Wie alte Freunde

Salbungsvolle Worte sind an Staatsbesuchen üblich. Und doch ist François Hollandes Visite, die gestern begann, bemerkenswert. Dass in diesem Jahrhundert erstmals ein französischer Präsident die Schweiz besucht, spricht bereits für sich.

Tobias Gafafer
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Salbungsvolle Worte sind an Staatsbesuchen üblich. Und doch ist François Hollandes Visite, die gestern begann, bemerkenswert. Dass in diesem Jahrhundert erstmals ein französischer Präsident die Schweiz besucht, spricht bereits für sich. In corpore sass der Bundesrat zwischen französischen Ministern, Hollande begrüsste Didier Burkhalter wie einen alten Freund. Seit Jahren war das Verhältnis zwischen Bern und Paris nicht mehr so entspannt. Der Steuerstreit, der die Beziehungen vergiftete, ist offiziell beendet. Im Vordergrund stehen Themen wie die Innovation und die Berufsbildung. Das ist für ein Land, das in den Augen vieler Franzosen bis heute primär als Fluchtburg für Superreiche gilt, Gold wert.

Ob aller Harmonie bleiben Dissonanzen. Dass die UBS in Frankreich 2014 eine Milliardenkaution wegen vermuteter Beihilfe zu Steuerdelikten hinterlegen musste, wirkte politisch motiviert. Vor allem aber belastet das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative das Verhältnis. Dass der Bundesrat besonders mit den Nachbarn das Gespräch sucht, ist richtig, zumal Frankreich zu den mächtigeren EU-Staaten gehört. Bestenfalls trägt es dazu bei, dass Brüssel Hand zu einer Lösung bietet. Bloss: Auch Paris vertritt naturgemäss seine Interessen – und Kontingente gehören nicht dazu. Hollande betonte denn auch, eine Lösung müsse die Personenfreizügigkeit respektieren.

Das wirtschaftlich kriselnde Frankreich war für die Schweiz schon attraktiver. Hochmut ist dennoch deplaziert. Mit Vorlagen wie der Energiestrategie überschiesst die Bürokratie zusehends auch hierzulande. Es waren französische Kampfjets, die 2014 ein entführtes Flugzeug eskortierten, weil die Schweizer Luftwaffe nicht verfügbar war. Bei der Infrastruktur bleibt Frankreich spitze, Paris war dank des TGV nie so nah. Und kulturell ist das Land so oder so anziehend wie eh und je.

tobias.gafafer@tagblatt.ch

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