Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Wie sich der Kosovo-Krieg auf die Schweiz auswirkte – sechs Fragen und Antworten

Der Kosovo-Krieg bescherte der Schweiz 1999 ein Asyl-Rekordjahr. Sechs Fragen und Antworten zu den Konsequenzen des Krieges für die Schweiz.
Samuel Schumacher

1. Wie viele Menschen trieb der Kosovo-Konflikt in die Flucht?

Im Kosovo-Krieg mussten fast 1,5 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. 590'000 blieben als interne Vertriebene im Land (Kosovo war bis 2008 eine jugoslawische und später serbische Provinz). 860'000 suchten im Ausland ­Zuflucht. Alleine die Nachbarländer Albanien und Mazedonien nahmen rund 670'000 Flüchtlinge auf.

2. Welche Konsequenzen hatte der Kosovo-Krieg für die Schweiz?

Der Konflikt bescherte der Schweiz ein Asyl-Rekordjahr. 1999 gingen insgesamt 47'513 Asylgesuche ein, so viele wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. 29'495 Asylgesuche kamen von Bürgern der ­damaligen Bundesrepublik Jugoslawien (bestehend aus dem heutigen Kosovo, Serbien und Montenegro). Der Bundesrat schätzte, dass 90 Prozent der Gesuchsteller Kosovo-Albaner waren. 1999 war damit das einzige Jahr in der Nachkriegszeit, in dem ein einzelnes Land für mehr als die Hälfte aller Asylgesuche in der Schweiz verantwortlich war. Zum Vergleich: Im Flüchtlingskrisen-Jahr 2015 gingen in der Schweiz 39'523 Asylgesuche ein: jedes vierte von einem Eritreer, jedes siebte von einem Syrer.

3. Wieso kamen so viele Kosovaren ausgerechnet in die Schweiz?

Die Schweiz hat 1998 und 1999 von ­allen Ländern der Welt im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungsgrösse am meisten kosovarische Flüchtlinge aufgenommen. Bereits in den 1970er-Jahren kamen zahlreiche Gastarbeiter aus dem Kosovo in die Schweiz. Viele dieser Gastarbeiter (fast ausschliesslich Männer) zogen in den 1980er- und 1990er-Jahren ihre Familien nach, nicht zuletzt wegen der sich zuspitzenden politischen Lage in ihrer Heimat.

Die kosovarische Befreiungsarmee UÇK organisierte von der Schweiz aus den Widerstand gegen die serbischen Herrscher im Kosovo. Auch Hashim Thaçi, der heutige Präsident des Kosovo, und Premierminister Ramush Haradinaj lebten jahrelang in der Schweiz. Die grosse kosovoalbanische Gemeinschaft in der Schweiz hat sich laut des Bundesrats «migrationsanziehend» auf die Kriegsflüchtlinge ausgewirkt. Der Kosovo dankte der Schweiz mehrfach für ihr humanitäres Engagement.

4. Wie geht es den Kosovo-Albanern hierzulande?

Heute leben rund 200'000 Kosovo-Albaner in der Schweiz. Sie bilden nach den Italienern, den Deutschen, Portugiesen und Franzosen heute die fünftgrösste Ausländergruppierung in der Schweiz. Laut neuesten Zahlen sind sie deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als die gesamtschweizerische Bevölkerung (7,0 Prozent gegenüber 2,8 Prozent). Das liegt an ihrer immer noch unterdurchschnittlichen beruflichen Qualifikation und an existierenden Vorurteilen gegenüber Albanern, die ihnen den beruflichen Aufstieg erschweren.

5. Mit welchen Problemen hat der ­Kosovo heute zu kämpfen?

2016 betrug die Arbeitslosigkeit im Kosovo 27,5 Prozent. Jeder dritte Kosovare hat ein Einkommen von weniger als 1,37 Euro pro Tag. Korruption und organisierte Kriminalität sind weit verbreitet. Die Kosovaren sind die einzigen Europäer, die für die Einreise in den Schengenraum (also auch in die Schweiz) ein Visum benötigen. Die Bedingungen, die die EU dem Kosovo zur Visabefreiung gestellt hat (Grenzabkommen mit Montenegro, Kampf gegen Korruption), hat das Land in den Augen des EU-Parlaments zwar erfüllt. Der definitive Entscheid bezüglich der Visabefreiung fällt aber frühestens 2020.

6. Wie geht der Kosovo mit seiner Kriegsvergangenheit um?

Serbien hat den Kosovo noch immer nicht als Staat anerkannt und erachtet das Gebiet weiterhin als serbische Provinz. Der Kosovo fühlt sich trotz der ­anhaltenden Präsenz von mehreren tausend Nato-Soldaten im Land bedroht durch das serbische Gebaren. Die Serben wiederum verurteilen die kontinuierliche Umstrukturierung der kosovarischen Sicherheitskräfte in eine Armee. Zoll- und Landrechtsstreitigkeiten heizen die Stimmung zusätzlich an. Dabei müssen die beiden Möchtegern-EU-Beitrittskandidaten ihre Dispute beilegen, damit die EU ihnen die Tür zu Europa öffnet. Neue Spannungen dürfte das «Kosovo Special Chambers» bringen.

Das 2017 lancierte Sonder­gericht untersucht die Verbrechen, die kosovarische Kräfte nach Kriegsende 1999 an der serbischen Minderheit im Kosovo verübt haben sollen. Die ersten Zeugenanhörungen haben Anfang des Jahres begonnen. Die anstehenden Verfahren dürften alte Kriegswunden neu aufreissen. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal hatte ab 1993 bereits 83 Personen für in den Jugoslawien-Kriegen begangene Verbrechen verurteilt. Erst am Mittwoch verwandelte ein Berufungsgericht die 40-jährige Haftstrafe für den einstigen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic in eine lebenslängliche Haftstrafe.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.