«Wir haben noch einen Karabiner – aber wo?»

Zwei Reporter, zwei Fragen: Haben Sie eine Waffe im Haus? Und: Dürfen wir die Waffe fotografieren? Das Fazit: Viele Schweizer wissen nicht, wo ihr Gewehr ist.

Benno Tuchschmid und Michael küng
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Armeewaffen im Haus (Archiv)

Armeewaffen im Haus (Archiv)

Keystone

In ländlichen Gebieten der Kantone Solothurn, Aargau und Baselland klingelten wir an Dutzenden von Türen. Die Türen gingen auf, doch die Waffen blieben verborgen.

Kriegstetten. Ein idyllisches Dorf mit martialischem Namen im Kanton Solothurn. Um den Kern aus Bauern- und Landhäusern haben sich in den letzten Jahrzenten Einfamilienhäuser angeordnet. In der Tür eines dieser Häuser steht Frau Meier* und denkt nach. «Eine Armeewaffe?», fragt sie. Ja, irgendwo müsste eigentlich schon eine sein. Unter ihren Füssen glänzt der proper geputzte Steinboden. In der Einfahrt vor dem weissen Haus steht ein Kompaktauto, sauber eingeparkt. Wo sie genau ist, die Armeewaffe ihres Mannes, das wisse sie nicht. Fühlen Sie sich durch die Waffe im Haus unsicher? Oder sicherer? Frau Meier runzelt die Stirn – Die Verwunderung über die Frage ist ihr vom Gesicht zu lesen: «Weder noch. Die Waffe ist einfach da.»

546 975 Armeewaffen sind in der Schweiz «einfach da». Gelagert zu Hause als Teil der persönlichen Ausrüstung oder von den Soldaten als Privateigentum übernommen. Das belegen Zahlen zu den Waffenbeständen der Armee von Ende 2010.

Waffe ins Zeughaus?

«Ja ... wir haben noch einen alten Karabiner», sagt Bauer Hensler. Er steht in seinem Schopf am Dorfeingang von Kriegstetten, trägt Arbeitskleider und schwere Schuhe. Er selber sei nur ein paar Tage in der RS gewesen, «ich habe gar keine Beziehung zu Waffen». Der Karabiner seines Vaters sei zwar noch irgendwo, sagt er. «Aber wo? Beim Umbau unseres Hofs haben wir ihn in einen Spycher verstaut, glaub ich», sagt er und kratzt sich am Bart. Er sei sicher, dass der Verschluss nicht in der Waffe sei, «ganz nach Vorschrift». Was halten Sie davon, dass die Armeewaffen ins Zeughaus sollen? «Gut wäre es vielleicht schon, aber ich bin trotzdem dagegen.» Dürfen wir einen Blick auf Ihre Waffe werfen? Eine ältere Frau guckt mürrisch aus dem Hauseingang neben dem Schopf. Hensler lächelt und wünscht einen schönen Tag.

«Die persönliche militärische Ausrüstung ist zu Hause unter Verschluss aufzubewahren. Das getrennte Aufbewahren von Waffe und Verschluss kann durch Ihren Kommandanten befohlen werden.» Brevier 04 der Schweizer Armee

Von Kriegstetten geht es über den Jura Richtung Basel, planlos über Land, vorbei an einem Ortsteil mit dem Namen Löchere, über die Schützenmatt in Aesch nach Dornach. Dort steht Frau Müller in ihrem Garten und pflanzt Tulpenzwiebeln. Haben Sie eine Armeewaffe im Haus? «Ohh, da fragen Sie aber etwas. Hat mein Mann die Waffe abgegeben? Ich weiss es nicht, wirklich nicht.» An ihren Händen klebt noch Erde, unter der Mütze gucken grau melierte Haare hervor. «Unsere Familie ist grundsätzlich gegen Waffen», sagt sie bestimmt. Sie sei aber trotzdem noch nicht sicher, wie sie am 13. Februar abstimmen werde. «In der Nachbarschaft hat sich vor ein paar Jahren ein 70-Jähriger im Dachstock aufgehängt, er brauchte gar keine Waffe.»

Waffenland Schweiz: 46 Kleinwaffen kommen in der Schweiz durchschnittlich auf 100 Personen. Damit liegt die Schweiz weltweit auf Rang drei (siehe rechts), wie die neusten verfügbaren Statistiken des Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien (IUHEI) aufzeigen.

Die Pistole «in der Höhe verstaut»

Reitnau im Süden des Aargaus. Drei lose zusammengewachsene Ortsteile schmiegen sich an eine Seitenmoräne. 40 Minuten braucht der Reitnauer, um mit dem öffentlichen Verkehr die nächstgrössere Stadt – Aarau – zu erreichen. In einer kleinen Seitengasse lebt Frau Berger, seit Jahren sei sie Jägerin: «Ich habe zwei Gewehre im Haus.» Dürfen wir sie sehen? «Ausserhalb der Jagdsaison bringe ich sie bei meinem Sohn unter. Er unterhält eine private Büchserei und verfügt daher über die passenden Gewehrschränke.» Sorgen macht sich Frau Berger wegen der Initiative kaum: «Wir Jäger müssten dann halt jedes Jahr zum Obligatorischen.»

Oberhalb von Däniken öffnet der Landwirt Kälin die Haustüre. Der stämmige Mann war Feldweibel in der Armee. Wo haben Sie Ihre Pistole? «Die habe ich in der Höhe verstaut», sagt er, wegen der Kinder. Kälin ist Ehrenmitglied eines Schützenvereins und gegen die Initiative. «Aber ich glaube, dass sie angenommen wird», sagt er und lacht.

Nach einem Tag und Dutzenden von Gesprächen wird klar: Die Mehrheit der Befragten lässt sich von den emotionsgeladenen Kampagnen nicht mitreissen. Weder der Schütze Kälin noch die Waffengegnerin Müller. Über die Waffen sprechen ist kein Problem. Die Waffe zeigen, das will niemand. Und viele Schweizer Bürger, vor allem Frauen, wissen gar nicht genau, ob überhaupt noch eine Waffe in ihrem Haus ist. Sie bleibt irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden, vergessen und verstaubt.

*alle Namen geändert