Winzer dirigiert den Nationalrat

Vorsitz I Jean-René Germanier wünscht sich einen schlanken Staat und hält als Unternehmer wenig von Subventionen. Lieber sucht er nach Nischenlösungen.

Denise Lachat
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Jean-René Germanier (Bild: ky)

Jean-René Germanier (Bild: ky)

bern. Bei der Jury räumen die edlen Tropfen aus der Kellerei Germanier in Vétroz regelmässig ab: Längst hat sich der Walliser Winzer Jean-René Germanier mit seiner Amigne und der Petite Arvine sowie anderen Spezialitäten bei Weinliebhabern einen Namen gemacht.

Die vielen Gold- und Silbermedaillen sind der Lohn für den Weitblick eines Unternehmers, der bereits im Alter von 23 Jahren den vom Grossvater und später vom Vater aufgebauten Betrieb übernahm.

Warum Sohn Jean-René den Umsatz der Firma auf rund 10 Millionen Franken gesteigert hat, während andere aufgeben mussten: Der junge Agronom setzte in einer Zeit, als das Wallis im Allerweltswein schwamm, auf Qualität und baute die Kellerei konsequent auf Spezialitäten und Grand Crus um.

Zuerst das Unternehmen

Politik war für den Freisinnigen damals noch eine Nebensache, obwohl ihm diese quasi ins Stammbuch geschrieben worden war. Der Grossvater war Gemeindepräsident von Vétroz, der Vater für die FDP 20 Jahre lang Nationalrat.

Doch der Jungunternehmer schaffte wegen der zeitlichen Belastung lediglich ein Mandat im Gemeindeparlament seines Heimatdorfes. Erst mit 45 Jahren ist Jean-René Germanier in die nationale Politik eingestiegen. Sieben Jahre nach seiner Wahl zum Nationalrat präsidiert der FDP-Politiker aus dem Wallis nun für ein Jahr «mit Stolz» die grosse Kammer.

Vor sieben Jahren stellte er wie einst sein Vater Francis seine Koffer im Hotel Schweizerhof ab – reichlich unerfahren und etwas verschüchtert.

Liebenswürdig und höflich

Schüchtern wirkt der mittlerweile 51-Jährige heute nicht mehr, diskret und reserviert aber ist er geblieben. Fragen von Journalisten beantwortet er liebenswürdig und mit ausgesuchter Höflichkeit, ins Scheinwerferlicht der Kameras drängt er sich kaum.

Dabei hat er auch in der Parlamentsarbeit Spezialitäten «gezüchtet» : Nachdem die Landwirtschaft während Jahren im Zentrum seiner Tätigkeiten gestanden hatte, unter anderem auch als Vertreter des Wallis beim Schweizerischen Bauernverband, redet Germanier als Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen vorab bei der Post, den Flughäfen und der Telekommunikation mit.

Seine Vorstösse pochen auf einen haushälterischen Umgang mit Bundesgeldern und reden der Liberalisierung das Wort, das er selbst im Zweifelsfall dann auch hält: Als einziger Walliser Parlamentarier stimmte er für die Marktöffnung bei der Post und stellte so das Interesse der Allgemeinheit der Konsumenten über den Schutz seines Walliser Rand- und Wahlregion.

Nationaler Zusammenhalt

Trotzdem oder gerade deshalb lautet das Credo von Jean-René Germanier nationaler Zusammenhalt, und er will es als höchster Schweizer ins ganze Land hinaus tragen. Der Gentleman aus dem Wallis ist mit einer Künstlerin verheiratet und Vater eines Sohnes, und vielleicht irgendwann Träger einer Auszeichnung der unpolitischen Art.

So witzelt er im jüngsten «Matin Dimanche», er sei früher eher etwas altväterisch dahergekommen, doch inzwischen wünsche er sich heimlich den Titel des elegantesten Parlamentariers in Bern.

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