«Wir wollen keine Rambos»

Bürgerkriege, Terror, Ebola: Generaldirektor Yves Daccord sagt, wie die aktuellen Krisen das IKRK fordern und warum er Verhandlungen mit dem Islamischen Staat für wichtig hält.

Jürg Ackermann
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Chef von 14 000 Angestellten, die in 84 Ländern tätig sind: IKRK-Generaldirektor Yves Daccord beim Gespräch an der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Chef von 14 000 Angestellten, die in 84 Ländern tätig sind: IKRK-Generaldirektor Yves Daccord beim Gespräch an der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Herr Daccord, das IKRK ist in fast allen Krisenherden der Welt tätig. Auch in Syrien und in Irak. Wie schwer fällt es Ihnen, gegenüber Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat neutral zu sein?

Yves Daccord: Ich muss ehrlich sein, wir arbeiten mit vielen Regierungen auf dieser Welt zusammen, die nicht alle die Regeln des humanitären Völkerrechts respektieren. Wenn wir nur noch mit jenen kollaborieren würden, die sich daran halten, müssten wir viele unserer Delegationen zurückziehen. Aber es ist wahr: Beim Islamischen Staat gibt es eine Eskalationsstufe von Gewalt, die mir selber auch Angst macht.

Angesichts des Terrors fällt es schwer zu glauben, dass eine Zusammenarbeit mit einer solchen Organisation auch nur im Ansatz möglich ist.

Daccord: Aber der Islamische Staat besteht nicht nur aus der obersten Spitze, die letztlich auch die Propagandavideos verbreitet. Es gibt viele Menschen in tieferen Chargen, die für die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser oder Nahrung zuständig sind. Mit diesen Menschen können wir in Dialog treten.

Hat das IKRK auch Kontakt mit IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi?

Daccord: Derzeit haben wir keinen direkten Kontakt zur Spitze des Islamischen Staates. Aber wir arbeiten daran. Es muss unser Ziel bleiben.

Wie schafft es das IKRK zum Teil als einzige internationale Organisation weiter in diesen Krisenherden tätig zu sein?

Daccord: Es ist schwierig, sehr schwierig oft sogar. Aber unser Vorteil ist: Wir kennen in der Regel die Länder, in denen wir arbeiten, sehr gut. Die Ukraine oder Libyen vielleicht ausgenommen. In Irak sind wir seit 1980 tätig. Wir haben viele Beziehungen geknüpft. Darauf können wir bauen. Darum sind wir auch im Bürgerkrieg fähig, Hilfe zu leisten und mit allen Parteien zu verhandeln.

Was für eine Nationalität haben die IKRK-Delegierten in den Gebieten des Islamischen Staates? Sie dürften kaum aus Frankreich, England oder den USA stammen.

Daccord: Ja, wir haben 32 Nationalitäten, die nicht mehr in Irak arbeiten, weil es zu gefährlich wäre. Die Jordanier sind die bisher letzten, die wir zurückziehen mussten. Und es gibt Mitarbeiter aus 48 Nationen, die nicht mehr in Syrien tätig sein können. Die Regierung in Damaskus führt eine Liste von Ländern, die aus politischen Gründen nicht mehr erwünscht sind. Diese Realität müssen wir akzeptieren.

Gibt es auch Schweizer, die in Irak und Syrien noch im Einsatz sind?

Daccord: Ja, selbstverständlich, in Homs oder Aleppo arbeiten Schweizer in einer internationalen Delegation mit lokalen Angestellten zusammen. In Aleppo sind wir die einzige internationale Organisation, die noch vor Ort ist. Im Territorium des Islamischen Staates in Irak, in Mossul oder Falluja, haben wir derzeit keine fixen Teams mehr. Aber es muss natürlich unser Ziel bleiben. Und dafür braucht es auch Geduld: In Aleppo haben wir zweieinhalb Jahr verhandelt, bis wir ein fixes Büro einrichten konnten.

Wie funktioniert der Einsatz des IKRK in einem Kriegsgebiet wie in Aleppo konkret? Wo können Sie den Menschen helfen?

Daccord: In Aleppo ist der Krieg noch fast überall spürbar. Um die Stadt und in der Stadt. Hier können wir viel bewirken: mit Medikamenten, indem wir Kontakte zu Ärzten herstellen, mit generellen Hilfeleistungen. Indem wir Menschen wieder ausfindig machen, die als verschwunden gelten. Früher gab es 4000 Menschen, die im Gesundheitssytem arbeiteten. Heute sind es weniger als 500, weil viele die Stadt verlassen haben oder im Bürgerkrieg umkamen. Wir versuchen das so weit als möglich zu kompensieren.

Setzten Sie Ihre Delegationen in diesen umkämpften Gebieten nicht einem sehr grossen Risiko aus?

Daccord: Wir sind extrem aufmerksam. Aber die absolute Sicherheit gibt es natürlich nicht. Die Verantwortung dafür ist geteilt: Der Delegationsleiter in Aleppo und nicht ich in Genf entscheidet, was es zum Schutz der Leute vor Ort alles braucht und wann ein Einsatz zu gefährlich wird. Zudem stellen wir ein Kontaktnetz zur Verfügung in der grösseren Umgebung des Einsatzgebietes, das über sehr viel Erfahrung in solchen Situationen verfügt und beratend zur Seite stehen kann.

Früher galt das IKRK eher als verschwiegene Organisation. Ein Generaldirektor hätte kaum öffentlich über einen Einsatz gesprochen wie Sie jetzt. Warum hat sich das geändert?

Daccord: Wir müssen offen und transparent sein. Aber nicht weil es trendy ist, sondern weil sich die Welt radikal verändert hat. Nehmen Sie Somalia. Die Menschen, denen wir dort helfen, haben praktisch alle ein Mobiltelefon. Das ist unglaublich. Selbst ältere Menschen zahlen in Mogadiscio im Supermarkt mit ihrem Mobiltelefon. Und mit der Al-Shabaab-Miliz in Somalia haben wir nur noch über Twitter Kontakt.

In Ihrem Beitrag hier am Leaders Forum an der Universität St. Gallen sagten Sie, für moderne Konfliktlösungen brauche es vor allem Vertrauen. Warum?

Daccord: Sie können den schönsten und intelligentesten Friedensplan machen. Das nützt alles nichts, wenn Sie sich nicht mit den Menschen an einen Tisch setzen, selbst in Fällen von Gruppen wie dem Islamischen Staat. Stellen Sie sich vor: Sie stehen als IKRK-Mitarbeiter waffenlos mitten in einem Krieg. In einer solchen Situation ist Vertrauen unersetzlich. Die Menschen dort müssen wissen, dass Sie eine hervorragende Arbeit machen, damit sie verlässlich bleiben. Das ist das Wichtigste an unserer Arbeit. Unsere Zerbrechlichkeit ist zugleich unsere Stärke.

Bürgerkriege, Terror, Armut und Ebola: Wie schaffen Sie es, als CEO einer Organisation, die sich nur um Krisen kümmert, nicht in eine Depression zu verfallen?

Daccord: Ich bin aus zwei Gründen Optimist. Ich kann persönlich zu meiner Arbeit Distanz halten und ich spüre: Wir stecken zwar in einer schwierigen Phase des Übergangs in der Welt, aber es werden auf jeden Fall bessere Zeiten kommen.

Woran machen Sie das fest?

Daccord: Schauen Sie beispielsweise auf China: Es gibt dort eine öffentliche Meinungsäusserung, wie sie vor zehn Jahren noch überhaupt nicht möglich war. Junge Leute, die sich die gleichen Fragen wie im Westen stellen. Das gibt mir Hoffnung.

Sie waren früher selber IKRK-Delegierter: Was für ein Profil bringt ein IKRK-Mitarbeiter im Idealfall mit?

Daccord: In erster Linie viel gesunden Menschenverstand. Das tönt so simpel, aber es ist so wichtig. Jemand, der sich in seiner Haut wohl fühlt, der verschiedene – auch lokale – Sprachen spricht, der zuhören kann, neugierig und offen ist. Wir wollen weder Mönche noch Rambos.

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