Biberist

Alle wollen die «Papieri» retten

Die Demonstration gegen die Papaierfabrik in Biberist gestern vor dem Rathaus brachte noch keine Wende. Trotzdem ist der Widerstand ungebrochen.

Franz Schaible
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«Ich fühlte im ersten Moment nur Niedergeschlagenheit, weil es keine Anzeichen dafür gab.» So umschreibt Erhard Eggenschwiler seine erste Reaktion auf die Orientierung vor knapp zwei Wochen, dass der Papierfabrik Biberist die Schliessung droht. Der 55-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er arbeitet seit 20 Jahren als Systemtechniker für den Anlagenunterhalt in der «Papieri» in Biberist. Er nahm an der gestrigen Demonstration vor dem Solothurner Rathaus teil («Das ist für mich das erste Mal»), um sich solidarisch mit der Fabrik und den Berufskolleginnen und -kollegen zu zeigen. «Solange noch Hoffnung besteht, müssen wir dafür kämpfen.»

Auch Domenico und Margrit Germinario nahmen an der Veranstaltung teil. Sie sind beide pensioniert und haben nie in der «Papieri» gearbeitet. «Wir kennen aber viele Leute, die dort arbeiten. Deren Schicksal ist uns nicht gleichgültig. Deshalb sind wir hier.» Sie wohnen in Sichtweite zur «Papieri» und hören ab und zu den Lärm aus der Fabrik, der sie aber nicht stört. «Wo Lärm ist, wird gearbeitet», sagt Domenico Germinario. Etwas anderes können und wollen sich beide gar nicht vorstellen.

«Gibt Mut und Kraft»

Draussen im steifen Westwind vor dem Rathaus nahmen weit über
300 Betroffene, Familienangehörige, Freunde, Behörden- und Verbandsvertreter, Politiker, Gewerkschafter an der Solidaritätskundgebung teil. Drinnen im Rathaus versuchten die Sappi-Manager Berry Wiersum und Mat Quaedvlieg, der Solothurner Regierung die Schliessung des Sappi-Werkes in Biberist schlüssig zu erklären. Eine Rücknahme der Schliessungsstrategie ist nicht in Sicht.

Kathrin Schär, Präsidentin der Betriebskommission, und Hans-Ulrich Kilchhofer, Präsident der Kaderkommission, zeigen sich trotzdem zufrieden mit dem Verlauf der von ihnen organisierten Veranstaltung. «Der Aufmarsch der vielen Männer, Frauen und Kinder gibt Mut und Kraft, weiter für den Erhalt der Papierfabrik zu kämpfen», meint Kilchhofer. Das Sappi-Management soll spüren, dass der Widerstand da sei und sie bei einer Schliessung kein leichtes Spiel haben würden. «Wir haben gezeigt, dass wir zum konstruktiven Dialog mit der Konzernspitze bereit sind», ergänzt Schär.

Loyalität und Motivation

Auch Kuno Tschumi, Gemeindepräsident der Nachbargemeinde Derendingen, kennt viele Familien, die über Generationen in der «Papieri» arbeiten. Die zahlreichen Teilnehmenden zeigten, wie gross Verbundenheit und Identifikation der Bevölkerung mit dem Papierwerk seien. «Es gilt, dem Management zu zeigen, dass die hohe Loyalität und die Motivation der Belegschaft ebenso wichtige Standortfaktoren sind wie Rohstoff- oder Energiepreise.»

«Ein emotionaler Aufmarsch»

Nachdem bekannt wurde, dass sich die beiden Manager Wiersum und Quaedvlieg bereits im Rathaus befanden, löste sich die Veranstaltung auf. Die Demonstration müssen sie trotzdem mitbekommen haben, denn Kathrin Schär und Hans-Ulrich Kilchhofer wurden gebeten, zu warten. Die Sappi-Manager wollten noch mit ihnen reden. Schär sah darin schon «ein Fünkchen Hoffnung». Nach dem Gespräch sagt sie: «Sie haben uns zwar nicht gesagt, was ich hören wollte. Aber das Fünkchen Hoffnung ist nicht gelöscht.»

Auch Ständerat Roberto Zanetti bleibt optimistisch. «Dieser emotionale Aufmarsch von Belegschaft und Bevölkerung muss beim Sappi-Management Eindruck machen.» Er verweist zudem auf den heute stattfindenden runden Tisch in der «Papieri». Da würden konkrete Lösungsvorschläge diskutiert. «Das Bauchgefühl sagt mir, dass eine Weiterführung der ‹Papieri› möglich ist.»