Wirbel um HSG-Dozenten

Wirtschaftsethiker Thielemann hat vor einem Ausschuss des Bundestags die bürgerlichen Eliten der Schweiz angegriffen. Diese reagieren verschnupft. Und die HSG entschuldigt sich.

Stefan Schmid
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Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Wer sich zum Verhältnis Schweiz–Deutschland äussert, bewegt sich in einem Minenfeld. Das erfährt in aller Deutlichkeit Ulrich Thielemann, der Vizedirektor des HSG-Instituts für Wirtschaftsethik.

Was ist passiert? Der Deutsche nahm am Mittwoch auf Einladung der Grünen an einem Hearing vor dem Finanz-Ausschuss des Deutschen Bundestags in Berlin teil. Das Thema der Veranstaltung: Das Schweizer Bankgeheimnis. Auf die Frage, ob Fortschritte im Bereich der Steuerflucht und der Steuerhinterziehung seitens der Schweiz nur über Druck von aussen zu erreichen seien, antwortete Thielemann, dieser Eindruck müsse in der Tat entstehen. «Denn», wie Thielemann auf Anfrage präzisiert, «den dominanten politischen Kräften in der Schweiz fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein in bezug auf die Verweigerung des Informationsaustausches» (siehe befragt).

«Unglücklich und ungeschickt»

Diese unverblümte Kritik am Bankgeheimnis ärgert Ostschweizer Politiker: «Das stösst mir sauer auf», sagt CVP-Nationalrat Thomas Müller. Thielemann habe zu wenig Rücksicht genommen auf seine Stellung an einer Schweizer Universität. «Das schadet dem Ansehen der HSG», sagt Müller. Auch der Innerrhoder Ständerat Ivo Bischofberger (CVP), im Gegensatz zu Müller kein Scharfmacher in dieser Frage, findet die Stellungnahme Thielemanns angesichts der emotionalisierten Debatte «sehr unglücklich». Solche Beiträge tragen nicht zur Versachlichung der Diskussion bei, sagt Bischofberger.

Jaeger fordert Entlassung

Thielemanns Auftritt in Berlin wird auch ausserhalb der Politik kritisiert. «Im jetzigen Umfeld muss man sich fragen, ob solche Äusserungen geschickt sind», sagt Ulrich Cavelti, Rechtsberater der Finanzdirektoren-Konferenz. Scharfe Töne schlägt der emeritierte HSG-Professor Franz Jaeger an. «Ich habe grösste Mühe mit dieser pauschalen Verunglimpfung.» Jaeger geht davon aus, dass Thielemanns Aussagen Konsequenzen für seine Tätigkeit an der Universität St. Gallen haben werden. «Wer so unqualifiziert polemisiert, ist als Wissenschafter an der HSG nicht tragbar.»

Zur Entlassung Thielemanns wird es wohl nicht kommen. Aber die Geschichte ist der Leitung der HSG unangenehm. In einer schriftlichen Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt, heisst es: «Die Universität St. Gallen nimmt das Gebot der Freiheit von Forschung und Lehre sehr ernst. In der Folge ist klar, dass sich die HSG-Dozierenden frei äussern und selbst entscheiden, wo sie dies tun.» Und weiter: «Wenn jedoch aufgrund der Stellungnahme von Herrn Thielemann der Eindruck zurückbleiben sollte, dass sich Teile der Schweizer Bevölkerung dadurch persönlich verunglimpft fühlen, dann ist das in keiner Weise die Intention der Universität St. Gallen.»

Übersetzt heisst das: Der HSG ist die Sache peinlich und sie entschuldigt sich für den Auftritt ihres Exponenten in Berlin.

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