Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WOHER FÄLSCHUNGEN KOMMENVON FÄLSCHUNGEN BETROFFENE LÄNDER: Wenn nicht drin ist, was drauf steht

Fälscher begnügen sich längst nicht mehr mit der billigen Imitation von teuren Uhren und Modeartikeln. Sie infiltrieren inzwischen Zulieferketten und verursachen damit massiven Schaden bei den Herstellern von Qualitätsprodukten.
Richard Clavadetscher
Gefälschte Komponenten können via Zulieferkette in Qualitätsprodukten landen – etwa im Maschinenbau.­ (Bild: Ute Grabowsky/Getty)

Gefälschte Komponenten können via Zulieferkette in Qualitätsprodukten landen – etwa im Maschinenbau.­ (Bild: Ute Grabowsky/Getty)

Richard Clavadetscher

Gerade eben hat der Bundesrat bekanntgemacht, dass er der «Medicrime-Konvention» des Europarats beitreten und so den Kampf gegen internationale ­Medikamentenfälscher verschärfen will. Denn illegal hergestellte oder gefälschte Medikamente, meist über das Internet zu bekommen, können die Gesundheit der Käufer gefährden.

Die Meldung rückt ins Bewusstsein, dass das Fälschen weltweit ein lukratives Business ist und entsprechend boomt. Dabei geht es längst nicht mehr lediglich um gefälschte Gucci-Taschen, Rolex-Uhren, Raubkopien von Filmen und Computer-Software. Die Marken-Piraterie hat sich – begünstigt durch die internationale Arbeitsteilung – längst im Bereich der industriellen Produktion eingenistet. Mit fatalen Folgen: Werden etwa gefälschte industrielle Halbfabrikate nicht erkannt und weiterverarbeitet, kann dies die Qualität des Endprodukts beeinträchtigen, es zum Beispiel störungsanfällig machen, was dann auf das Image eines Herstellers abfärbt

Die wirtschaftliche Globalisierung bringt es mit sich, dass Piraterie der geschilderten Art inzwischen weltweit verbreitet ist. Laut OECD hat der inter­nationale Handel mit gefälschten Produkten im Jahr 2013 einen Umfang von 461 Milliarden US-Dollar erreicht. Allein in der EU belief er sich im selben Jahr auf 116 Milliarden US-Dollar – Tendenz steigend.

Gefälschte Halbfabrikate und Komponenten

Auch für Schweizer Firmen wird diese Piraterie zunehmend zum Problem, denn viele hochspezialisierte Schweizer Betriebe verarbeiten Halbfabrikate und verwenden Komponenten, die zum Teil über eine längere Zulieferkette in die Schweiz gelangen und auf diesem Weg stufenweise veredelt werden. Die Gefahr, dass sich da ein Fälscher einklinkt, ist real.

Die OECD nennt denn auch Zahlen mit Schweizer Bezug: Bei 11,7 Prozent der beschlagnahmten Piraterie-Pro­dukte waren Schweizer Firmen Inhaber der Rechte an den Originalprodukten. Überhaupt die Schweiz: Der OECD-Bericht aus dem Jahr 2013 stellt das Land auf Platz vier der von Fälschungen am meisten betroffenen Staaten. Dies nach den USA, Frankreich und Italien, aber noch vor Japan und Deutschland.

Wer Schweizer Firmen auf das Problem anspricht, bekommt gleichwohl ausweichende Antworten – was ein Stück weit verständlich ist: Niemand gibt aus Imagegründen gerne zu, dass er schon Opfer raffinierter Fälscher geworden ist. Bei den einschlägigen Verbänden, etwa beim jenem der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem, bestätigt man aber, dass die Piraterie ­inzwischen ein Thema ist – «wenn auch nicht im selben Ausmass wie in der ­Konsumgüter-, Uhren- oder Pharmaindustrie», so Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann. Es sei schon mehrfach vorgekommen, dass auf internationalen Messen gefälschte Maschinen beschlagnahmt wurden.

Swissmem empfiehlt seinen Mitgliedfirmen, gegen Produkte-Fälscher rechtlich vorzugehen – nur schon, um Trittbrettfahrer abzuhalten. Allerdings seien diese rechtlichen Verfahren sehr zeit- und kostenintensiv, was insbesondere für KMU eine grosse Herausforderung darstelle, sagt Zimmermann. Auch Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Zentralschweiz, bestätigt, dass die Produkte-Piraterie vor allem bei seinen Mitgliedern aus der ­Maschinenindustrie zunehmend ein Thema sei.

Zwei Typen von Piraterie

Dies deckt sich mit Antworten von jenen Stellen, die einen entstandenen Schaden zu vergüten haben: den Versicherungen. Die Zürich ist der grösste Industrie­versicherer der Schweiz. Jörg Bertogg, dort Leiter des Grosskundengeschäfts Schweiz, kennt etliche Fälle solcher Produkte-Piraterie. Sein Unternehmen habe sich inzwischen gar «auf diese Thematik spezialisiert», so Bertogg. Die Zürich unternehme grosse Anstrengungen da­rin, ihre Kunden präventiv zu beraten und so das Risiko zu minimieren.

Bertogg unterscheidet zwei Typen von Piraterie, mit denen seine Kunden konfrontiert sind: Neben dem bereits erwähnten Infiltrieren der Zulieferkette ist es das Einschleusen integral gefälschter Produkte – zum Beispiel von Medi­kamenten – in den offiziellen Verkaufskanal.

Die Fälscher seien nicht wählerisch, weiss Bertogg: Sie kopierten auf minderwertige Weise alles Denkbare: elektronische Widerstände, Chemikalien, Medi­kamente, ganze Geräte – und auch Lebensmittel.

Der Versicherungsmanager ist um Beispiele nicht verlegen – auch wenn er keine konkreten Namen nennen kann: «Ein Schweizer Industrieunternehmen» etwa stelle teure Maschinen her. Plötzlich hätten sich Meldungen über Fehlfunktionen gehäuft. Die Analyse habe schliesslich gezeigt, dass auf einer Leiterplatte gefälschte, qualitativ minder­wertige Widerstände verbaut wurden. Ein anderes Beispiel, das Bertogg nennt, ist insofern gravierender, als es die Gesundheit einer grossen Zahl von Menschen betraf: Ein Schweizer Medikamentenhändler habe im Ausland eine grössere Menge eines Medikaments eines Schweizer Pharma-Multis gekauft, was heut­zutage nicht unüblich sei. Er habe das Medikament darauf an einen anderen Händler weiterverkauft, der schliesslich ein Spital in den USA belieferte.

Weil dieses Medikament dann aber bei den Patienten keinerlei Wirkung zeigte, wurden die Verantwortlichen misstrauisch. Die Analyse bestätigte den Verdacht: Das Medikament enthielt gar keine Wirkstoffe der angegebenen Art, es war schlicht ein Placebo.

Fälscher sind schwer zu erwischen

Im Nachgang dazu entstanden natürlich Rechtsstreitigkeiten. Die eigentlich Schuldigen aber sind schwer zu erwischen: Weil die globalen Handelsströme polizeilich oft nur schwer nachzuverfolgen sind und viele Abklärungen über Rechtshilfegesuche erfolgen müssen, bleiben Fälscher vielfach unerkannt.

Es sind solche Fälle, bei denen Versicherungen jeweils gefragt sind, um den Schaden ganz oder teilweise zu ersetzen. Weil aber die Piraterie eine eigentliche Wachstumsbranche ist, genügt dies nicht mehr. Seine Versicherung beschäftige längst eine Risiko-Abteilung mit Ingenieuren und anderen Fachleuten, die Unternehmen präventiv begleiteten, ­ihnen etwa Tipps gäben, wie sie zum Beispiel zu mehr Wissen über und zu mehr Kontrolle der Zulieferkette gelangten, sagt Bertogg.

Aber auch, wenn die Firmen aufgrund solch negativer Erfahrungen inzwischen vorsichtiger sind und sich mehr schützen, die Produkte-Piraterie wird laut Schätzungen der OECD auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.