ZÜRICH: Der etwas zu Geduldige

Dem links-alternativen Stadtrat Richard Wolff werden Willkür und Beratungsresistenz vorgeworfen. Er zeigt sich immun. Und will wiedergewählt werden.

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Polizeivorsteher werden ist nicht schwer, Polizeivorsteher sein dagegen sehr. Davon können derzeit gleich zwei Amtsinhaber von zwei grossen Städten in der Schweiz ein Liedchen singen. Der eine, Reto Nause (CVP), ist in Bern dauerbeschäftigt mit den Reitschule-Krawallen. Und versucht nach Kräften glauben zu machen, die Strassenschlachten seien gar kein Hauptstadtproblem, sondern ein Produkt von Krawalltouristen, welche die Gewalt unter die Lauben brächten.

Der andere, Richard Wolff, schlägt sich in Zürich mit den Wirren um das besetzte Koch-Areal – und um die Duldung von illegalen Rockkonzerten und Partynächten – herum. Der Konflikt schwelt seit Monaten, sporadisch flammt er auf. Politisch oder tatsächlich, je nachdem. Anfang Woche beispielsweise wurden wegen des behördlichen Umgangs mit dem quasi rechtsfreien Raum Koch-Areal Willkür-Vorwürfe an die Adresse des Alternativen Wolff und des Gesamtstadtrates laut. Dies, nachdem der Polizeivorsteher das heisse Dossier schon im vergangenen Jahr wegen Befangenheit an einen Stadtratskollegen hatte abgeben müssen. Grund: Seine Söhne verkehren auf dem Areal. Schön für den Wolff-Nachwuchs, schlecht für den Vater.

Und es wird nicht besser: Der Zürcher Statthalter, ein Grüner, notabene, hat den Stadtrat in einer Untersuchung massiv kritisiert und ihm «Beratungs­resistenz» vorgeworfen. Was deshalb eine besonders heftige Keule ist, weil der Linksalternative Wolff ohnehin gern in die Nähe ideologischen Verhaltens gerückt wird. Dies, obwohl sich Wolff, der seit knapp vier Jahren als Polizeivorsteher wirkt, durchaus nicht in erster Linie als Ideologe profiliert hat. Wolff, laut NZZ «charakterlich eher Mediator als Macher», verdiente sich in seiner Stadtratszeit nicht nur Kritik von rechts (wegen zu laschen Polizeivorgehens), sondern auch von links (wegen zu repressiven Polizeivorgehens). Recht machen kann man es als oberster Stadtpolizist niemandem. Was nichts daran ändert, dass sich der «einsame, zähe Wolff» (NZZ) auch in schwierigen Situationen – Stichwort 1.-Mai-Demonstrationen – stets in einer Mischung aus Staatsmännigkeit und Väterlichkeit vor sein Korps stellte. Zu den Koch-Areal-Turbulenzen meint er lapidar: «Vielleicht war ich etwas zu geduldig.»

Wie weiter mit dem promovierten Geografen und Stadtsoziologen aus einer jüdisch-stämmigen deutschen Fabrikantenfamilie, dessen Weg einst aus der Roten Fabrik über den Gemeinderat in die Exekutive geführt hatte? Diese Frage treibt die Zürcherinnen und Zürcher mit Blick auf die Stadtratswahlen im kommenden Jahr um. Diese haben nicht nur für Wolff, sondern auch für die rot-grüne Mehrheit schicksalshaften Charakter. Denn die Bürgerlichen wittern wieder einmal Morgenluft. Der Polizeivorsteher zeigt sich einstweilen unbeirrt: Rücktrittsforderungen lehnte er bisher ebenso kategorisch ab wie den Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur.

Wolff, so die verbreitete Annahme, wird ohne Rücksicht auf eigene Verluste marschieren. Und mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit auch wieder in der Stadtzürcher Exekutive Einzug halten. Mit einer kleineren allerdings weiter Polizeivorsteher bleiben. Anders sieht es derweil bei Wolffs Amtskollegen Nause aus: Der muss auf Gedeih und Verderb bleiben, was er ist, weil die Aussicht aufs Stadtpräsidium wohl endgültig passé ist. Trösten kann sich Nause höchstens damit: Was ihm die Reitschule ist Wolff das Koch-Areal. Mitunter ein Ärgernis.

Balz Bruder