Wo es Frauen besonders schwer haben: Vier Kantone schickten noch nie eine Politikerin nach Bern

Noch immer gibt es Kantone wie etwa Zug oder Appenzell Innerrhoden, die bislang keine einzige Politikerin ins Bundesparlament gewählt haben. Dabei fehlt es nicht am Engagement der Frauen – im Gegenteil.

Sven Altermatt
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Ein Foto für die Geschichtsbücher: die ersten Schweizer Nationalrätinnen, stehend von links: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier, Hanna Sahlfeld sowie sitzend von links Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (Bild: Keystone (Bern, 23. Juli 1972))

Ein Foto für die Geschichtsbücher: die ersten Schweizer Nationalrätinnen, stehend von links: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier, Hanna Sahlfeld sowie sitzend von links Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (Bild: Keystone (Bern, 23. Juli 1972))

Fehlendes Engagement müssen sich die Zuger Politikerinnen wirklich nicht vorwerfen lassen: Bei den Nationalratswahlen 2015 betrug der Anteil der Frauenkandidaturen im Kanton Zug stolze 40 Prozent, ein schweizweiter Spitzenplatz. Und auch bei den beiden vorangegangenen Wahlen bewarben sich jeweils mehr Frauen für einen Sitz in der grossen Kammer als in den meisten anderen Kantonen. Reüssiert hat jedoch keine einzige der Kandidatinnen.

Seit bald 50 Jahren können Frauen in der Schweiz wählen, abstimmen und für politische Ämter kandidieren. Auch im Kanton Zug. Doch der Zentralschweizer Stand hat noch nie eine Frau nach Bern entsandt. Seine fünfköpfige Bundeshausdeputation war und ist rein männlich. Zwei Ständeräte und drei Nationalräte vertreten die Zugerinnen und Zuger – das scheint fix.

Zug hält einen Negativrekord: Der Kanton ist der grösste und der einzige mit Proporzwahlrecht, für den bis heute keine Politikerin im Bundesparlament politisiert hat. Das zeigt eine Auswertung dieser Zeitung, basierend auf Daten des Bundesamts für Statistik und der Kantone. Ebenfalls bei null liegt der Frauenanteil in Appenzell Innerrhoden und Obwalden mit jeweils einem Sitz in beiden Kammern sowie in Glarus mit zwei Sitzen im Ständerat und einem im Nationalrat. Wobei die Bevölkerung dieser drei Kantone zusammengerechnet noch immer kleiner ist als jene von Zug.

Frauenanteil im Nationalrat ist 33 Prozent

Die restlichen 22 Kantone waren seit der Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971 zumindest vorübergehend mit Politikerinnen in Bern vertreten. Derzeit gesellen sich zu den vier Kantonen mit dauerhafter Männervertretung vier weitere Kantone, deren Bundeshausabordnung temporär keine Frauen angehören: Appenzell Ausserrhoden, Neuenburg, Nidwalden und Uri.

Der Frauenanteil im Nationalrat beträgt aktuell 33 Prozent, im Jahr 2015 markierte die Wahl von 64 Politikerinnen einen neuen Höchstwert. Nur einer von 26 Kantonen stellt in der grossen Kammer eine Frauenmehrheit: Fünf von sieben der Baselbieter Sitze sind in weiblicher Hand.

Im Ständerat gibt es – vom Kanton Basel-Stadt mit seiner Ständerätin Anita Fetz (SP) abgesehen – keine Kantone mit reiner Frauendelegation. Der Ständerätinnenanteil ist mit 15,2 Prozent fast schon vernachlässigbar tief. Nebst den vier Kantonen, die bislang gar keine Parlamentarierin stellten, hatten acht weitere noch nie eine Vertreterin in der kleinen Kammer. Und Nidwalden verfügte mit Marianne Slongo (CVP) zwar über eine Ständerätin, aber bis zur jetzigen Stunde über keine Nationalrätin. Am 20. Oktober bestimmen die Stimmbürger, wer in der Schweiz künftig das Sagen hat. Die ausgewogene Vertretung der Geschlechter dürfte im Wahlkampf eines der dominierenden Themen sein.

Blick in den Ständerat: Der Frauenanteil in der kleinen Kammer beträgt derzeit 15,2 Prozent. Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 29. November 2018)

Blick in den Ständerat: Der Frauenanteil in der kleinen Kammer beträgt derzeit 15,2 Prozent. Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 29. November 2018)

Bundesrat sieht Nachholbedarf

Die überparteiliche Bewegung «Helvetia ruft» verlangt, dass mehr Kandidatinnen aufgestellt werden. Und sogar der Bundesrat konstatiert besorgt: «Bei den Wahlen besteht ein offensichtlicher Nachholbedarf.» Dieser Ansicht ist auch der Politologe Werner Seitz. Beim Bundesamt für Statistik analysierte er jahrzehntelang die Repräsentation der Frauen in der Politik. Abgeflaut sei der Schwung, «mit dem die Frauen vor allem in den Neunzigerjahren Einsitz in den politischen Institutionen nahmen», resümiert Seitz in einer Studie zu den Wahlen 2015.

Darin verweist er darauf, dass die Frauenvertretung in der Westschweiz und im Tessin – derzeit beträgt sie rund 25 Prozent – seit Jahrzehnten tiefer ist als in der Deutschschweiz. Hier liegen nicht nur die Kantone ohne Parlamentarierinnen, sondern auch deren Antipode: Luzern, St. Gallen und Zürich schickten seit 1971 immer mindestens eine Frau nach Bern. Sie zählen überdies zu den Kantonen, in denen über den ganzen Zeitraum gesehen am meisten Politikerinnen gewählt worden sind.

Betrachtet man den Ständerat separat, sind Genf und Zürich in der Pole Position. Die Kantone schickten seit 1971 jeweils fünf Frauen in die prestigeträchtige Kammer, in beiden waren sogar zeitweise beide Sitze weiblich besetzt. Eine solche Konstellation gab es bloss noch im Aargau: Zwischen 2011 und 2015 vertraten Christine Egerszegi (FDP) und Pascale Bruderer (SP) den Kanton in der kleinen Kammer.

Und im Kanton Zug? Die Chancen sind intakt, dass im Herbst erstmals eine Zugerin ins Bundeshaus einziehen könnte. FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti tritt nicht mehr an. Dass der Freisinn seinen Sitz verteidigt, ist laut Beobachtern ebenso denkbar wie ein Zugewinn der Grün-Alternativen. In beiden Parteien zählen aussichtsreiche Politikerinnen zum Kandidatenfeld.