Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Zivildienstbetriebe wehren sich gegen die Pläne des Bundesrates

Gegen 300 Einsatzbetriebe und Verbände fordern die National- und Ständeräte per Brief auf, den Zugang zum Zivildienst nicht zu erschweren. Darunter eine Greifvogelstation, die ihr Angebot ohne Zivis reduzieren müsste.
Tobias Bär
Andi Lischke, Leiter der Greifvogelstation Berg am Irchel, verarztet mit dem Zivi Ian Dietrich einen Turmfalken mit Flügelbruch. (Bild: Claudio Thoma (28. Februar 2019))

Andi Lischke, Leiter der Greifvogelstation Berg am Irchel, verarztet mit dem Zivi Ian Dietrich einen Turmfalken mit Flügelbruch. (Bild: Claudio Thoma (28. Februar 2019))

1,7 Millionen Diensttage haben Zivildienstleistende 2018 absolviert. Sie haben unter anderem in Altersheimen Betagte gepflegt und Bergbauern unterstützt. Diesen Dienst für die Gesellschaft und die Umwelt sehen 281 Einsatzbetriebe, Verbände und Organisationen bedroht. Sie haben einen Brief geschrieben, der heute beim Wirtschaftsminister Guy Parmelin und allen National- und Ständeräten eintrifft.

Der Brief ist eine Reaktion auf die Pläne, den Zivildienst zurückzubinden. Parmelin hat vorletzte Woche mehrere Massnahmen präsentiert, mit denen der Bundesrat den zivilen Ersatzdienst unattraktiver machen will.

Augentropfen für einen Mäusebussard

«Der Mäusebussard ist ein Grifftöter.» Das sagt der Zivi Ian Dietrich, dessen Hände in Handschuhen stecken, in die sich wiederum die Klauen eines 870 Gramm schweren Bussard-Weibchens bohren. Sie ist eine Patientin der Greifvogelstation Berg am Irchel im Zürcher Weinland. Betrieben wird die Station von der Stiftung Paneco – einem der Einsatzbetriebe, die den Brief unterzeichnet haben.

Der Vogel hat eine Verletzung am Auge, die wohl von der Kollision mit einem Auto herrührt. Dietrich versorgt den Mäusebussard mit Augentropfen und einem Schmerzmittel.

Während sieben Monaten ist der 22-jährige in der Station im Einsatz. Dietrich hat sich von Beginn weg für den Zivildienst entschieden, das Militär kam für ihn nie in Frage. Er schätzt die Vielfalt der Einsatzorte und dass er bei der Wahl weitgehend frei ist.

Zivis wie Dietrich stehen bei den geplanten Verschärfungen nicht im Fokus. Die Einführung einer Mindestanzahl von 150 Diensttagen und weitere Massnahmen sollen insbesondere fertig ausgebildete Rekruten von einem Wechsel abhalten. Der Bundesrat rechnet damit, dass sich damit die Zahl der geleisteten Zivildiensttage um einen Viertel verringern wird.

«Alleine würde ich es nicht schaffen.»

Das sagt Andi Lischke, während er zusammen mit Dietrich einen Turmfalken verarztet. Ein Oberarmbruch, der fixiert werden muss. Lischke ist Leiter und einziger Angestellter der Greifvogelstation. Das Geld für eine zusätzliche Arbeitskraft könnte die zu einem grossen Teil von privaten Spenden abhängige Station nicht aufbringen.

Ohne Zivis müsste also das Angebot, das heute neben der Pflege auch Führungen beinhaltet, reduziert werden. Das meinen die Autoren des Briefes, wenn sie schreiben, dass die Einsatzbetriebe ohne die jungen Männer «zwar nicht existenziell bedroht» wären, wohl aber die Qualität der Dienstleistungen leiden würde.

Nichts für «Weicheier»

Auch Brigitta Galli ist auf Zivis angewiesen. Sie ist Geschäftsleiterin der Inva Mobil in Solothurn, die Fahrdienste für mobilitätsbehinderte Personen anbietet und ebenfalls hinter dem Brief steht. Derzeit beschäftigt Galli zwei Zivildienstleistende. Sie fahren die Kunden von A nach B, kaufen mit ihnen ein, begleiten sie auf die Post oder in die Apotheke.

«Unsere Fahrgäste haben grosse Freude an den jungen, motivierten Mitarbeitern», sagt Galli. Für die Zivis wiederum sei der Einsatz eine Lebensschule. «Sie werden mit schweren Schicksalen konfrontiert. Und es warten herausfordernde Situationen auf sie.» Etwa dann, wenn – wie vorgekommen – bei einem 90-jährigen Fahrgast heftiges Nasenbluten einsetzt. Galli kann deshalb nicht nachvollziehen, dass Zivis bisweilen als «Weicheier» bezeichnet werden.

Die Inva Mobil wirtschaftet nicht kostendeckend, für ein positives Ergebnis ist sie auf Spenden angewiesen. Müssten die bis zu vier Zivis durch reguläre Mitarbeiter ersetzt werden, dann hätte dies höhere Tarife zur Folge. Oder einen Leistungsabbau.

Der Bundesrat will mit den Verschärfungen die Armeebestände sichern. Die Auswirkungen der Massnahmen kann er aber nicht prognostizieren. Samuel Steiner, Co-Präsident des Zivildienstverbandes Civiva, sagt:

«Niemand weiss, wie die Dienstpflichtigen auf die Änderungen reagieren würden. Klar ist, dass die Revision den Zivildienst schwächen soll.»

Unmittelbare Folgen hätte die Gesetzesänderung für jene Betriebe, die Einsätze im Ausland anbieten. Gemäss dem Bundesrat sollen solche Einsätze nicht mehr möglich sein. Betroffen wäre unter anderem die Stiftung Paneco, die auch noch ein Orang-Utan-Schutzprogramm auf Sumatra betreibt – und dort jeweils bis zu drei Zivis im Einsatz hat.

Für Co-Geschäftsleiterin Irena Wettstein ist die Streichung der wenigen Auslandeinsätze «ein rein symbolischer Akt, der für unser Programm aber verheerend wäre». Die Unterzeichner des Briefes fordern die National- und Ständeräte auf, von den Verschärfungen abzusehen. Ob sie damit auf offene Ohren stossen, wird sich bald weisen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.