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Winterthurer IS-Teenager vor Gericht: «Man ist dem Tod sehr nahe»

Erstmals stehen zwei Schweizer Dschihad-Rückkehrer vor Gericht.
Andreas Maurer
Jubelnde IS-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa. Bild: Raqqa Media Center/AP (30. Juni 2014)

Jubelnde IS-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa. Bild: Raqqa Media Center/AP (30. Juni 2014)

Am Eingang des Winterthurer Bezirksgerichts steht ein Metalldetektor. Wer ihn passieren will, muss seine persönlichen Gegenstände auf dem Tisch ausbreiten. Was haben zwei Terror-Touristen dabei? Die Angeklagten, zwei Geschwister, sie ist 19, er 20, treten selbstbewusst vor die Polizisten. Sie legt eine elegante Lederhandtasche hin, er eine Dose Redbull. Äusserlich hat sie mit ihrer Radikalisierungsphase abgeschlossen. Sie trägt nicht mehr Kopftuch und weite Tücher, sondern enge Jeans, Perlenohrringe, sie ist dezent geschmickt. Auch er erscheint im Alltagslook, weisses T-Shirt, modisch-abgewetzte Jeans. Nur sein Bart erinnert an die wilden Teenagerjahre.

Die Geschwister stehen vor Gericht, weil sie im Alter von 15 und 16 Jahren von Zürich über Istanbul nach Syrien gereist sind. Die Jugendanwaltschaft wirft ihnen vor, sie hätten die Terrororganisation IS unterstützt und damit das Bundesgesetz über das IS-Verbot verletzt. Sie hätten vorsätzlich gehandelt, also wissend.

Es sind die ersten Dschihad-Rückkehrer, die sich vor einem Schweizer Gericht zu verantworten haben. Gemäss dem Nachrichtendienst des Bundes reisten 93 Leute aus der Schweiz in den islamistischen Krieg. Mehr als jeder Dritte kam dabei um. Etwa jeder Sechste kehrte zurück.

Jugendgericht macht Ausnahme

Weil die Geschwister damals minderjährig waren, wird ihre Reise nach dem Jugendstrafrecht beurteilt. Dabei geht es nicht in erster Linie um Strafe, sondern um Erziehung. Die Jugendanwaltschaft beantragt bedingte Freiheitsstrafen von elf und zwölf Monaten. Wenn sie also nicht rückfällig werden, müssten sie nicht ins Gefängnis. Wichtiger sind beantragte Schutzmassnahmen wie eine Psychotherapie.

Normalerweise sind Jugendverfahren nicht öffentlich. Damit soll verhindert werden, dass Jugendliche kriminalisiert werden und sich ihre Perspektiven durch die Gerichtsverhandlung verschlechtern. Ausnahmen sind möglich, wenn die Beschuldigten dies wünschen oder das öffentliche Interesse dafür spricht. Fast immer finden die Jugendgerichte irgendeinen Grund, die Verhandlung hinter verschlossenen Türen führen zu können.

Die Winterthurer Richter sind hin- und hergerissen. Einerseits bejahen sie ein öffentliches Interesse. Das Verschwinden der Jugendlichen kurz vor Weihnachten 2014, eine öffentliche Suchaktion ihres Vaters und ihre Rückkehr Ende 2015 seien gross in den Medien präsent gewesen. Zudem seien die Radikalisierung von Jugendlichen sowie die staatliche Beaufsichtigung von Religionsgemeinschaften Themen von Relevanz für die Öffentlichkeit. Andererseits seien die Privatsphäre und die Zukunftschancen der Geschwister zu schützen. Deshalb macht das Gericht einen Kompromiss.

Die Journalisten dürfen bei der Einvernahme zur Sache unter strengen Auflagen dabei sein. Der Rest der dreitägigen Verhandlung bleibt aber geheim. Das Urteil soll im nächsten Jahr verkündet werden.

Es sei ein gutes Gefühl gewesen

Die Geschwister verfolgen die Strategie, die Aussage zu verweigern. Die junge Frau bleibt konsequent und antwortet auf Züridütsch: «Ich säge nüt drzue.» Ihr älterer Bruder hingegen fühlt sich von der Fragerei des Richters provoziert und widerspricht ihm hin und wieder mit trotzigen Wortfetzen. Auf Nachfragen verstummt er aber sofort.

So erzählt er, er sei nach Syrien gereist, um anderen zu helfen. Das sei ein gutes Gefühl gewesen, er beschreibt es in einer blumigen Sprache: «Ich habe eine Süsse verspürt.» Aber natürlich sei es gefährlich gewesen, täglich seien Bomben gefallen. «Man ist dem Tod sehr nahe», sagt er. Freunde und Familie in der Schweiz wollte er mit einer Lüge nach Syrien holen. Er schrieb ihnen, das Leben im Kalifat sei sicher. Weshalb hat er gelogen? «Ich war 15.» Für die Entstehung der Terrororganisation äussert er Verständnis. Muslime würden schliesslich weltweit verfolgt und benachteiligt.

Da die Geschwister in der Verhandlung nicht kooperieren, lässt sich ihre Reise nicht im Detail rekonstruieren. Vor allem die Rückkehr, die erst im zweiten Versuch gelang, bleibt im Dunkeln. Fest steht aber: Um ihre Eltern zu täuschen, sagte die 15-Jährige, sie übernachte wegen eines Schulfestes auswärts. Der 16-Jährige behauptete, ein Lehrlings-Lager zu besuchen. Ihre Radikalisierung fiel zwar auf, wurde aber zu wenig ernst genommen. Ein Klassenlehrer und ein Moscheepräsident hatten wegen der Verwandlung der Teenies Besorgnis geäussert.

Der Bruder gab später an, er habe in Syrien nur geholfen und Hilfsgüter und Medikamente verteilt. Die Schwester erzählte, sie habe während des Mittagsgebets kleine Kinder gehütet und gekocht. Sie habe ein ganz normales Leben geführt und jeden Tag bis 10 oder 11 Uhr ausgeschlafen.

Gemäss einer Psychiaterin ist das selbstbewusste Auftreten gespielt. Die junge Frau sei in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt. Sie habe erschwert Zugang zu ihren Emotionen.

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