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Zürichs Stadionstreit zerreisst die Stadt

Zum dritten Mal versucht die Stadt Zürich, auf dem Hardturm-Areal ein neues Fussballstadion zu bauen. Begonnen hat alles mit viel Zuversicht. Doch mittlerweile steht das Projekt unter starkem Beschuss.
Dominic Wirth
Eine Visualisierung des Bauprojekts namens «Ensemble» mit den beiden Türmen, die 137 Meter hoch werden sollen. (Bild: HRS Real Estate AG/Nightnurse Images GmbH)

Eine Visualisierung des Bauprojekts namens «Ensemble» mit den beiden Türmen, die 137 Meter hoch werden sollen. (Bild: HRS Real Estate AG/Nightnurse Images GmbH)

Im Zürcher Westen ist in den letzten Jahren vieles in den Himmel geschossen, eine Hochschule steht dort an der Strasse, ein Wohnturm, Bürohäuser. Doch an einer Stelle wachsen immer noch Büsche und Bäume am Strassenrand, und hinter ­ihnen liegt eine Brache, die eigentlich schon lange keine mehr sein soll: das Hardturm-Areal. Es gibt dort einen Skatepark und Beete, aus denen bunte Blumen wachsen. Ein paar Schritte weiter ragen am Rande einer grauen Fläche Beton­stufen aus dem ­Boden. Unkraut wuchert durch ihre ­Risse. Es sind die Über­bleibsel des Hardturm-Stadions. Sie ­erinnern daran, was die Brache einst war und eigentlich auch wieder sein ­sollte: Ein Ort, an dem Fussball gespielt wird.

Es ist mittlerweile 20 Jahre her, dass in Zürich die ersten Pläne für einen Neubau auf dem Hardturm-Areal gewälzt wurden. Aber während etwa in Luzern oder St. Gallen längst neue Arenen stehen, haben sie es in der grössten Schweizer Stadt bis heute nicht geschafft, ein neues Stadion zu bauen. Und auch jetzt, beim mittlerweile dritten Anlauf, sieht es nicht gut aus, obwohl doch dieses Mal eigentlich alle so zuversichtlich waren. Das neuste Bauprojekt trägt den schönen Namen «Ensemble», doch mit der Realität hat der nur noch wenig zu tun. Der Stadionstreit zerreisst Zürich nämlich von neuem.

Zwei Hochhäuser sollen Stadion querfinanzieren

Vom Hardturm-Areal sind es nur ein paar Schritte bis zur Limmat, und gleich dahinter ragt der Hönggerberg auf. Dort oben sitzt Marcel Knörr auf einer Bank, unter ihm breitet sich die Stadt aus. Die Bewohner von Höngg, das bis 1934 eigenständig war, bezeichnen ihr Quartier gerne als «das schönste Dorf Zürichs», erzählt Knörr. Bald wird er 69 Jahre alt, der Architekt sass für die FDP im Gemeinderat und war Quartiervereinspräsident. Und jetzt kämpft er mit anderen bürgerlichen Mitstreitern in einem Höngger Komitee gegen «Ensemble» an; es ist eine der vielen Fronten, die sich im Stadionstreit aufgetan haben. Knörr hat eine Mappe mitgebracht, er zieht ein Bild heraus und dann noch eines. Das erste zeigt die Stadt so, wie sie heute von Höngg aus aussieht. Auf dem zweiten sind zwei mächtige Türme dazugekommen. Knörr zeigt auf die ­Visualisierung und sagt, hier zeige sich eindrücklich, wie sehr dieses «über­dimensionierte Projekt» das Stadtbild verschandeln und den Hönggern die Aussicht nehmen würde. Hochhäuser, findet Knörr, müssten massvoll gebaut werden – und nicht gleich an der Hangkante, sondern in der Mitte der Ebene.

Es sind diese Türme, über die sie in Zürich gerade streiten und an denen am Ende alles scheitern könnte. 137 Meter hoch sollen sie sich dereinst zum Himmel strecken und damit auch den Prime-­Tower, das derzeit höchste Gebäude in der Stadt, überragen. Die Wohntürme sind der zentrale Baustein des 550-Millionen-Projekts, denn sie sollen das Fussballstadion mit seinen 18 000 Plätzen querfinanzieren. Die Stadt Zürich, damit wirbt der Stadtrat, kostet «Ensemble» auf diese Art keinen Franken; er will unbedingt verhindern, dass der Neubau an der Urne am Kostenargument scheitert. Das war 2013, beim letzten Anlauf, der die Stadt 216 Millionen Franken ge­kostet hätte, passiert: 50,8 Prozent der Zürcher sagten damals Nein.

«Wir kämpfen bis zuletzt. Es gibt Alternativen, aber man muss sie wollen.»

Es war ein Herbstabend im Jahr 2007, als der Ball im Hardturm das letzte Mal rollte. GC verlor 1:2 gegen Xamax, danach machte sich Wehmut breit, weil die Grasshoppers an jenem Abend ihre Heimat verloren. Eigentlich sollte das nur vorübergehend so sein, doch mittler­weile sind elf Jahre vergangen, und GC und der FC Zürich spielen nach wie vor im ungeliebten Letzigrund-Stadion. Das ist mit seiner roten Laufbahn, die so gar nicht in ein Fussballstadion passt, eher eine Arena für Leichtathleten. Im neuen Stadion gäbe es keine Laufbahn, dafür aber neue Einnahmequellen für die Clubs. Deshalb sehnen GC und der FC Zürich den Neubau herbei, betonen immerzu dessen «existenzielle Bedeutung» für den Fussball in der Stadt Zürich. 2021 soll eigentlich erstmals der Ball rollen im neuen Stadion, doch dieser Termin steht immer mehr in Frage.

Das liegt an Marcel Knörr und seinem «Komitee gegen den Höhenwahn». Sie befürchten einen «unkontrollierten Wildwuchs von Wolkenkratzern, der die Identität unserer Stadt zerstört», so formuliert es Knörr. Der Widerstand aus Höngg ist nicht neu, doch wichtig ist er dennoch, denn wie heisst es so schön: Viele Jäger sind des Hasen Tod. Und in Zürich ist zuletzt ein mächtiger Jäger dazu­gekommen. Es ist die SP, die stärkste Partei in Zürich. Ohne sie geht in der Stadt nicht viel, und so hat ihre Ankündigung, das Projekt in seiner gegen­wärtigen Form nicht zu unterstützen, helle Aufregung verursacht.

Blockrandsiedlung statt ­Wohntürme erwünscht

Auch die Sozialdemokraten nehmen die Wohntürme ins Visier. Sie fordern, dass das Stadion von den Wohntürmen «entkoppelt» wird. Statt der Wohntürme mit 600 privaten Wohnungen soll eine Blockrandsiedlung mit Genossenschafts­wohnungen gebaut werden. Im aktuellen Projekt sind 174 solcher Wohnungen in einer separaten Siedlung vorgesehen, «eindeutig zu wenig für uns, die Stadt braucht mehr gemeinnützige Wohnungen und sicher nicht mehr teure Wohnungen», sagt Gabriela Rothenfluh, Co-Präsidentin der Stadtzürcher SP. Zudem sei es «Augenwischerei», dass das ak­tuelle Projekt für die Stadt gratis sei; die Investoren – die Credit Suisse und das Thurgauer Bauunternehmen HRS – müssten so tiefe Baurechtszinsen bezahlen, dass der Stadt im Endeffekt 160 Mil­lionen Franken Einnahmen entgingen. «Man hat das Preisschild für die Abstimmung auf 0 Franken schöngerechnet», sagt Rothenfluh. Die SP findet deshalb, dass die Stadt das Stadion besser selber bezahlt – und dafür auf die Wohntürme verzichtet, die auch ein rechtliches Risiko bedeuteten.

«Wenn wir es jetzt nicht schaffen, ein neues Stadion zu bauen, dann können wir es vergessen.»

Davon will der Zürcher Stadtrat nichts wissen, er hat bekräftigt, dass er das ­ursprüngliche Projekt dem Volk zur Abstimmung vorlegen will – dem Widerstand der SP zum Trotz. Ohne die Wohntürme, das betonten Finanzchef Daniel Leupi (Grüne) und Hochbauvorsteher André Odermatt (SP), gebe es auch das Stadion nicht. Leupi sprach von einer «Milchbüechlirechnung» der SP, und auch Odermatt machte keinen Hehl daraus, dass er wenig Verständnis hat für das Vorgehen seiner eigenen Partei.

Der Ton ist derzeit scharf in Zürich, und das dürfte er bleiben, denn SP-Co-Präsidentin Rothenfluh sagt, dass ein Ja der SP zum unveränderten Projekt «unwahrscheinlich» sei. Und so zeichnet sich ab, dass die Stadion-Befürworter bei der für November geplanten Abstimmung gegen die SP und das Höngger Komitee antreten müssen. Dazu kommen skep­tische Anwohner und jene Kreise, die statt des Stadions lieber die Brache als grüne Oase und Veranstaltungsort behalten wollen. Und dann sind da noch die Schlagzeilen über die Fan-Gewalt. Die haben sich zuletzt gehäuft, und manchem Stimmbürger werden sie die Lust nehmen, dem neuen Stadion zuzustimmen.

Schon das dritte Bauvorhaben

Es sieht derzeit also nicht gut aus für das neue Zürcher Stadion. Und selbst wenn es die politischen Hürden überspringt, warten danach immer noch die juris­tischen, Einsprachen etwa. In Höngg haben sie bereits einen namhaften Juristen engagiert, Ansatzpunkte sind etwa die Höhe der Wohntürme und ihr Schattenwurf. «Wir kämpfen bis zuletzt», sagt Marcel Knörr, und: «Es gibt Alternativen, aber man muss sie wollen. Der Stadtrat will einfach sein jetziges Projekt durchboxen.»

Ancillo Canepa, Präsident des FC Zürich, sollte eigentlich dieser Tage voller Vorfreude sein. Morgen spielt seine Mannschaft im Cupfinal gegen die Young Boys. Doch wenn Canepa auf den Stadionstreit zu sprechen kommt, verdüstert sich seine Laune. Es ist schon das dritte Stadionbau-Vorhaben, das er erlebt; er war dabei, als der Investor Credit Suisse das ambitionierte Pentagon-­Stadion 2009 nach langjährigem Rechtsstreit beerdigte. Und er war auch dabei, als das Stimmvolk 2013 den nächsten Versuch verwarf. Jetzt, findet Canepa, stimmt eigentlich alles.

«Alle profitieren von diesem Projekt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, ein ­neues Stadion zu bauen, dann können wir es vergessen», sagt Canepa, und ­später noch: «In der Schweiz wird man wahrscheinlich den Kopf schütteln, wenn es wieder nicht klappt.» In Zürich betonen derzeit fast alle, dass sie nicht wollen, dass es so kommt. «Wir sind für ein neues Stadion», das sagen auch die meisten Gegner. Doch dann folgt bald einmal schon ein Aber.

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