Wie ein Agententhriller

Der rätselhafte Tod eines angeblichen Mossad-Agenten oder Doppelagenten vor zwei Jahren in einem israelischen Hochsicherheitsgefängnis bringt die Regierung in Erklärungsnot.

Susanne Knaul
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In Melbourne beerdigt: Ben Zygiers Grab. (Bild: ap/Andrew Brownbill)

In Melbourne beerdigt: Ben Zygiers Grab. (Bild: ap/Andrew Brownbill)

JERUSALEM. Ein spätes Schuldeingeständnis? Die Familie des Häftlings Ben Zygier, der sich Ende 2010 unter dubiosen Umständen in einem israelischen Hochsicherheitsgefängnis das Leben nahm, soll eine hohe Entschädigung erhalten. Gestrigen Berichten der Online-Ausgabe der Zeitung «Haaretz» zufolge hat Israel bereits vor sechs Wochen die Zahlung von «mehreren Millionen Schekel» zugesagt. Der 34jährige «Häftling X», wie Zygier in israelischen Medien zunächst genannt wurde, war im Dezember vor zwei Jahren tot in seiner Zelle aufgefunden worden.

Die Regierung schweigt

Die seltsame Affäre, die aus der Feder eines John Le Carré stammen könnte, machte nicht zuletzt aufgrund der strikten Informationssperre Schlagzeilen. Immer wieder müssen sich israelische Journalisten auf ausländische Medienberichte beziehen und mit ihren Analysen vage bleiben, weil die Zensur ihnen die Hände bindet. Zygiers Selbstmord durch Erhängen wirkt wie ein Katalysator für die Debatte über Zensur im Zeitalter des Internets und sozialer Netzwerke.

Die lange Geheimhaltung und die Tatsache, dass die israelische Regierung nach wie vor keine Auskunft darüber gibt, welcher Verbrechen sich Zygier überhaupt schuldig machte, befeuern Gerüchte und bestätigen jene, die von der Selbstmordversion wenig oder nichts halten. «Israel lässt niemanden verschwinden», erklärte jedoch Jossi Melman, Experte für Israels Geheimdienste, diese Woche dezidiert. Die Zelle im Hochsicherheitstrakt, in der Zygier isoliert von anderen Häftlingen und unter falschem Namen festgehalten wurde, sei zwar mit Überwachungskameras ausgestattet, sagte Melman, dennoch sei es «ohne Frage möglich, dort Selbstmord zu begehen».

Vorwürfe bleiben unklar

Die Zelle des Ajalon-Gefängnisses war eigens für Igal Amir gebaut worden, den Mörder von Ex-Regierungschef Yitzhak Rabin. Selbst die Wärter sollen die wahre Identität Zygiers nicht gekannt haben. Allerdings hatte er Kontakt zu seinen Anwälten. Avigdor Feldmann, der einst den Atomspion Mordechai Vanunu vor Gericht vertrat, hatte Zygier noch zwei Tage vor seinem Tod im Gefängnis besucht. Feldmann hatte nicht den Eindruck gewonnen, der Häftling sei selbstmordgefährdet. Zygier hatte bis zum Zeitpunkt seines Todes schon zehn Monate in Isolationshaft verbracht. Er sei «vernünftig und konzentriert gewesen», meinte Feldmann gegenüber dem Armeeradio. Es seien Verhandlungen über eine aussergerichtliche Einigung geführt worden. Zygier soll indes erwogen haben, den Vergleich abzulehnen, um vor Gericht seine Unschuld zu beweisen. Über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sagte allerdings auch Feldmann nichts.

Agent oder gar Doppelagent?

Unter Berufung auf einen «hohen israelischen Beamten, der mit der Affäre vertraut sei», schreibt «Haaretz», dass Zygier damit geprahlt habe, Agent des Mossad zu sein. «Er hat zu viel geredet», zitiert «Haaretz» den Beamten.

Zygier lebte bis zu seiner Auswanderung nach Israel im Jahr 2000 in Melbourne. Später heiratete er eine Israeli, mit der er zwei Töchter hatte. Anscheinend war Zygier tatsächlich Mossad-Agent, möglicherweise arbeitete er parallel aber auch für den australischen Geheimdienst, war also Doppelagent.

In Medienberichten wird Zygier in verschiedenen Zusammenhängen genannt. Sie reichen von der Gründung einer Scheinfirma in Europa, die Elektrotechnik nach Iran verkauft habe, bis hin zu Zygiers Mitwirken am Mord an Mahmud al-Mabhuh. Dieser hatte im Auftrag der Hamas Waffen gekauft und war bei einer spektakulären Aktion des Mossad in einem Hotel in Dubai ermordet worden. Die Polizei in Dubai wies den Bericht über Zygiers Mitwirken jedoch bereits zurück. Allerdings hatten mehrere Mossad-Agenten bei ihrem Einsatz in Dubai australische Pässe genutzt. Möglich ist, dass Zygier die Absicht hatte, die Australier in diesem Punkt über den Mossad aufzuklären. Eine andere Version sieht ihn als Informanten der Behörden in Dubai. Er sei deshalb von Israel entführt worden.