Zürich gibt Bürgerlichen Auftrieb

Der Kanton Zürich rückt nach rechts. Was heisst das für den eidgenössischen Wahlherbst? Kantonale Wahlen können zwar als Gradmesser für die nationale Ebene dienen – allerdings nur mit Einschränkungen.

Lukas Leuzinger
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Philipp Müller, Präsident der FDP, dürfte den Sonntag nicht nur wegen des schönen Wetters genossen haben. Auch für seine Partei schien gestern die Sonne: Bei den Wahlen für den Zürcher Kantonsrat meldeten sich die Freisinnigen nach jahrelangem Abwärtstrend eindrücklich zurück: Gleich 8 Sitze machten sie im Vergleich zu 2011 gut. Im 180köpfigen Kantonsrat stellen sie künftig 31 Mitglieder. Damit gehört die FDP in allen bisherigen kantonalen Wahlen in diesem Jahr zu den Siegern – in Baselland und Luzern hatte sie ebenfalls zugelegt. Die Farbe Grün lag gestern dagegen nicht im Trend: Hatten Grüne und Grünliberale vor vier Jahren noch vom «Fukushima-Effekt» profitiert, mussten sie diesmal Federn lassen. Auch bei ihnen bestätigte sich der Trend der Wahlen in Baselland und Luzern.

Frankenstärke gibt FDP Auftrieb

«Das Ergebnis in Zürich verstärkt die Tendenz, die sich bereits aus den Luzerner Wahlen herauslesen liess», sagt Andreas Ladner, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne, gegenüber unserer Zeitung. Er sieht eine «Trendumkehr» bei der FDP. Sie profitiere davon, dass nach der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Nationalbank im Januar wirtschaftliche Themen an Bedeutung gewonnen hätten. «Die Themenkonjunktur war bei den Wahlen in Zürich ausschlaggebend.» Ladner hatte 2007 in einer Analyse untersucht, wie gut sich kantonale Wahlen als Gradmesser für die Nationalratswahlen eignen. Seine Antwort: ziemlich gut. Ladner addierte für die fünf grössten Parteien jeweils die Veränderungen der Stimmenanteile bei den kantonalen Wahlen, wobei er diese nach Grösse der Kantone gewichtete. Über längere Zeit betrachtet bestätigte sich der Trend aus den Kantonen in 94 Prozent der Fälle auf nationaler Ebene. Mit anderen Worten: Hat eine Partei in den vier Jahren vor einer Nationalratswahl in den Kantonen unter dem Strich zugelegt, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf nationaler Ebene zu den Gewinnern gehören. In knapp drei Viertel der Fälle wich die Prognose aus den kantonalen Wahlen weniger als 1 Prozentpunkt vom tatsächlichen Ergebnis einer Partei bei den Nationalratswahlen ab.

Überträgt man diese Erkenntnis auf die bisherigen kantonalen Wahlen, kann insbesondere die SVP dem Herbst optimistisch entgegenblicken: Nach einem leichten Abschwung zu Beginn der Legislatur hat sie seit 2012 in allen Kantonen Stimmenanteile gewonnen (siehe Grafik). Auch die Grünliberalen stehen in der Bilanz nach wie vor im Plus – trotz der jüngsten Niederlagen. Die FDP hat mit ihrem gestrigen Sieg zur SP aufgeschlossen. Wenig Hoffnung können die Grünen aus der Statistik schöpfen: Sie fuhren bei den bisherigen kantonalen Wahlen bisher die deutlichsten Verluste ein.

Ladner relativiert allerdings: Kantonale Wahlen liessen zwar einige Schlüsse für die nationale Ebene zu, man müsse aber gewisse Faktoren berücksichtigen – etwa den Wahltermin: Je näher eine Wahl in einem Kanton zeitlich an den eidgenössischen Wahlen liege, desto eher liessen sich Rückschlüsse für die nationalen Wahlen ziehen. Zudem könnten Ereignisse kurz vor den Wahlen einen entscheidenden Einfluss auf das Wahlergebnis haben, der sich aus den kantonalen Wahlen nicht ablesen liess.

Was war zuerst: Huhn oder Ei?

Zu berücksichtigen gilt es zudem, dass kantonale Wahlen nicht nur nationale Wahlen beeinflussen können, sondern auch umgekehrt. Der Politikwissenschafter Daniel Bochsler von der Universität Zürich weist etwa darauf hin, dass die GLP mit ihrem Wachstum in vielen Kantonen lediglich den Erfolg nachvollzogen habe, den sie 2011 auf nationaler Ebene erreicht hatte: Damals hatte sie ihren Stimmenanteil von 1,4 auf 5,4 Prozent gesteigert. Bochsler hält das zusätzliche Wählerpotenzial dieser Partei deshalb für begrenzt.

Schliesslich spielt auch eine Rolle, wie die Parteien auf die Wahlergebnisse reagieren. «Niederlagen können auch einen mobilisierenden Effekt haben», sagt Andreas Ladner. Die Aussicht auf einen solchen «Jetzt erst recht!»-Effekt dürfte indes ein schwacher Trost sein für die Verlierer von gestern.

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