne» lässt die drei Schauspie- ler Gerrit Neuhaus, Andreas Daniel Müller und Julia Sewing das Schicksal der Verdingkinder Hanspeter Bobst und Paul Richener erzählen. Darin eingeflochten sind Erfahrungen und Hoffnungen einer minderjährigen Migrantin. Neben den Erzählsträngen der zwei Biografien kommen auch andere Personen zu Wort, denen der Staat Gewalt angetan hat. Regie führt Kaspar Geiger.

Ein Minimum an Requisiten macht Ausweglosigkeit erfahrbar: Einander überlagernde Mikrofonstimmen sorgen für die Tragik, nicht gehört zu werden; ein Zuschauer wird im Saal um- respektive fremdplatziert; Kinderlieder dienen als Hintergrund für Brutalität. Die beiden Aufführungen im Girardsaal im Bachtelen Ende letzter Woche mussten krisenbedingt auf die Mitarbeitenden als Zuschauer beschränkt bleiben. Neben «Ver-Ding» hat die Theatercompany eine Reihe anderer Stücke im Angebot. (dd)