Wie die Schweiz sich selber sieht

Die Schweiz war an Weltausstellungen von Anfang an präsent. Während sie anfangs lediglich ihre Produkte präsentierte, geht es heute vor allem um Selbstdarstellung. Ein Rückblick auf die letzten zwanzig Jahre.

Richard Clavadetscher
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So epochale Erfindungen wie die Telegrafie (1851, London), das Dynamit (1873, Wien), der Lippenstift (1883, Amsterdam), der Reissverschluss (1893, Chicago) oder die Rolltreppe (1900, Paris) werden heute an Weltausstellungen nicht mehr präsentiert. Doch dies war ursprünglich die Idee der «World's Fair», die erstmals 1851 in London abgehalten wurde. Heute geht es bei diesen Ausstellungen primär um die Selbstdarstellung von Nationen, und es gibt jeweils ein übergeordnetes Motto.

Stets Bundessache

Die Schweizer Beteiligung an solchen Ausstellungen war von Anfang an Bundessache: 1851 koordinierte ein vom Bundesrat einberufenes Zentralkomitee den Auftritt in London; ins Jahr 1907 fällt die Gründung der Zentralstelle für das Ausstellungswesen, die der Bund subventionierte.

Heute ist «Präsenz Schweiz», angesiedelt im EDA, für die Teilnahme der Schweiz an Weltausstellungen zuständig. Der Charakter des Schweizer Auftritts änderte sich durch die Zeit ebenso, wie jener der Weltausstellungen insgesamt. Waren es am Anfang reine Produkteschauen, geht es längst vor allem um die vorteilhafte Präsentation des Landes.

Die letzte Weltausstellung (2012) im südkoreanischen Yeosu stand unter dem Motto «Der lebende Ozean und die Küste» – eine Herausforderung für das Binnenland Schweiz. Gemeistert wurde diese Herausforderung jedoch, indem sich die Schweiz als Quellenland von Zuflüssen in verschiedene Meere präsentierte. Ein sauberes Alpenland mit viel Know-how in der Cleantechnologie für eine nachhaltige Zukunft sowie eine lohnende Touristendestination: So sollten die Besucher des Schweizer Pavillons unser Land in Erinnerung behalten.

Raumfüllendes Segel

Der Auftritt in Shanghai zwei Jahre zuvor ging in ähnliche Richtung. Auch die Chinesen waren schliesslich begeistert vom schönen Alpenland. Eine der Attraktionen, die Sesselbahn, war allerdings immer wieder ausser Betrieb – wegen technischer Defekte.

«Die Entwicklung des Wassers» wiederum war Motto der Ausstellung in Saragossa (2008). Die Schweiz präsentierte sich dabei «Unter dem See»: Kernstück war ein raumfüllendes, mit Wasser beregnetes Segel, das als Video-Projektionsfläche diente und durch seine Aufhängung das dreidimensionale Bild eines Seebetts formte. Über eine interaktive «Wasserwand» wurden Informationen zum international angelegten Wassermanagement der Schweiz vermittelt.

Die Weltausstellung 2005 in der japanischen Präfektur Aichi wiederum stellte unter dem Motto «Die Weisheit der Natur» die Koexistenz von Mensch und Umwelt ins Zentrum. Der Schweizer Beitrag widmete sich dem Thema «Der Berg».

Zumthors Holzbau

Mit dem Projekt «Klangkörper» des Architekten Peter Zumthor, gebaut von der Thurgauer Nüssli-Gruppe, präsentierte sich die Schweiz im Jahr 2000 in Hannover. Der Pavillon bestand aus aufgestapelten Lärchen- und Föhrenholz-Balken. Die Gesamtlänge der verbauten Balken betrug nicht weniger als 144 Kilometer. Die Baute wurde ausschliesslich von mit Federzugstangen verbundenen Stahlseilen zusammengehalten und kam ganz ohne Leim und Nägel aus. Mit seinem minimalen Design nahm der Pavillon das Ausstellungsthema «Mensch, Natur und Technik – Eine neue Welt entsteht» auf. Es war dann auch explizit die spektakuläre Architektur, die das internationale Interesse am Schweizer Auftritt auf sich zog.

Nach dem Ende der Ausstellung wurde das Stapelholz an den Schweizerischen Sägerei- und Holzindustrie-Verband zurück verkauft. Ein verbleibender Rest fand erneute Verwendung beim Bau des «Palais de l'Equilibre» der Schweizer Landesausstellung Expo.02

Der Skandal von Sevilla

Anderer Art war das Aufsehen, dass der Schweizer Pavillon 1992 in Sevilla mit dem Titel «Die Schweiz existiert nicht» erregte. Entworfen vom Künstler Ben Vautier, sollte eigentlich die Vielfalt der Schweiz beschrieben werden. In der Schweiz sahen dies Bürger und Politiker jedoch anders, liefen sie doch Sturm dagegen. Es gab gar Vorstösse im eidgenössischen Parlament. Der Bundesrat musste schliesslich beschwichtigen: «Im Willen, Klischees auf jeden Fall zu vermeiden», sei man ins andere Extrem gefallen. Der Bundesrat teile indes die Ansicht der Kritiker nicht, dass der Pavillon deswegen nun «subversiv, schweizfeindlich oder rassistisch» sei.