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Wie Schulen sanft gesteuert werden

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Mario Andreotti

Die Schulen stehen seit den Pisa-Studien mit ihrer ­forcierten Zurichtung der Schüler auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes unter ­gewaltigem Reformdruck: Kompetenzorientierung, ­Vergleichstests, zentrale ­Prüfungen, selbst organisiertes Lernen, computerbasierte ­Lernprogramme, Qualitäts­management und so weiter ­versprechen, unsere Schulen besser zu machen. Bei vielen ­Bildungspolitikern und Bildungsexperten herrscht geradezu eine «Goldgräberstimmung». Neuerdings fordert der Dachverband Economiesuisse sogar, die bisherigen Jahrgangsklassen aufzulösen und durch digitale Leistungsklassen zu ersetzen. «Altersdurchmischtes Lernen» nennen das die Wirtschafts­vertreter schönfärberisch. Doch im Erleben vieler Lehrkräfte ­bewirkt dieser Reformdruck das Gegenteil: ­zusätzliche Arbeitsbelastung durch Bürokratie, Ablenkung vom Kerngeschäft Unterricht, Abbau von Wissen, Preisgabe der Lehrerrolle, Rück­zug aus dem Erziehungsauftrag, Verlust der Methodenfreiheit und ­Umsetzungsdruck durch Schulleitungen und Behörden.

Die Reformen selbst kommen so daher, als seien sie völlig alternativlos. Sie suggerieren, es sei Zeit für den Wandel, wer nicht mitmache, sei von gestern. Kritisch denkende Lehrerinnen und Lehrer werden mit mehr oder weniger sanftem Druck auf die neue Linie gebracht, werden durch Schulleiter und Schul­behörden nicht selten auch direkt eingeschüchtert und gemassregelt. Regelmässige Mitarbeitergespräche und lohnwirksame Mitarbeiter­beurteilungen zwecks Disziplinierung der Lehrer auf ihre neue Rolle als reine Lernbegleiter tragen das ihrige dazu bei. So sollen Lehrkräfte unter Druck gesetzt werden, sich von ihren wohlbegründeten fachlichen und pädagogischen Über­zeugungen zu verabschieden.

Schulleitungen erhalten zunehmend die Aufgabe, als Ausführungsorgane des «Change Managements» zu dienen. Entsprechend werden auch Lehrerausbildung und -fortbildung ausgerichtet; ihnen liegt immer mehr ein Bildungskonzept zugrunde, das primär auf ökonomische Funktionalität zielt und in dem humanistische Bildung weitgehend auf der Strecke bleibt. Besonders schön zeigt sich das an der Einrichtung der Lehrerfortbildung, deren Kursangebote fast nur noch aus Kursen in Informatik und Medienkompetenz bestehen.

Damit nun aber kein Miss­verständnis aufkommt: Gegen die Einführung des Fachs «Informatik und ­Medien» und gegen den Einsatz des Computers im Unterricht, sofern dies nicht schon auf der Unterstufe und in einem begrenzten Rahmen geschieht, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch hier geht es nicht um einzelne Schulreformen, hier geht es vielmehr um einen radikalen Umbau unseres ganzen Schulsystems – eines Schulsystems wohlverstanden, das unter anderem eine rekordverdächtig tiefe Jugendarbeitslosigkeit produziert und weltweit zu den besten gehört, sodass sich mit Fug und Recht fragen lässt, ob es derart reform­bedürftig sei.

Warum wird so wenig ­darüber diskutiert, ob es gut ist, Riesensummen in die Digitalisierung der Schulen zu investieren? Oder gehört die plötzliche Eile zur Durch­setzungsstrategie: Ohne ­Diskussion befiehlt es sich leichter? Dabei geht es nicht nur um die Steuergelder, die den Bildungskonzernen vor die ­Füsse geworfen werden. Die neue Technologie soll noch einem ganz anderen Ziel ­dienen: das Kind im Sinne eines ökonomiekompatiblen ­Menschenbildes als sich ­selbstorganisierendes und selbstoptimierendes Steuerungs­system zu betrachten, das sich im Grossraumbüro Schule mittels Lernprogrammen, die von Computern gesteuert werden, die gewünschten Kompetenzen erarbeiten soll. Ist das die Perspektive, die wir unseren Kindern bieten wollen?

Viel zu lange wurde Bildung drauflos reformiert und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt ohne Produktehaftung jener, die all das, zum Teil unter dem Einfluss privatwirtschaft­licher Interessen, inszeniert haben. Wie brauchen endlich eine Schulpolitik und eine Pädagogik, die Probleme löst und nicht dauernd neue schafft.

Mario Andreotti

Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Buchautor

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