Wohnen als Gemeinschaftswerk

Nachhaltig und sozial: In der Stadt Zürich ermöglicht die genossenschaftliche Überbauung Kalkbreite 250 Menschen neue Wohnformen. Auch Gewerbe und Kultur haben ihren Platz. Geht es nach den Jungen Grünen soll die Kalkbreite ein Vorbild sein für die ganze Schweiz.

Eveline Rutz
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Wo eine Wohnung anfängt und wo sie aufhört, ist in der Überbauung Kalkbreite dank flexibler Nutzungsmöglichkeiten nicht mehr genau definiert. (Bild: nzz/Adrian Baer)

Wo eine Wohnung anfängt und wo sie aufhört, ist in der Überbauung Kalkbreite dank flexibler Nutzungsmöglichkeiten nicht mehr genau definiert. (Bild: nzz/Adrian Baer)

ZÜRICH. Mittwochs wird in der Cafeteria gemeinsam gestrickt. Wer mitmachen möchte, sei herzlich dazu eingeladen, heisst es auf einem Aushang im Lift. In der Überbauung «Kalkbreite» im Kreis vier in Zürich wird die Gemeinschaft grossgeschrieben. Nicht nur bei Freizeitaktivitäten, sondern auch im Alltag sollen sich die Bewohnerinnen und Bewohner begegnen. Mehrere Wohnungen verfügen jeweils über einen Gemeinschaftsraum, in dem gekocht, diskutiert, gelesen und gespielt wird. Aber auch in der grossen Waschküche, in der Bibliothek, im Innenhof und auf der Dachterrasse trifft man sich.

«Man kann immer zwischen gemeinschaftlichem und konventionellem Wohnen wählen», sagt Res Keller, Geschäftsführer der Genossenschaft Kalkbreite. Die Siedlung sei so konzipiert, dass man sich auch zurückziehen könne. So sind etwa alle Wohnungen über einen direkt Zugang erreichbar. Wer also nicht will, muss seinen Nachbarn nicht über den Weg laufen.

Bewohner bringen sich ein

250 Menschen leben hier. Im April 2014 sind die ersten eingezogen, im August die letzten. Es sind Familien, Studenten, kinderlose Paare, ältere Leute sowie Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Sie belegen 30 bis 400 Quadratmeter (ein bis 17 Zimmer) und zahlen entsprechend abgestufte Mieten; einzelne profitieren von Subventionen der Stadt. Einmal im Monat versammeln sie sich, um Regeln für das Zusammenleben festzulegen, über die Nutzung gemeinsamer Räume zu verhandeln oder Aktivitäten zu planen. Bereits in der Projektierungs- und Bauphase konnten sie sich so einbringen.

Auf nichts verzichten

«Die Bewohner teilen sich möglichst viele Räume», sagt Keller. Individuell belegten sie lediglich 32 Quadratmeter Wohnfläche, dennoch müssten sie auf nichts verzichten. So gibt es unter anderem einen gemeinsamen Fitness- und einen Mediationsraum; ein Malatelier für Kinder sowie Sitzungs- und Gästezimmer, die bedarfsweise gemietet werden können.

«Wo eine Wohnung anfängt und wo sie aufhört, ist nicht mehr ganz klar», sagt Keller. Er ist überzeugt, dass die flexiblen Nutzungsmöglichkeiten einem Bedürfnis der Zeit entsprechen. Trenne sich etwa ein Elternpaar, könne es ein Zimmer mit Nasszelle zumieten. Das sei wesentlich nachhaltiger, als zwei separate Wohnungen zu unterhalten. Die 26 Quadratmeter grossen Zimmer können ebenso von älteren Familienangehörigen oder Teenagern genutzt werden, die noch nicht auf eigenen Beinen stehen.

Wer nicht selbst kochen kann oder will, ist im Grosshaushalt gut aufgehoben, wo professionelles Kochpersonal täglich eine warme Mahlzeit zubereitet. Dies soll es älteren Mietern ermöglichen, länger in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. «Gerade in einer immer älter werdenden Gesellschaft sind solche Angebote zentral», sagt Geschäftsführer Keller. Der Wohnungsmarkt müsse sich viel stärker den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen, findet er. Würden weiterhin vor allem Familienwohnungen gebaut und von Einzelpersonen belegt, würden Ressourcen verschwendet.

Vielfältig genutzt

In der Überbauung Kalkbreite haben auch das Gewerbe und die Kultur Platz. Im Bachser Märt sind unter anderem Teigwaren, Müsli und Kaffee im Offenverkauf zu haben. In kleineren Läden werden Kinderkleider, Blechbüchsen und Blumen angeboten. Daneben haben sich Greenpeace und die Anlaufstelle für Sans Papiers eingemietet. Hinzu kommen drei Restaurationsbetriebe, das Kino «Houdini», ein Geburtshaus, eine Bank sowie eine Kindertagesstätte. Nahezu 50 Prozent der Fläche wird in der Kalkbreite gewerblich genutzt, rund 200 Menschen kommen hierher zur Arbeit.

Architektonisch fügt sich die Blockrandsiedlung gut in die angrenzenden Quartiere Wiedikon und Langstrasse ein. Eine besondere Herausforderung war es, das Tramdepot der Zürcher Verkehrsbetriebe zu integrieren. Dank einem privaten, vom Stadtparlament abgesegneten Gestaltungsplan konnte das Areal trotz strenger Lärmschutzauflagen dicht überbaut werden. Die Bauherrin durfte zudem auf Parkplätze verzichten und stattdessen 300 Veloabstellplätze realisieren.

In Hallen wohnen

Für eine erste Bilanz sei es noch zu früh, sagt Res Keller, der bewusst ausserhalb wohnt. «Wir haben uns drei Jahre Zeit gegeben, um uns einzuleben.»

Parallel arbeitet die Genossenschaft an einem weiteren Projekt. An der Zollstrasse beim Zürcher Hauptbahnhof plant sie eine ähnliche Überbauung. Mit 200 bis 300 Quadratmeter grossen Hallen will sie sich noch weiter von konventionellen Wohnformen verabschieden.