Wo hat es eigentlich Platz, wenn alle Schweizer im eigenen Land Ferien machen?

Es zeichnet sich ab: Die Sommerferien wird die Schweizer Bevölkerung im Inland verbringen. Umgekehrt dürften kaum ausländische Gäste unser Land besuchen. Was bedeutet das für die Tourismusdestinationen?

Reto Fehr/watson.ch
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Idyllische Plätze in den Bergen, wie hier beim Oeschinensee, dürften in diesem Sommer bei Schweizern beliebt sein.

Idyllische Plätze in den Bergen, wie hier beim Oeschinensee, dürften in diesem Sommer bei Schweizern beliebt sein.  

(Foto: Shutterstock)

Die Sommersaison zieht die Schweizerinnen und Schweizer ins Ausland. Gemäss Bundesamt für Statistik machten während der Sommersaison (Mai bis Oktober) 2018 rund 10,7 Millionen Schweizerinnen und Schweizer eine Auslandreise. «Nur» 4,1 Millionen Schweizer bereisten im gleichen Zeitraum das eigene Land.

In diese Sommersaison fallen auch Pfingsten, Auffahrt oder die Herbstferien. Trotzdem: Der grösste Teil der Ferien wird während den klassischen Ferienmonaten Juli und August genossen.

Die Strände von Rimini dürften in diesem Jahr für die Schweizer nicht auf dem Ferienprogramm stehen.

Die Strände von Rimini dürften in diesem Jahr für die Schweizer nicht auf dem Ferienprogramm stehen.

(Foto: epa)

Für 2020 steht fest: Diese 10,7 Millionen Auslandreisen fallen grösstenteils weg. Wer Ferien machen will, muss in diesem Jahr in der Schweiz bleiben. Doch haben wir überhaupt alle Platz? Und wo?

Schauen wir uns die Situation etwas genauer an:

Anteil ausländischer Gäste

Ein Blick auf die Logiernächte zeigt: Nicht alle Schweizer Regionen sind gleich stark auf ausländische Gäste ausgerichtet. Wir haben hier die Angaben von 2019 gesammelt:

Im Schweizer Durchschnitt sind 45,3 Prozent der Logiernächte von inländischen Touristen belegt. Die regionalen Unterschiede sind aber gross: Während in Genf vier von fünf Gästen normalerweise aus dem Ausland kommen, sind in der Ostschweiz zwei Drittel aus dem Inland.

Wo in diesem Sommer ziemlich sicher weniger Touristen übernachten werden, ist in Städten wie Luzern, Genf oder Zürich. «Die Städte werden nicht so viele Feriengäste haben im Sommer, dort erwarten wir eher Ausflüge und verlängerte Wochenenden. Die ausländischen Städtereisenden werden dagegen weitgehend fehlen», sagt Felix Pal, Stadtexperte bei Schweiz Tourismus, «das könnte sich in den Gästezahlen niederschlagen.»

Mit so wenigen Touristen wie diesen Sommer dürfte man sich die Luzerner Kapellbrücke sonst kaum mal wieder teilen müssen.

Mit so wenigen Touristen wie diesen Sommer dürfte man sich die Luzerner Kapellbrücke sonst kaum mal wieder teilen müssen. 

(Foto: Shutterstock)

Denn es ist anzunehmen, dass Schweizer in diesem Sommer lieber in den Bergen etwas Einsamkeit suchen oder irgendwo an einem See auf Badeferien-Stimmung hoffen.

Anzahl Hotelbetten

In der Schweiz stehen rund 4600 Hotels und Kurbetriebe zur Verfügung, diese bieten 140'000 Zimmer mit total 274'000 Betten, wie das BFS für das Jahr 2019 auflistet.

Die Bruttoauslastung der Zimmer liegt dabei in den Monaten Juli und August bei 62,9 respektive 62,1 Prozent. Diese Zahlen nahmen über die letzten Jahre leicht zu, drüber lagen sie aber nie.

Es müssen nicht immer die bekannten Hotel sein: Der Seegasthof Frohsinn ist beispielsweise sehr empfehlenswert.

Es müssen nicht immer die bekannten Hotel sein: Der Seegasthof Frohsinn ist beispielsweise sehr empfehlenswert. 

(Foto: Seegasthof Frohsinn)

Mit anderen Worten: Im Schnitt sind in den Sommermonaten rund 50'000 Betten frei. Wie oben gesehen, werden schweizweit 45,3 Prozent der Logiernächte von inländischen Touristen belegt. Im Normalfall sind im Schnitt also rund 40'000 Hotelzimmer von Schweizern belegt, womit wir die rund 50'000 Zimmer der ausländischen Gäste auch noch zu den «freien» Betten zählen können.

André Aschwanden, Mediensprecher von Schweiz Tourismus, sieht keine Platzprobleme: «Wir erwarten in diesem Sommer sicherlich eine deutlich grössere Zunahme als im Vorjahr, aber Platz hat es für alle genug.»

Brutteozimmerauslastung

Anzahl Zimmernächte dividiert durch die gesamte Bruttozimmerkapazität der betreffenden Periode. Die Bruttozimmerkapazität entspricht der Anzahl Zimmer eines Betriebes im Erhebungsmonat multipliziert mit der Anzahl Tage dieses Monats.

Das Wetter wird mitentscheiden

Aufgrund dieser Zahlen und Rückmeldungen von verschiedenen Schweizer Tourismusdestinationen werden also alle ferienwilligen inländischen Touristen hier einen Platz finden. André Aschwanden, Mediensprecher von Schweiz Tourismus, sagt auf Anfrage: «Bei Schweizern sind seit je her die kleinen und feinen Täler beliebt, gerne auch abseits der Leuchtturm-Destinationen. In diesem Sinne sehen wir keinen ‹Sturm› auf einige wenige Ferienorte.»

Das Safiental (hier mit der Kirche von Versam) gehört zu den noch sehr ursprünglichen Tälern in Graubünden.

Das Safiental (hier mit der Kirche von Versam) gehört zu den noch sehr ursprünglichen Tälern in Graubünden. 

(Foto: Shutterstock)

Aus verschiedenen Regionen hört es sich ähnlich an. Christoph Leibundgut von der Ferienregion Interlaken sagt beispielsweise: «In Interlaken übernachten im Jahr 200'000 Schweizer alleine in den Hotels. Insgesamt hatten wir 2019 etwas mehr als eine Millionen Hotel-Übernachtungen. Dazu kommen sehr viele Schweizer, die unsere Hostels, Campingplätze und Ferienwohnungen geniessen. Es würde uns natürlich freuen, wenn wir gleich viel Logiernächte hätten, wie im letzten Jahr. Aber wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die inländischen Gäste das Fernbleiben der internationalen Gäste ganz kompensieren können.»

Auch bei den Jungfraubahnen hört es sich ähnlich an. «Der Ausfall der internationalen Gäste kann nicht mit Schweizer Gästen kompensiert werden», sagt Mediensprecherin Kathrin Naegeli auf Anfrage.

Was aber sicher eintreffen wird: Es wird mehr spontane Besuche geben. Tagesausflüge dürften mit praktisch nur inländischen Gästen zunehmen. Und diese sind schwierig vorherzusagen. Ist das Wetter gut, wird es auch mehr Tagesausflügler oder Wochenendgäste geben. «An schönen Wochenendtagen kann es dann darum doch auch ziemlich voll werden», glaubt Naegeli, schränkt aber auch gleich ein: «Erst müssen wir genau wissen, wie wir den Betrieb hoffentlich bald wieder auffahren können.»

Es dürfte in diesem Sommer auf der Kleinen Scheidegg, dem Ausgangspunkt für das Jungfraujoch, deutlich weniger Leute haben.

Es dürfte in diesem Sommer auf der Kleinen Scheidegg, dem Ausgangspunkt für das Jungfraujoch, deutlich weniger Leute haben. 

(Foto: Shutterstock)

Weniger stark auf ausländische Gäste ausgerichtet, ist die Ferienregion Graubünden. In den Monaten Juli und August 2019 übernachteten 1,22 Millionen Touristen im Bergkanton, rund 720'000 davon kamen aus dem Inland, was rund 60 Prozent entspricht. In diesem Jahr dürften somit eine halbe Million ausländische Gäste fehlen. Graubünden-Ferien-Mediensprecher Luzi Bürkli sagt gegenüber watson: «Unser wichtigster Auslandmarkt ist Deutschland. Wenn diese Gäste fehlen, wären wir natürlich froh um mehr Schweizer Buchungen. Platz werden wir in unseren 150 Tälern sicher genügend haben.»

Erst am Mittwoch war man mit verschiedenen Destinationen in Kontakt: «Wir verzeichnen erste Buchungen für den Sommer, allerdings noch auf sehr tiefem Niveau. Immerhin gibt es, seit die Lockerungen in Aussicht stehen, kaum mehr Stornierungen.»

Fazit

Noch sind viele Fragen offen, in welchem Ausmass Ferien im Sommer auch in der Schweiz möglich sein werden. Treffen aber die Lockerungen wie geplant ab dem 8. Juni ein, werden viele Angebote wie auch Sessel- und Gondelbahnen wieder offen sein.

Durch das vermutliche Fehlen von ausländischen Gästen werden auch alle ferienwilligen Schweizer ein Plätzchen finden. Und wer jetzt trotzdem Angst hat, dass der eine oder andere Ferienort übervoll sein wird: Die Schweiz bietet sehr viele noch unbekannte Ecken.