«Zur Nacherziehung» weggesperrt

Ursula Biondi wurde für ihre erste Liebe bitter bestraft. Wegen ihres angeblich liederlichen Lebenswandels kam sie 1967 ins Gefängnis; sie wurde administrativ versorgt. Nun entschuldigt sich der Bund mit einem Gedenkanlass bei allen Betroffenen.

Eveline Rutz
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Offizielle Entschuldigung: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf 2010 im Gespräch mit Ursula Biondi. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Offizielle Entschuldigung: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf 2010 im Gespräch mit Ursula Biondi. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Ursula Biondi war knapp 17jährig und im fünften Monat schwanger, als sie 1967 in die Berner Strafanstalt Hindelbank gesperrt wurde. Sie war mit ihrem sieben Jahre älteren Freund ausgerissen und in Italien aufgegriffen worden. Wegen ihres angeblich liederlichen Lebenswandels wurde sie von den Behörden «zur Nacherziehung» ins Gefängnis gesteckt; andere geschlossene Einrichtungen für Jugendliche gab es damals nicht. «Ich lebte mit Mörderinnen und mehrfach Straffälligen zusammen», erzählt Biondi. Nur die Kleidung habe sie unterschieden. «Wir waren braun gekleidet, sie blau.»

Den Sohn beinahe verloren

Um nicht durchzudrehen, lief Bondi in ihrer Zelle stundenlang hin und her. «Ich werde es schaffen», redete sie sich immer wieder ein. Sie hörte andere Mädchen verzweifelt schreien und gegen die klinkenlosen Türen poltern. Sie bekam mit, wie sich einige selbst verletzten oder gar das Leben nahmen. «Die Situation war ausweglos», erinnert sich Biondi, welche in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen war. «Wir konnten uns nicht wehren, wir wurden ja nicht einmal angehört.» Ein Jahr lang musste sie hinter Gittern ausharren. In dieser Zeit gebar sie ihren Sohn, der ihr nach der Geburt für drei Monate weggenommen wurde. Nur mit letzter Kraft konnte sie verhindern, dass ihr Neugeborenes zur Adoption freigegeben wurde. «Man wollte meinen Willen brechen; ich wurde wie der letzte Dreck behandelt.»

Karriere gemacht

Wieder auf freiem Fuss, forcierte sie ihre Karriere. Sie wurde EDV-Kursleiterin und arbeitete unter anderem für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die Uno in Genf. «Ich habe viel erreicht», sagt Biondi heute und breitet auf dem Esstisch ihre Zeugnisse aus. Sie hat verschiedene Sprachdiplome erworben und Weiterbildungen in Psychologie sowie Ernährungsberatung absolviert. Sie ist glücklich verheiratet und lebt mit ihrem zweiten Mann an bester Lage in Zürich. Heute kann die 63-Jährige über ihre Schicksal sprechen, drei Jahrzehnte lang war ihr dies nicht möglich. Die Angst war zu gross, von der Gesellschaft als «Knaschti» verspottet zu werden. Erst mit 50 Jahren brach sie ihr Schweigen und schrieb ein Buch, womit sie allerdings auch auf Unverständnis stiess. «Man glaubte mir nicht, dass es in der Schweiz möglich war, unschuldige Menschen ins Gefängnis zu stecken.» Biondi musste sich rechtfertigen und Sprüche wie «ach, so eine warst du» anhören, was sie an den Rand ihrer Kräfte brachte. «Ich isolierte mich immer mehr, meine Ehe war in Gefahr.»

2008 gelangte sie über den «Beobachter» an die Öffentlichkeit, um andere Betroffene ausfindig zu machen. Endlich zeigte sich, dass sie mit ihrem Leid nicht alleine war. Biondi gründete eine Anlaufstelle für administrativ Versorgte 1942–1981 und begann zusammen mit anderen Betroffenen für eine offizielle moralische Entschuldigung zu kämpfen. Im September 2010 war es so weit: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf entschuldigte sich in Hindelbank bei den unzähligen administrativ Versorgten. «Dies war für mich lebenswichtig», sagt Biondi. Seither fühle sie sich innerlich freier. Eine grosse Last sei von ihr abgefallen. Sie engagierte sich weiter für eine gesetzliche Rehabilitierung sowie Anlaufstellen und war 2011 Mitgründerin des Vereins Ravia (Rehabilitierung der administrativ Versorgten).

Ein Stück Seelenfrieden

Dass der Bund am 11. April einen Gedenkanlass für alle Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen durchführt (siehe Kasten), erfüllt sie mit grosser Freude. Dass der Staat das Unrecht anerkenne, bringe den Betroffenen ein Stück Seelenfrieden und trage dazu bei, dass die Wunden ein wenig vernarben könnten. «Das Verständnis der Gesellschaft macht unser Schicksal etwas leichter.» Ganz abklingen wird der Schmerz allerdings nie. «Er begleitet mich ein Leben lang», sagt Biondi und spricht von Verrat sowie seelischer Folter.

In einem Alter, in dem sie eigentlich Schutz gebraucht hätte, sei sie von den Behörden weggesperrt worden. Ihre Eltern seien für diese «Nacherziehung» sogar noch zur Kasse gebeten worden; sie selbst habe Zwangsarbeit leisten müssen. «Ich wurde für eine Lebensweise gestraft, die heute normal ist.»

Leid soll sich nicht wiederholen

Biondi erhofft sich von einem Bundesgesetz, das derzeit ausgearbeitet wird, eine präventive Wirkung. Sie fordert aber auch, dass Härtefälle finanziell entschädigt werden. «Man kann das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber man kann dafür sorgen, dass es sich nicht wiederholt.»

Ursula Biondi 1967 mit ihrem Sohn. (Bild: pd)

Ursula Biondi 1967 mit ihrem Sohn. (Bild: pd)