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Psychische Probleme: Wenn Schweigen krank macht – eine Betroffene erzählt

Zwei Drittel der Schweizer haben im Verlauf ihres Lebens schon einmal unter psychischen Problemen gelitten – dennoch ist das Thema tabu. Mit einer Sensibilisierungskampagne will die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz das nun ändern.
Michel Burtscher
Viele Menschen leiden unter Stress am Arbeitsplatz. (Bild: Getty)

Viele Menschen leiden unter Stress am Arbeitsplatz. (Bild: Getty)

Zum ersten Mal passiert es, als Jasmin Jossen knapp zwanzig Jahre alt ist. Sie fällt in ein psychisches Tief, hat eine Erschöpfungskrise, ist überfordert, oft sehr emotional, kann teilweise nicht mehr nachvollziehen, was gesprochen wird. Die Walliserin studiert zu jener Zeit Kommunikationswissenschaften im Tessin. Zum ersten Mal ist sie weg von zu Hause, von ihrer Familie, von ihrem gewohnten Umfeld. Sie ist alleine, in einem fremden Kanton, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird.

Jossen sagt: «Ich war mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert.»

Es waren zu viele für die junge Frau. Ihr Studium im Tessin brach sie nach einem Semester ab, begann ein neues im Wallis. Sie war zwar wieder in der Heimat, in der gewohnten Umgebung, doch die Probleme hielten an. In dieser Zeit liess sie sich dann zum ersten Mal in einer psychiatrischen Klinik behandeln. Die Diagnose: Erschöpfungsdepression.

Betroffene fürchten sich vor Stigmatisierung

Die Geschichte von Jasmin Jossen ist kein Einzelfall. Viele Menschen in der Schweiz haben schon einmal an psychischen Problemen und Erkrankungen wie Stress, Überlastung, Angstzuständen oder Depressionen gelitten. Das zeigt eine neue repräsentative Studie mit 5500 Personen, welche die Forschungsstelle Sotomo im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz durchgeführt hat. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch, am internationalen Tag der psychischen Gesundheit, vorgestellt. Demnach gaben zwei Drittel der Befragten an, im Verlauf ihres Lebens schon einmal unter einer «psychischen Beeinträchtigung» gelitten zu haben. Fast alle kennen Betroffene. Als Hauptgrund für eine «negative psychische Stimmung» gaben 42 Prozent der Befragten Stress und Überlastung an, 37 Prozent zwischenmenschliche Konflikte. 15 Prozent litten an seelischer Erschöpfung, 13 Prozent an Angstzuständen und 12 Prozent an Hoffnungslosigkeit und Depression.

Gleichzeitig zeigt die Studie auf, dass sich Betroffene auch heute noch vor einer Stigmatisierung fürchten. 70 Prozent der Befragten haben Angst davor, über ihre Situation zu sprechen. Sie erwarten zwar keine gesellschaftliche Ächtung mehr wie früher. Roger Staub, Geschäftsführer der Stiftung Pro Mente Sana, sagte:

«Vor 40 bis 50 Jahren hat man Menschen mit psychischen Problemen oft einfach weggesperrt.»

Das ist heute anders. Die Betroffenen befürchten aber, dass sie als nicht leistungsfähig oder schwach gelten, wenn sie über ihre Probleme reden. Sie befinden sich in einem Teufelskreis: Sie wünschen sich zwar, dass man sie ernst nimmt und ihnen zuhört. Doch gleichzeitig fürchten sie sich vor der Reaktion ihres Umfelds – und schweigen. Doch dadurch kann sich ihr Zustand verschlechtern.

Das erlebte auch Jasmin Jossen in ihren frühen Zwanzigern. «Am Anfang habe ich geschwiegen über meine Situation», sagt sie. «Ich habe sogar den Kontakt mit Menschen gemieden, weil ich Angst hatte vor der simplen Frage, wie es mir gehe.» Sie fürchtete sich aber nicht nur vor der Stigmatisierung, die sie durch andere erfahren könnte. Sie stigmatisierte sich auch selber, wie sie rückblickend sagt.

«Ich wollte nicht akzeptieren, dass mir das passiert, wollte schnell wieder leistungsfähig sein.»

Doch das machte alles nur noch schlimmer. Der Wendepunkt kam, als sie begann, sich vertieft mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen, sie zu akzeptieren. «Ich habe gelernt, dass eine psychische Krankheit kein Defizit ist. Jeder Mensch hat Krisen in seinem Leben.» Doch vor allem begann sie auch, über ihre Situation zu reden.

Fünf Millionen Franken für eine Sensibilisierungskampagne

Hier wollen die Deutschschweizer Kantone, die Stiftung Pro Mente Sana und Gesundheitsförderung Schweiz ansetzen. Sie haben gestern eine Kampagne lanciert. Die Botschaft: «Rede über alles, auch über psychische Gesundheit.» Kostenpunkt: rund fünf Millionen Franken über vier Jahre. «Es ist eine Investition, die sich mehr als lohnt für die Menschen in der Schweiz», sagte Heidi Hanselmann, St. Galler Gesundheitsdirektorin und Präsidentin der Stiftung Gesundheit Schweiz, vor den Medien.

Mit Plakaten soll die Bevölkerung für den Umgang mit psychischen Leiden sensibilisiert werden. Roger Staub sagte: «Es ist uns natürlich auch klar, dass ein paar Plakate selbst noch nicht viel bewirken.» Ziel sei es, die Problematik zum öffentlichen Thema zu machen. Es soll selbstverständlicher und einfacher werden, über psychische Belastungen zu sprechen – und damit eine raschere Hilfe ermöglichen. Denn weil viele Menschen Angst davor haben, über ihre Probleme zu sprechen, suchen sie oft auch zu spät Hilfe bei Experten. Die jährlichen Folgekosten von psychischen Krankheiten belaufen sich auf zwanzig Milliarden Franken, wie Heidi Hanselmann ausführte.

Jasmin Jossen sagt: «Das Bild, das viele Menschen von psychischen Erkrankungen haben, muss sich ändern.»

Sie ist heute 37 Jahre alt. Aus ihrem vermeintlichen Defizit hat sie ihren Beruf gemacht. Sie hat sich zur sogenannten Peer oder Expertin aus Erfahrung ausbilden lassen. Das sind Menschen, die selber Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung gemacht haben und anderen Betroffenen nach einer entsprechenden Weiterbildung helfen. Seit 2015 arbeitet Jossen als Fachmitarbeiterin bei Pro Mente Sana. Ihr geht es gut, auch wenn die Krankheit immer noch Teil ihres Lebens ist. «Psychische Krisen bedeuten nicht die Endstation. Sie bedeuten auch nicht, dass man schwach ist», betont Jossen. «Wenn wir über unsere psychische Gesundheit miteinander reden, brechen wir das Tabu und damit auch die Stigmatisierung auf.»

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