Wieder fast 80 000 Zuwanderer

Auch im vergangenen Jahr blieb die Schweiz attraktiv für ausländische Arbeitskräfte: 78 902 Personen wanderten netto ein. Gegenüber dem Vorjahr stellt dies aber eine leichte Abnahme von 2,7 Prozent dar.

Denise Lachat
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BERN. Selten war eine Statistik aus Bundesbern mit derart viel Spannung erwartet worden wie jene zur Zuwanderung im Jahr 2014. Seit Monaten hatte das Staatssekretariat für Migration (SEM) keine Zahlen mehr geliefert zu dem Bereich, der seit der Annahme der SVP-Masseneinwanderungs-Initiative in der Schweiz zu den heissesten Eisen gehört. Zuletzt witterte die SVP gar eine Verschwörung: Justizministerin Simonetta Sommaruga verschleiere absichtlich die wohl unverändert hohen Zuwanderungszahlen.

«Geht im alten Stil weiter»

Gestern hat das SEM die Zahlen vorgelegt – «auf unseren Druck hin», wie SVP-Chef Toni Brunner meint. SEM-Sprecher Martin Reichlin winkt ab; die Überführung der Statistiken in ein neues System habe viel Zeit beansprucht. Wie auch immer: Die jetzt veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die Zuwanderung in die Schweiz 2014 hoch geblieben ist. Gut 152 000 Ausländerinnen und Ausländer wanderten ein, gut 69 000 wanderten aus – unter dem Strich blieb ein Saldo von 78 902 Personen. Im Vergleich zu 2013 entspricht dies einem Rückgang von 2,7 Prozent; damals betrug die Nettozuwanderung 81 084 Personen. Deutlich höher als in früheren Jahren ist die Zuwanderung aber allemal.

Auf solche Zahlen hätten die Verfechter der Bilateralen Verträge mitten im Wahljahr gerne verzichtet. «Die hohe Zuwanderung gibt all jenen Auftrieb, die sagen, der Volkswille werde nicht respektiert», ärgert sich FDP-Chef Philipp Müller. Und er kritisiert die Behörden, die bei der Erteilung der Aufenthaltsbewilligungen den Entscheid vom 9. Februar nicht ernst nähmen. «Es geht im alten Stil weiter.» Dabei habe die FDP bereits 2009 Massnahmen vorgeschlagen, um die Zuwanderung zu begrenzen. «Dafür hätte es keine Volksinitiative gebraucht.» Müller ist vor allem die «sehr hohe» Zuwanderung aus Drittstaaten ein Dorn im Auge. Sie umfasst jene Personen, die von ausserhalb der EU und der EFTA kommen und deren Zahl für Erwerbstätige im Jahr 2014 auf 3500 kontingentiert war. 2014 sind aber netto 21 752 Ausländer aus Drittstaaten zugewandert, ein Plus von 8,1 Prozent. Insgesamt lebten am Jahresende 618 705 Menschen aus Drittstaaten in der Schweiz.

68 Prozent der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung stammen indes aus dem EU- und EFTA-Raum. Die grössten Gruppen stammen aus Italien, Deutschland und Portugal (vgl. Grafik). Am meisten Ausländer leben im Kanton Zürich, gefolgt von der Waadt, Genf und Aargau. Stark gestiegen ist die Zuwanderung vor allem aus den acht neuen EU-Staaten wie Polen, Ungarn, Estland oder Lettland. Der Grund: Für die EU-8 lief Anfang Mai die Ventilklausel aus.

49 Prozent aller Einwanderer kamen zum Arbeiten in die Schweiz, knapp 10 Prozent zur Aus- oder Weiterbildung, 30 Prozent im Rahmen des Familiennachzugs. Brunner bezeichnet den Umstand, «dass über die Hälfte der Einwanderer nicht im Arbeitsmarkt landet», als erschreckend. Und wer zum Arbeiten komme, finde meist in Staatsbetrieben eine Anstellung. Brunner verlangt, dass nun dringend der neue Verfassungsartikel im Inland umgesetzt wird; ob die EU verhandeln wolle oder nicht, sei zweitrangig.

Rückgang im Jahr 2015?

CVP-Chef Christophe Darbellay pocht angesichts der jüngsten Zahlen erneut auf grössere Anstrengungen der Patrons, inländische Arbeitskräfte einzustellen. Dabei müsse der Staat als einer der grössten Arbeitgeber mit gutem Beispiel vorangehen. Der leichte Trend nach unten stimmt ihn aber positiv. «Die Schreckensszenarien von 100 000 Zugewanderten waren falsch.» Parteikollege Gerhard Pfister (ZG) ist überzeugt, dass die Zuwanderung im laufenden Jahr weiter abnehmen wird. «2014 verzeichnete die Schweiz noch gute Wachstumsraten. Doch schon 2015 wird die wirtschaftliche Abkühlung als Folge der Frankenstärke auf die Zuwanderung durchschlagen.»

Ob und wann sich die Prognose bestätigt, ist offen. Das SEM arbeitet aktuell an der Statistik für das erste Quartal 2015.