Wirtschaft verzichtet auf Drohfinger

Die Abzocker-Initiative hat die Debatte über Firmenabgänge aus der Schweiz befeuert. Vor der 1:12-Abstimmung lautet die Losung der Wirtschaft: Nur keine Schreckensszenarien an die Wand malen. Dies zeigt eine Umfrage bei Unternehmen.

Kari Kälin
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Die 1:12-Initiative führe zu mehr Umverteilung von oben nach unten. «Da viele Abzocker-Gehälter von Topmanagern stark nach unten korrigiert werden müssen, würden riesige Lohnsummen frei», glaubt die Juso. Die Kaderlöhne anzupassen, dürfte für viele Unternehmen «keine realistische Option» sein, ist hingegen der Bundesrat überzeugt. In der Botschaft rechnet er bei einem Ja zur Initiative mit dem Wegzug von Unternehmen und hoch entlöhnten Personen.

Wie bereiten sich Firmen, die von der Juso-Initiative betroffen wären, auf ein mögliches Ja vor? Würden sie ihren Betrieb in eine Produktions- und Managementfirma aufspalten, wenn der höchste Lohn maximal noch zwölfmal so gross sein dürfte wie der tiefste? Oder würden sie ihren Sitz ins Ausland verlagern? Unsere Zeitung wollte von 27 grossen Schweizer Unternehmen wissen, wie und ob sie die Initiative allenfalls umdribbeln würden. 20 Firmen nahmen bis gestern abend Stellung.

«Drohen ist das Dümmste»
Die Unternehmen vermeiden es alle, die Fragen mit einem abschliessenden «Ja» oder «Nein» zu beantworten. Niemand droht explizit mit Abwanderung. Zu schlecht sind die Erinnerungen an die Abzocker-Initiative. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse etwa liess im Vorfeld des Urnengangs einen Internet-Kurzfilm produzieren, in dem Regisseur Michael Steiner im Falle eines Ja ein rabenschwarzes Bild an die Wand malte. Der Beitrag wurde zwar nicht ausgestrahlt, sorgte aber dennoch für viel Unverständnis. Damit nicht genug. Nach der Annahme der Initiative verkündete der damalige Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli via Schweizer Fernsehen, er habe Kenntnis von namhaften Unternehmen, die eine Verlegung ihres Sitzes ins Ausland prüften. Das Echo auf Wehrlis Mahnfinger fiel vernichtend aus. Es überrascht nicht, dass dessen Nachfolger Heinz Karrer nun eine neue Devise formuliert: «Drohen ist das Dümmste, was man machen kann», sagte er in der «Schweiz am Sonntag».

Flucht in Allgemeinplätze
Einige Firmen, zum Beispiel Swatch, die Zurich Versicherungen, Kuoni oder Implenia, lehnen es grundsätzlich ab, über mögliche Folgen der 1:12-Initiative zu spekulieren. Andere Unternehmen flüchten in Allgemeinplätze. Die Initiative gefährde das Wachstum und den Wohlstand in der Schweiz, heisst es etwa bei der UBS. Die Annahme würde dem «Wirtschaftsstandort Schweiz schaden», lässt Nestlé ausrichten. Der Nahrungsmittelkonzern verweist auf ein früheres Interview, in dem Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck gesagt hatte: «Wir drohen nicht mit Auswandern.»

Bloss ganz vereinzelt und nur zwischen den Zeilen lassen Firmen durchscheinen, dass ein Wegzug ins Ausland durchaus in Frage kommt. Zu diesem Zeitpunkt könne Lonza diese Frage «noch nicht abschliessend beantworten», sagt Renzo Cicillini, Sprecher des Walliser Chemie- und Pharmaunternehmens. Er weist aber darauf hin, dass Lonza auch bei den Löhnen für das Management im internationalen Wettbewerb stehe, «vor dem sich die Schweiz nicht verschliessen kann». Auch eine Aufspaltung in eine Management- und Produktionsfirma scheint nicht ausgeschlossen. «Sollte die Initiative angenommen werden, müssen auch wir die notwendigen Massnahmen prüfen, um den Erfolg unserer Firma sicherzustellen», so Cicillini.

Wortkarge Bundesbetriebe
Der Pharmakonzern Novartis betont derweil, er beschäftige in der Schweiz 14 000 Angestellte. Er habe seine Niederlassungen ausgebaut und den Fokus auf Forschung und Entwicklung konsequent gesteigert. Pascal Brenneisen, Leiter Novartis Schweiz, gibt aber zu bedenken: «Wir können diese Fähigkeit nur beibehalten, wenn der wirtschaftliche und politische Rahmen weiterhin attraktiv bleibt und wir es schaffen, uns vor unverhältnismässigen staatlichen Eingriffen zu schützen.»

Am deutlichsten distanzierten sich die bundeseigenen Unternehmen Post, Ruag und Swisscom von möglichen Umgehungsstrategien. Andere Statements lassen erahnen, dass sich viele Firmen intensiv mit den Folgen einer Annahme der Juso-Initiative befassen, auch wenn noch offen bleibt, wie das Volksbegehren in einen Gesetzestext gegossen würde. Simon Zogg, Sprecher des Versicherungskonzerns Swiss Life, sagt zum Beispiel: «Bei einer Annahme der Initiative müsste Swiss Life in der Tat Massnahmen ergreifen, mit welchen sie die eigene Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen und die heute gut funktionierende Lohnstruktur im Unternehmen wieder abbilden könnte.»

Keine Umverteilung nach unten
Am meisten Klarheit fördert die Umfrage in Sachen Umverteilung von oben nach unten zutage. Die Basler Versicherungen, Swiss Life, Lonza oder Swisscom stellen mehr oder weniger direkt klar, dass sie nicht an diesen Effekt glauben. «Die erhoffte Umverteilung entspricht keiner Marktlogik», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber.

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