«Campus Technik würde Standort Grenchen enorm weiterbringen»: Grenchner Wirtschaftsförderin zieht Bilanz

Wirtschaftsförderin Karin Heimann wird das Mandat für Grenchen per Ende August abgeben. Im Interview äussert sie sich über die Hintergründe ihres Weggangs, über das, was sie erreicht hat und über die Auswirkungen von Corona auf die Grenchner Wirtschaft.

Andreas Toggweiler
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Karin Heimann, Wirtschaftsförderin, im Interview

Karin Heimann, Wirtschaftsförderin, im Interview

Bruno Kissling

Sie sind seit 2016 Wirtschaftsförderin von Grenchen und haben von Politik, Industrie und Gewerbe sehr gute Noten erhalten – was ist der Grund, dass Sie diesen Job nun an den Nagel hängen?

Karin Heimann: Da muss ich zur Erklärung etwas ausholen: Anfangs 2015 habe ich als Präsidentin und Geschäftsführerin gemeinsam mit meiner Vize-Präsidentin Esther Luterbacher Graf den Verein espaceSolothurn Marketing als privatwirtschaftlich finanzierte Standortmarketing-Organisation gegründet und aufgebaut. Auf Juni 2019 haben wir mit der Standortförderung espaceSolothurn fusioniert, um die Standortförderungsaktivitäten in der Region Solothurn zu bündeln. Da ich Mitte 2016 das Mandat für die Standortförderung Grenchen übernommen habe, bin ich wegen einem allfälligen Interessenkonflikt von meinen Funktionen bei espaceSolothurn Marketing zurückgetreten. Jetzt hat sich bei der Standortförderung espaceSolothurn die Gelegenheit ergeben, als Co-Geschäftsleiterin wieder einzusteigen und in einem bewährten Team eine von mir mitaufgebaute Organisation zu gestalten. Aus diesem Grund habe ich meinen Mandatsvertrag mit der Stadt Grenchen gekündigt.

Dann reizt Sie Solothurn mehr als Grenchen?
Keineswegs. Der Entscheid ist mir nicht leicht gefallen: Es gibt nicht viele Mandate, die so abwechslungsreich, spannend und dann auch noch langfristig sind. Und ich wurde vom Stadtpräsidenten und vom Stadtverwaltungs-Team toll unterstützt. Mein Entscheid richtet sich also nicht gegen Grenchen, sondern hier hat sich für mich einfach eine Chance geboten, zu meinem Team zurückzukehren.

Professionell orientierte Leute haben es in einer Kleinstadt mitunter mit Stümperei und wankelmütigen Politikern zu tun. Wie haben Sie das erlebt als ehemalige Wirtschaftsförderin des Kantons?

Widerstände gibt es überall und auf allen Ebenen. Die Vorteile einer Stadt oder eine Gemeinde sind, dass man sehr nahe bei den Leuten ist und unmittelbar ganz konkrete Projekte initiieren kann. Das passt zu mir, ich bin eher die pragmatische Umsetzerin. Natürlich sind dann auch die Rückmeldungen sehr viel direkter als beim Kanton - das hat Vor- und Nachteile (lacht). Aber ich gehe mit einem lachenden und weinenden Auge: Einerseits freue ich mich auf die neue Aufgabe in der Region Solothurn, anderseits werde ich die vielen tollen Leute hier in Grenchen vermissen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen wie beispielsweise dem Gewerbeverband, Grenchen Tourismus, der Höheren Fachschule für Technik oder dem regionalen Industrieverband war sehr konstruktiv und verbunden nicht nur mit sehr viel Schaffensfreude, sondern auch Lebensfreude.

Sie haben trotz ihrem relativ kurzen Gastspiel einiges für Grenchen erreicht. Auf was sind Sie besonders stolz?
Ich bin auf ganz vieles stolz, vom kleinen Grenchner Chischtli mit Grenchner Spezialitäten, dass ich mit dem GVG und der rodania unkompliziert und in kurzer Zeit auf die Beine stellen konnte, bis zur 13-monatigen Zwischennutzung der ehemaligen CS-Filiale. Dieser Startup CoworkingSpace konnte ich nach vier Monaten Vorlaufzeit eröffnen. Das war nur möglich dank der grossartigen Unterstützung der Sponsoren und Partner. Dieses Projekt hat definitiv mein Herz für Grenchen geöffnet, ich habe von allen Partnern ganz unkompliziert Unterstützung erhalten und bin überall offene Türen eingerannt. Oder unsere Image-Filme, die wir übrigens unter anderem meiner Nachfolgerin Susanne Sahli zu verdanken haben: Da haben wir schweizweit positive Reaktionen erhalten.

Hatten Sie auch Echos von ausserhalb Grenchen?

Das schönste Kompliment habe ich an einer Neugründer-Challenge erhalten, wo mir ein Bieler Teilnehmer erklärte, dass er vorher Grenchen gar nicht auf dem Radar hatte. Diese Challenge wurde letzten November auch sehr positiv von den regionalen Medien in Zeitungen, Radio und TV aufgenommen. Das war nebst den glücklichen Gesichtern der Jungunternehmen die schönste Entschädigung für den Aufwand. Und wiederum eine tolle Teamleistung, diesmal mit dem kantonalen Gründerzentrum und der Höheren Fachschule für Technik. Wenn ich nach vorne schaue, freue ich mich auf den Campus Technik in Grenchen: Ich hoffe, dass er im Sommer 2023 eröffnet wird. Dieser ist aus einem Zusammenbringen der richtigen Leute „entwachsen“. Der Campus würde den Standort Grenchen enorm weiterbringen und hätte eine grosse positive Ausstrahlung, weit über Grenchen hinaus.

Wo sehen Sie die wichtigsten Baustellen für Ihre Nachfolgerin Susanne Sahli?
In der Wirtschaftsförderung gibt es keine Baustellen, sie ist seit Jahrzehnten in Grenchen etabliert und klar aufgestellt. Herausforderungen gibt es viele, die betreffen aber die ganze Schweiz oder sogar die ganze Welt. Was bedeutet beispielsweise die Digitalisierung für die Unternehmen, die Arbeitswelt und die Gesellschaft? Bezogen auf Grenchen sehe ich als grosse Herausforderung die Bodenpolitik: Der Boden und damit die Flächen für Ansiedlungen und Ausbauten von ansässigen Unternehmen werden immer knapper und damit die aktive Bodenpolitik der Stadt als Landeigentümerin wichtiger. Die Vorstellungen in der Politik, der Stadt und der Wirtschaft, wie mit dieser knappen Ressourcen umgegangen werden soll, sind teilweise unterschiedlich. Und das kann auf Kosten einer schnellen Reaktionszeit gehen, die von Unternehmen erwartet wird. Aktuell kommt natürlich noch Corona als Herausforderung für die Wirtschaft dazu.

Wie kann die Wirtschaftsförderung auf die Auswirkungen von Corona auf die Grenchner Wirtschaft reagieren?
Die Möglichkeiten, wie eine Wirtschaftsförderung auf die Auswirkungen von Corona reagieren kann, sind sehr begrenzt. Das habe ich selber während der Finanzkrise 2009 als kantonale Wirtschaftsförderin erlebt. Hier bewähren sich die Instrumente des Bundes und der Kantone wie Corona-Kredite, Kurzarbeit oder Arbeitslosenunterstützung.

Wie warm muss sich die Stadt anziehen?
Über die Hälfte der Arbeitsplätze in der Stadt Grenchen sind in der Industrie. Die für uns wichtigste Warengruppe Uhren und Präzisionsinstrumente ist vom massiven Rückgang der Exporte am meisten betroffen: Im ersten halben Jahr 2020 verzeichnen wir schweizweit einen Rückgang von 30 Prozent. In welchem Ausmass die Wirtschaft der Stadt Grenchen vom Einbruch betroffen ist und wie lange der Einbruch dauern wird, ist in der aktuellen Situation schwierig vorherzusagen: Das hängt davon ab, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Der Bund erwartet für 2020 den stärksten Rückgang des BIP seit Jahrzehnten, die Solothurner Handelskammer rechnet mit einem Rückgang von über fünf Prozent für den Kanton. Sicher ist, dass Corona auch Spuren in den Finanzen der öffentlichen Hand hinterlassen wird.

Sie wechseln zum espaceSolothurn, quasi die Rivalin Grenchens bei der Jagd um gute Unternehmen. Oder ist das ein falscher Vergleich?
Ich sehe die beiden Standorte nicht als Rivalen, sondern als Ergänzung und in vielen Bereichen als Partner – Grenchen und die Region Solothurn positionieren sich ganz unterschiedlich: Ich habe viele Anfragen von Industrieunternehmen bearbeitet, die unbedingt nach Grenchen wollen, weil Grenchen einen sehr guten Ruf als Industriestandort hat. Es hat aber nur noch wenig verfügbares Bauland oder Miet-Flächen. Da ist die Situation in der Region Solothurn ganz anders, da gibt es rein von der Grösse her sehr viel mehr Möglichkeiten für Standortentscheide von Unternehmen. Als regionale Wirtschaftsförderungen oder Standortförderungen haben wir eine sehr kooperative und offene Zusammenarbeit im Kanton Solothurn. Wir treffen uns regelmässig und tauschen uns aus. So veranstalten beispielsweise die Stadt Grenchen und die Standortförderung der Region Solothurn gemeinsam das Innovations-Frühstück. Ich arbeite seit 17 Jahren in diesem Bereich und bin überzeugt, dass Standortförderung nur im Netzwerk funktioniert.

Wirtschaftsförderung und Wohnstandortsförderung bedeuten auch Zielkonflikte. Wie gehen Sie damit um? Bestimmt das einfach ihr Auftraggeber?

Einen Zielkonflikt spüre ich persönlich nur politisch: Für mich als Volkswirtschafterin ist klar, dass sich Wohn- und Wirtschaftsstandort ergänzen und wir beides brauchen. Ich habe wenig Verständnis, wenn die beiden Positionen gegeneinander ausgespielt werden: Der Verlierer ist dann nicht der Wohnstandort oder der Wirtschaftsstandort, sondern der Standort als Ganzes. Aber wahrscheinlich gehört das zum politischen Spiel. Im Gegenteil, bringt man die Arbeits- und Wohnorte zusammen, lassen sich viele Probleme wie beispielsweise Stau umgehen und die Lebensqualität der Menschen steigt. Das hat auch der Kanton erkannt und seine Standortförderungsstrategie entsprechend formuliert. In Grenchen hat in den letzten Jahren mit dem Kompass politisch eine klare Verlagerung der Ressourcen Richtung Wohnstandort stattgefunden. Wo die Prioritäten gesetzt werden, muss die Politik entscheiden, das ist ihre Aufgabe. Grenchen hat im Bereich Wohnen unter Silvan Granig mit der sympathischen Wohnstandortkampagne „Jurasonnenseite“ bereits sehr viel aufgegleist.

Standort- und Wirtschaftsförderung in der Region sind so ziemlich «in Frauenhand». Freut Sie das?
Ich arbeite gerne mit guten Leuten zusammen, egal ob Mann oder Frau. Und zur Zeit haben wir tolle Frauen und Männer beim Kanton und in den Regionen, das freut mich!