Zuwanderer sind weniger gut qualifiziert

Die Zuwanderer aus der Europäischen Union sind heute weniger gut qualifiziert als früher. Und sie verdienen weniger. So steigt auch das Risiko auf Arbeitslosigkeit. Der Bund will die Lage darum weiterhin genau beobachten.

Kari Kälin
Merken
Drucken
Teilen

BERN. Sie waren überdurchschnittlich gut ausgebildet, zahl- und erfolgreich: Während Jahren stellten die Deutschen am meisten Zuwanderer, im Jahr 2008 strömten netto 29 000 Personen aus dem nördlichen Nachbarland in die Schweiz. Nach Ausbruch der Finanzkrise stoppte dieser Trend. Im letzten Jahr betrug der Wanderungssaldo noch 5600 Personen. Der Grund: Das wirtschaftlich robuste Deutschland hat an Attraktivität gewonnen. Parallel zu dieser Entwicklung ist der Anteil der Einwanderer aus Ost- und Südeuropa gestiegen. Der Grund liegt auf der Hand: Länder wie Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland leiden stark unter der Wirtschaftskrise.

Die unterschiedliche innereuropäische Konjunkturlage schlägt sich im Einwanderungsmix in der Schweiz nieder. Noch im Jahr 2008 betrug der Anteil der nord- und westeuropäischen Länder am Wanderungssaldo 70 Prozent, im letzten Jahr waren es noch 35 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs der Anteil der südeuropäischen Länder von 23 auf 43 Prozent, auch die osteuropäischen Länder legten zu. Dies geht aus dem jüngsten Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zu den Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf den Arbeitsmarkt hervor. Die aktuelle Zusammensetzung der Zuwanderer wirkt sich ungünstig auf das Qualifikationsniveau aus. Von den Arbeitskräften aus Südeuropa, die zwischen 2002 bis 2014 einwanderten, verfügten rund 36 Prozent über einen Hochschulabschluss, bei Personen aus West- und Nordeuropa waren es 71 Prozent.

Höhere Erwerbslosenquote

Die schlechteren Qualifikationen schlagen sich auch im Lohn nieder. Zwischen 2006 und 2010 verdienten die Zuwanderer aus der EU im Durchschnitt mehr als die ansässige Bevölkerung, unterdessen ist es umgekehrt. Auch die Erwerbslosenquote bei EU-Bürgern zeigt nach oben. Kurzum: Während sich die Politik den Kopf zerbricht, wie dem Fachkräftemangel zu begegnen sei, landen immer mehr EU-Ausländer im Niedriglohnsektor.

Für Boris Zürcher, Leiter der Direktion Arbeit beim Seco, ist das ein Hinweis, dass die Zuwanderer heute weniger die Anforderungen des Arbeitsmarktes erfüllen, wie er gestern vor den Medien ausführte.

Von einem besorgniserregenden Trend mag Zürcher nicht sprechen. «Die Zuwanderer aus den EU-Ländern verfügen nach wie vor über eine überdurchschnittlich gute Qualifikation», sagte er. Zudem habe die Schweiz auch Bedarf an weniger gut ausgebildeten Arbeitskräften, etwa in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder im Tourismus. «Mit der neuen Zusammensetzung der Einwanderer steigt aber das Risiko auf Arbeitslosigkeit», sagte Zürcher. Der Bund will die Lage deshalb weiterhin genau beobachten – zumal das Wirtschaftswachstum wegen der Frankenstärke stottert und die Arbeitslosigkeit steigt.

Dass neu zugewanderte Ausländer rascher ohne Job dastehen, verwundert nicht. Zum einen arbeiten sie oft in Saisonbranchen. Zum anderen trifft es bei einem Personalabbau oft jene, die zuletzt in den Betrieb gekommen sind. Die durchschnittlich höhere Arbeitslosigkeit von EU-Bürgern widerspiegelt sich auch in den Zahlen der Arbeitslosenversicherung (ALV). EU-Zuwanderer zahlten im Jahr 2014 insgesamt 23,2 Prozent in den Topf der Arbeitslosenkasse, beziehen daraus aber 29,2 Prozent. Damit deckten sie nur 79 Prozent ihrer Bezüge.

Keine Alarmstimmung

Trotz Frankenschock gibt es also eine anhaltend relativ hohe Zuwanderung, gleichzeitig haben die Zuwanderer aber schlechtere Qualifikationen. «Man muss die Situation im Auge behalten», sagt Reto Föllmi, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Die höhere Arbeitslosigkeit von EU-Bürgern aus Südeuropa belaste die Sozialversicherungen und führe zu weniger Steuereinnahmen.

In Alarmstimmung verfallen müsse man deswegen aber keineswegs. Seit der Personenfreizügigkeit sei der Hauptgrund der Einwanderung die Erwerbstätigkeit statt wie früher der Familiennachzug. «Die Schweiz muss aber alles tun, um für hochqualifizierte Arbeitnehmer und Firmen mit hoher Wertschöpfung offen und attraktiv zu bleiben», sagt Föllmi. Derzeit hat unser Land mit mehreren Unsicherheitsfaktoren zu kämpfen. Noch immer ist unklar, wie die Schweiz die Masseneinwanderungs-Initiative – sie könnte das Ende der Personenfreizügigkeit bedeuten – umsetzt. Auch die Unternehmenssteuerreform III muss noch das Referendum überstehen. «Solche Unsicherheiten schmälern die Standortattraktivität», sagt Föllmi.