Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Theologe zu Suizidbeihilfe: «Wir dürfen den Bogen nicht überspannen»

Der begleitete Freitod dürfe in einer modernen Gesellschaft nicht mit einem Stigma verbunden sein, sagt der Theologe Heinz Rüegger. Eine radikale Liberalisierung der hiesigen Sterbehilfe hält der 65-Jährige aber ebenfalls für verfehlt.
Interview: Gregory Remez
Das Schlafmittel Pentobarbital wird von Sterbewilligen eingenommen. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Das Schlafmittel Pentobarbital wird von Sterbewilligen eingenommen. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Heinz Rüegger, wie stehen Sie als Theologe zu Suizid und Suizidbeihilfe?

Ich halte es für legitim, dass Menschen, die absolut keine andere Option für sich mehr sehen, die Möglichkeit haben, so aus dem Leben zu scheiden, wie sie dies wünschen. Ob dies nun durch assistierten Suizid oder durch passive Hilfeleistungen wie beim Sterbefasten geschieht, spielt aus ethischer Sicht letztlich keine Rolle. Als protestantischer Theologe vertrete ich diesbezüglich aber natürlich eine liberalere Position als meine katholischen Kollegen. Wichtig scheint mir noch anzumerken, dass der assistierte Suizid im Vergleich zur passiven Sterbehilfe, also dem Unterlassen lebenserhaltender Massnahmen aus medizinischen Gründen, hierzulande nur einen sehr geringen Teil ausmacht.

In der Schweiz wird seit langem diskutiert, ob es ein einheitliches Gesetz geben soll, das Sterbehilfe­organisationen wie Exit oder Dignitas unter staatliche Aufsicht stellt. Wäre ein solches nicht sinnvoll?

Die Debatte ist tatsächlich schon seit Jahren in Gang. Ich verstehe die Argumente sowohl der Befürworter als auch der Gegner. Letztere fürchten ja vor allem, dass die Sterbehilfeorganisationen dadurch so etwas wie ein staatliches Gütesiegel zur Suizidbeihilfe erhielten. Ich für meinen Teil finde, dass es durchaus Bedarf für eine grundsätzliche Regelung gibt. Momentan ist die Suizidbeihilfe gesetzlich nicht geregelt. Im Grunde genommen kann also jedermann einen assistierten Suizid durchführen, sofern er keine eigennützigen Motive verfolgt und ärztliche Hilfe für die Anwendung des dafür nötigen Medikaments einholt.

Die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin, kurz: die NEK, empfiehlt ja schon lange, Sterbehilfeorganisationen in der Schweiz stärker zu reglementieren.

Ich fände es richtig, dass man nun, da solche Organisationen existieren, sicherstellt, dass diese an Regeln und Normen gebunden werden, wie sie etwa die NEK unter dem Stichwort «Sorgfaltskriterien» zusammengefasst hat. Diese geben beispielsweise vor, dass psychisch kranken Menschen keine Suizidbeihilfe gewährt werden soll, sofern der Suizidwunsch Teil ihrer Krankheit ist.

Sollten Sterbehilfeorganisationen auch sogenannten Lebenssatten einen assistierten Suizid anbieten?

Das ist eine Frage, die uns in Zukunft noch mehr beschäftigen wird, nicht zuletzt, weil die Menschen immer älter werden. Ich bin diesbezüglich eher zurückhaltend. Gott zwingt niemanden zum Leben. Als letzter Ausweg ist dies aus theologischer Sicht sicher vertretbar, wenn wir aber die bisherigen Grundanliegen des assistierten Suizids ernst nehmen wollen, dann dürfen wir den Bogen nicht überspannen. Ich finde es beispielsweise richtig, dass man für das nötige Medikament ein ärztliches Rezept braucht und es sich nicht einfach in der nächsten Apotheke besorgen kann. Solche Sicherheitsschranken solle man beibehalten.

Wie liessen sich Missbräuche verhindern?

Hier geht es eigentlich um die Frage: Wie lässt sich sicherstellen, dass dem Prozess der Suizidbeihilfe mit der nötigen Ernsthaftigkeit begegnet wird? Dafür braucht es gewisse Sicherheitsmechanismen, die im Zweifelsfall greifen. Dies würde wiederum für die Sorgfaltskriterien der NEK sprechen. Das ist meines Erachtens nach die einzige Möglichkeit, dieser Problematik zu begegnen. In Ländern wie Belgien und den Niederlanden zeigen sich allmählich die Folgen einer radikalen Liberalisierung. Dort hat die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, die in der Schweiz verboten ist, zu einer höheren Missbrauchsrate geführt.

Ist es nicht denkbar, dass die aktive Sterbehilfe bald auch in der Schweiz zum Thema wird? Schliesslich legen die Babyboomer, die jetzt im Rentenalter ist, viel Wert auf Selbstbestimmung.

Wegen der stark ausgebauten Möglichkeiten der Suizidbeihilfe glaube ich nicht, dass diese Diskussion bei uns in der nächsten Zeit aufkommen wird.

Die Sterbehilfeorganisationen hierzulande haben regen Zulauf. Die zahlenmässig grösste Einrichtung «Exit Schweiz» zählt bereits über 100000 Mitglieder. Wie erklären Sie sich das?

Man muss dazu sagen: Die meisten, die Mitglied bei «Exit» sind, haben keine suizidalen Gedanken. Sie wollen sich den assistierten Suizid als letzte Option offenhalten – eine Art Versicherung für den schlimmsten Fall. Für manche kann das sehr beruhigend sein. Der Tod ist direkt oder indirekt immer mit Entscheidungen verbunden. Die Gesellschaft muss sich damit arrangieren, dass der assistierte Suizid eine von vielen Optionen ist, aus dem Leben zu scheiden.

Der australische Wissenschafter David Goodall hat sich letzte Woche medienwirksam aus seinem Leben verabschiedet – und damit indirekt Werbung für die Schweiz als Wallfahrtsort für Suizidwillige gemacht. Wie ist mit dem sogenannten Sterbetourismus umzugehen?

Darauf haben wir nur bedingt Einfluss, es bleibt entweder das Warten auf die Nachbarländer oder der Weg über das Gesetz. Mir persönlich sind Organisationen, die Suizidbeihilfe für Ausländer ­anbieten, nicht unbedingt sympathisch. Schliesslich ist es nicht Sinn der Sache, dass Deutschland oder Grossbritannien ihr Problem einfach auslagern.

Wie lange dürfte es gehen, bis die Nachbarn nachziehen? Schliesslich leben wir in Zeiten, in denen der Freitod nicht mehr wie einst tabuisiert und verteufelt wird.

Das ist schwierig zu sagen. Aber grundsätzlich ist das eine sehr begrüssenswerte Entwicklung. Ich möchte den Suizid aber auch nicht bagatellisieren. Damit das System der Sterbehilfe funktioniert, braucht es drei Komponenten: Prophy­laxe, Akzeptanz, Assistenz; und zwar in dieser Reihenfolge. An erster Stelle sollte die Suizidprophylaxe stehen. Aber es ist doch heuchlerisch zu leugnen, dass ein wohlüberlegter Suizid für Menschen in gewissen Situationen Sinn machen kann. Diese Menschen sollten diese Möglichkeit haben, ohne stigmatisiert zu werden. Ein assistierter Suizid ist allemal besser, als sich vor den Zug zu werfen.

Heinz Rüegger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut Neumünster, einem auf Altersfragen spezialisierten Kompetenzzentrum der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, sowie assoziiertes Mitglied des Zentrums für Gerontologie der Uni Zürich.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.