Wenn Teenager radikal werden

In der Stadt Bern können sich besorgte Eltern an die Beratungsstelle Radikalisierung wenden. Nun ist auch eine nationale Hotline im Gespräch. Bis heute hat der Nachrichtendienst des Bundes 64 Jihad-Reisende registriert.

Denise Lachat
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BERN. Schätzungsweise 3000 Personen sind aus Europa ausgereist, um sich auf der Seite der Jihadisten an den Kriegen in Syrien, Irak oder Afghanistan zu beteiligen, mehrere Dutzend stammen aus der Schweiz. Bis heute hat der Nachrichtendienst des Bundes 64 Jihad-Reisende registriert. Für grosses Aufsehen sorgten im Januar zwei Teenager aus Winterthur: Ein 16-Jähriger und seine 15jährige Schwester verschwanden von zu Hause und schlugen sich in der Türkei bis in die Nähe der syrischen Grenze durch. Ob sie sich tatsächlich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben, ist unbekannt. Bekannt ist hingegen, dass sie durch extremistische Ansichten aufgefallen sind.

Task Force Jihad-Reisende

Wäre ihre Radikalisierung zu verhindern gewesen? Was kann die Schweiz vorkehren, damit sich Jugendliche keiner extremistischen Gruppierung anschliessen? Seit letztem Sommer evaluiert eine «Task Force zur Bekämpfung jihadistisch motivierter Reisen» unter der Leitung der Bundeskriminalpolizei (Fedpol) mögliche neue Massnahmen im Kampf gegen IS-Sympathisanten. Unter anderem prüft sie auch die Möglichkeit, eine Jihad-Hotline einzurichten, bei der sich besorgte Eltern melden können. Ein solches Angebot existiert bereits in einigen Nachbarländern, unter anderem Österreich und Deutschland.

Wer im Internet den Suchbegriff «Beratungsstelle Radikalisierung» eingibt, landet denn auch gleich bei der entsprechenden Anlaufstelle im deutschen Bundesamt für Migration. Wer nach Schweizer Adressen googelt, stösst indes nicht auf eine nationale Stelle, sondern auf das Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz der Stadt Bern. «Wir haben den Namen <Beratungsstelle Radikalisierung> auf Anfang Jahr eingeführt, weil wir etwas Einschlägiges wollten, das die Leute auch leicht finden», sagt die Amtsleiterin, Ester Meier, bei einem Gespräch in ihrem Büro an der Berner Predigergasse.

Sekten, Hooligans, Neonazis

Die Beratungsstelle, die per Telefon oder per Mail kontaktiert werden kann, gibt es allerdings bereits seit zehn Jahren. Denn Radikalisierungsrisiken bestehen nicht erst seit den Greueltaten der IS: Je nach politischem Brennpunkt standen Sekten, Hooligans, Neonazis oder der Schwarze Block im Zentrum der Sorgen, wie Ester Meier sagt. Seit einigen Monaten kommt mit dem Jihad eine neue, furchterregende Dimension hinzu. «Hier geht es um Personen, die bereit sind, sich selbst und anderen das Leben zu nehmen.» Ein Team von vier Beratern wurde intern geschult und hat sich auf Fragen der Radikalisierung spezialisiert.

Ein klares Gefährdungsprofil gibt es zwar nicht. Es könnten sich Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten radikalisieren, sagt Meier. Hellhörig sollte das Umfeld werden, falls Jugendliche sich von ihren Freunden ab- und einer neuen Gruppe zuwenden, plötzlich sehr religiös werden, ihre Kleidung oder ihr Äusseres veränderten oder sich isolierten. Meist kann das Beraterteam die verängstigten Eltern beruhigen, nur ein bis zwei Fälle jährlich erfordern vertiefte Abklärungen mit den Jugendlichen selbst. So war es auch bei jenem Sohn, der seinen Eltern Angst machte, weil er sich immer mehr zurückzog, sich im Streit mit den Eltern wiederholt positiv über den Jihad äusserte und schliesslich sogar eine Jihad-Fahne ausdruckte. Beim persönlichen Gespräch stellte sich dann aber heraus, dass sein Verhalten eher pubertäre Provokation spiegelte und keine tatsächliche Gefährdung zu befürchten war. Meier: «Er dachte nicht im entferntesten daran, in den Krieg zu ziehen und sein Umfeld zu verlassen. Der Jugendliche hatte hier auch eine Lehrstelle und seine Freunde.»

Entscheidend ist Integration

Das dichte soziale Netz sieht Meier als einen der Hauptgründe, weshalb die Schweiz im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nur selten mit radikalisierten Jugendlichen konfrontiert ist. Das zeigt sich auch in den Zahlen der Stadt Bern. Jährlich werden bis zu 700 Kinder und Jugendliche in Konfliktsituationen beraten, bei weniger als zehn Anfragen ist Radikalisierung das Problem. Im Unterschied zu Frankreich etwa hätten Jugendliche in der Schweiz in der Regel eine Perspektive, seien integriert, und die Kontrolle durch die Schule, die Lehrmeister, die Nachbarn oder die Sozialdienste funktioniere gut. «Es fällt keiner so leicht unbemerkt durch die Maschen», sagt Meier. Entscheidend sei, in einer möglichst frühen Phase an die Jugendlichen heranzukommen. «Je rascher wir ins Gespräch kommen, desto besser sind die Erfolgschancen.» Dafür sei ein niederschwelliges Angebot in Form einer Telefon- oder Mail-Hotline hilfreich. Denn häufig wüssten Eltern oder Freunde nicht, wo sie Hilfe finden können, und zur Polizei wollten sie mit ihren Ängsten nicht. Am anderen Ende der Leitung brauche es auch nicht in erster Linie Jihad-Experten, sondern Leute, welche das Beratungsangebot kennten. «Es ist wichtig, Angehörige und Betroffene rasch an die richtige Stelle verweisen zu können.»

Bald ein nationales Angebot?

Ein vergleichbares Angebot fordert nun auch die Politik auf nationaler Ebene. Kürzlich hat die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats auf Anstoss der Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher eine Kommissionsmotion für eine Jihad-Hotline überwiesen. «Ähnlich wie in Fällen von häuslicher Gewalt sollen die Leute wissen können, wo sie Hilfe erhalten», sagt Graf-Litscher.

Der Leiter der Task Force des Bundes, Jacques Repond, hält sich im Moment noch bedeckt. «Wir arbeiten an einem Katalog von Massnahmen, die wir seriös prüfen», sagt Repond und stellt eine Orientierung der Öffentlichkeit in einigen Wochen in Aussicht.

Ester Meier würde ein nationales Angebot begrüssen, verweist aber auf die Bedeutung der Freiwilligkeit. «Wir versuchen immer, über eine Vertrauensperson den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen. Ob diese das Beratungsangebot annehmen, steht ihnen aber letztlich frei.» Meldungen an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde oder an die Kantonspolizei ergehen nur, falls Eltern dies bei einer akuten Gefährdung nicht selber tun wollen.

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