Zuger Attentat wirkt bis heute nach

Das Attentat von Zug jährt sich am 27. September zum zehnten Mal. Das Gespräch mit Betroffenen zeigt, dass die Folgen der Wahnsinnstat des Friedrich Leibacher bis heute nachwirken. So etwa auch bei Landschreiber Tino Jorio, der sich «müde» fühlt und früher in Pension geht.

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Die Bilder aus Zug gingen um die Welt: Erstversorgung der Verletzten, nach den Schüssen von Friedrich Leibacher im Zuger Rathaussaal. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Die Bilder aus Zug gingen um die Welt: Erstversorgung der Verletzten, nach den Schüssen von Friedrich Leibacher im Zuger Rathaussaal. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Zufall? Fügung des Schicksals? Als Anders Behring Breivik am 22. Juli im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt Oslo eine Bombe zündete und hernach auf der Insel Utöya sein Massaker beging, war Tino Jorio privat zu Besuch in Oslo. «Es kam alles wieder hoch», erinnert sich der 61-Jährige – und stockt. Jorio ist Landschreiber des Kantons Zug; er sass am 27. September 2001 im Kantonsratssaal, als der Amokläufer Friedrich Leibacher wild um sich schiessend hineinstürmte und ein Blutbad anrichtete. 14 Menschen starben.

Jorio hatte damals Glück. Er konnte sich in Deckung werfen und kam mit einer Fleischwunde davon: Als der Attentäter sich schliesslich selbst tötete, traf die Kugel den Kronleuchter, dessen Glas zersplitterte und Jorio verletzte, der unter dem Leuchter am Boden lag.

Begleitgruppe besteht bis heute

Anders als andere Betroffene hat Landschreiber Jorio danach keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, sondern stürzte sich gleich in die Arbeit. Es gab ja viel zu tun: «Der Regierungsrat war nicht mehr beschlussfähig, nur zwei Mitglieder blieben unverletzt», erinnert sich Jorio. Es musste deshalb umgehend eine Task Force aus Mitarbeitern der Verwaltung gebildet und installiert werden, die die Regierungsgeschäfte interimistisch führte. Teil dieser Task Force war eine Begleitgruppe, die sich um die Betroffenen und deren Angehörige kümmerte. Diese Begleitgruppe besteht bis heute. Jorio wurde deren Leiter, und er hat diese Funktion über all die Jahre behalten. An tausend Dinge war zu denken in den ersten Tagen und Wochen nach dem Attentat – der Landschreiber war gefordert.

«Ich habe die Geschehnisse einfach verdrängt, mich bemüht, sie zu vergessen», sagt Jorio heute. Er sei über die Jahre stets der Meinung gewesen, das klappe leidlich gut. Allerdings spürte der Landschreiber mit der Zeit eine zunehmende Ermüdung, weshalb er sich vor eineinhalb Jahren entschloss, Ende dieses Monats in Pension zu gehen. «Das Attentat und seine Folgen, all dies hat mich in den letzten zehn Jahren immer beschäftigt – über das normale Arbeitspensum hinaus beschäftigt.» Die Ermüdung sei sicher eine Folge davon. Seine Reaktion auf die Geschehnisse vom 22. Juli in Norwegen zeige ihm nun, dass er richtig entschieden habe, in Pension zu gehen.

Jorio scheidet nicht ganz aus der Zuger Verwaltung, sondern arbeitet «in untergeordneter Funktion weiter». Der Jurist will in den nächsten Monaten und Jahren die veraltete Geschäftsordnung des Kantonsparlaments überarbeiten und dazu einen rechtlichen Kommentar verfassen, wenn sie das Parlament genehmigt hat. Friedrich Leibachers Amoklauf dauerte 2 Minuten und 34 Sekunden. Der Amokläufer tötete drei Mitglieder der Kantonsregierung und elf Kantonsräte, verletzte darüber hinaus 15 weitere Personen, bevor er sich selbst tötete.

Seit dieser Tat ist nichts mehr wie zuvor – für die Überlebenden nicht, für die Angehörigen nicht, aber auch im Kanton Zug nicht – und auch nicht in der Schweiz.

Bis zum Amoklauf galt nicht nur in Zug in Politik und Verwaltung der Grundsatz «Bürgernah sein, die Türen sind stets offen». Keine einzige Sicherheitsschranke hatte Leibacher deshalb zu überwinden, als er in den Parlamentssaal stürmte, kein Polizist war da, der ihn daran hätte hindern können. Und bis 2001 war es in Zug auch ohne weiteres möglich, direkt ins Büro eines Regierungsrats zu gelangen.

Das hat sich geändert. Der Regierungsrat hat ein Sicherheitskonzept verabschiedet, insgesamt 6,3 Millionen hat der Kanton hernach in die Sicherheit investiert, vorab in bauliche Massnahmen. Die Arbeitsstätten der Regierung, der Gerichte sowie von «sensiblen» Ämtern sind seither mit Schleusen und anderen Massnahmen gesichert; sie können nur noch mit Badge betreten werden.

Nicht nur Zug rüstete bei der Sicherheit auf, Kantonsparlamente und Verwaltungen quer durch die Schweiz haben damals ihre Vorkehrungen angepasst. Selbst im Bundeshaus in Bern ist seither ein schärferes Sicherheitskonzept in Kraft.

Sicherheitsgefühl fehlt heute

Nach einem Jahrzehnt geraten indes da und dort die schrecklichen Ereignisse von Zug mehr und mehr in Vergessenheit, und es werden die Sicherheitsvorkehrungen allmählich wieder gelockert. Dies oft auch als Folge von Sparmassnahmen.

Während also in der Schweizer Öffentlichkeit die Erinnerung an den Amoklauf allmählich verblasst, ist sie bei den Betroffenen auch nach zehn Jahren noch präsent. Durch seine Funktion als Leiter der nach der Tat geschaffenen Begleitgruppe, der auch seine Ehefrau angehört, hatte Tino Jorio bis heute stets Kontakt mit den vom Attentat direkt Betroffenen, mit ihren Angehörigen und den Hinterbliebenen der Todesopfer. «Ich habe festgestellt, dass sich Menschen, die in ein solches Ereignis geraten, hernach nicht völlig verändern, aber die schon vorhandenen Charaktereigenschaften akzentuieren sich in der Folge», resümiert er. So habe er selber zum Beispiel schon vor dem Attentat mit seiner Familie ein eher zurückgezogenes Leben geführt; dies sei heute noch ausgeprägter.

Nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen Betroffenen hat Jorio zudem festgestellt, dass das Sicherheitsgefühl dauerhaft abhanden gekommen ist: «Ich ertrage es noch heute schlecht, wenn jemand hinter mir geht.» Viele schreckten immer noch hoch, wenn zum Beispiel eine Gabel scheppernd zu Boden falle. Und da sind noch die Jahrestage. Sie lassen bei Betroffenen und Angehörigen alles wieder hochkommen, wecken den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erneut. Es scheint, dass der Kanton Zug hier von Anfang an einen Weg gefunden hat, der auch für die Betroffenen gangbar ist: Behutsam, still und in schlichter Form waren bisher alle Gedenkanlässe. Dies soll auch am kommenden 27. September so sein, an dem sich das Attentat zum zehnten Mal jährt. In der katholischen Kirche von Unterägeri mit ihren tausend Plätzen wird das Werk «Gesänge auf den Frieden», ein Oratorium für Chor und Orchester, uraufgeführt. Der Wortanteil ist – wie immer bei den Gedenkanlässen in den letzten zehn Jahren – kurz gehalten, es gibt keine langen Reden. An der Gedenkfeier können alle teilnehmen, die den Wunsch dazu verspüren. Auch die Bundespräsidentin wird dort sein.

Pfleglich miteinander umgehen

Doch was bleibt über diese Gedenkanlässe und die Sicherheitsvorkehrungen hinaus nach dem Anschlag des Friedrich Leibacher? Hat der Kanton Zug vielleicht gar zu einem pfleglicheren Umgang in der Politik gefunden? «Leider nicht», sagt Tino Jorio. Nur noch selten werde an das nach dem Attentat von Politikern geäusserte Versprechen erinnert, die politische Kultur zu verbessern. Inzwischen sei der Umgang in der Politik wieder «in etwa derselbe wie vor dem Attentat». Der Kanton Zug liege zudem nahe bei Zürich, und der dortige Politstil strahle auch nach Zug aus.

Tino Jorio erachtet es deshalb als «eine wichtige Aufgabe der staatlichen Organe, permanent darauf hinzuweisen, dass man pfleglich miteinander umgehen muss». Richard Clavadetscher

Landschreiber Tino Jorio: Erst alles einfach verdrängt. (Bild: NZZ/Werner Schelbert)

Landschreiber Tino Jorio: Erst alles einfach verdrängt. (Bild: NZZ/Werner Schelbert)