Wenn Maturanden es nicht können

Was die jahrelange Erfahrung von Experten an Maturaprüfungen zeigt und Studien längst belegt haben, muss uns zu denken geben: Auch Maturanden machen in der deutschen Sprache haarsträubende Fehler. Unter ihnen gibt es Absolventen, die kaum einen einzigen Satz korrekt schreiben können.

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Dozent für neuere deutsche Literatur (Bild: Coralie Wenger)

Dozent für neuere deutsche Literatur (Bild: Coralie Wenger)

Was die jahrelange Erfahrung von Experten an Maturaprüfungen zeigt und Studien längst belegt haben, muss uns zu denken geben: Auch Maturanden machen in der deutschen Sprache haarsträubende Fehler. Unter ihnen gibt es Absolventen, die kaum einen einzigen Satz korrekt schreiben können. Dabei reichen die Fehler von der Sprachlogik über die Stilistik und die Syntax bis hinunter zur Rechtschreibung. Sätze wie «Er hat um drei Tage Urlaub eingereicht» oder «Beim Bergrestaurant angekommen, ging die Sonne auf» oder gar die Verwechslung von Konjunktion und Artikel («Er weiss, das sie kommt.») sind keine Seltenheit.

Sprache fördert Denkfähigkeit

Das Gymnasium vermittelt die Fähigkeit des mündlichen und schriftlichen Ausdrucks; es verlangt von seinen Absolventen einen möglichst fehlerfreien Umgang mit der Muttersprache. So die sinngemässe Auslegung von Artikel 5 der Maturitätsverordnung, der das Bildungsziel umschreibt. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen, beeinflusst die Sprachkompetenz doch die Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit erheblich. Die genaue Beschreibung von Sachverhalten gehört zu den Kernaufgaben jeder Wissenschaft.

Schwierigkeiten im Studium entpuppen sich bei näherem Betrachten nur allzu oft als mangelnde Sprachbeherrschung. Doch trotz der offenkundigen sprachlichen Defizite tun sich heute viele Gymnasien schwer, im Fach Deutsch, aber auch in den andern Fächern, ihren Schützlingen im Hinblick auf die Sprachrichtigkeit klare Forderungen zu stellen. Die Ergebnisse sind entsprechend: Von 162 Kandidaten, die in diesem Winter die Eidgenössischen Passerelle-Prüfungen abgelegt haben, die ihnen den Zugang zu den Universitäten ermöglichen, waren 91 im schriftlichen Teil des Faches Deutsch ungenügend, und dies trotz bestandener Berufsmaturität. Da kann etwas nicht stimmen.

Haben Gymnasiallehrer den Anspruch, junge Menschen auf ein Hochschulstudium vorzubereiten, dann dürfen sie den sprachlichen Schlendrian vieler ihrer Schützlinge nicht einfach hinnehmen, kann es ihnen nicht mehr oder weniger egal sein, wie sie schreiben. Dann müssen sie dringend wieder mehr Wert legen auf das Üben der sprachlichen Kernkompetenzen. Dann darf vor allem der Deutschunterricht so zentrale Disziplinen wie Grammatik und Stilistik nicht derart stiefmütterlich behandeln, wie das heute teilweise geschieht. Dann muss letztlich auch die Notengebung in diesen Disziplinen strenger werden.

Unselige Gleichmacherei

Das alles darf aber, entgegen der Meinung mancher Politiker, nicht auf Kosten des Literaturunterrichtes gehen. Zur gymnasialen Bildung gehört nun einmal das Erreichen einer gewissen historischen Tiefe, wie sie etwa der Unterricht in Literaturgeschichte vermittelt. Das unterscheidet das Gymnasium von andern Schultypen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Zunahme der Sprachfehler bei den Maturanden einhergeht mit der Demokratisierung unserer Gymnasien seit den 1970er-Jahren, mit dem Glauben, man müsse möglichst viele junge Menschen zur Matura führen, die Bildungsreserven seien voll auszuschöpfen. Die Erfahrung zeigte dabei schnell: Je höher die Maturaquote ist, desto niedriger ist das Können der Absolventen. Wer also die Qualität der Gymnasien erhöhen will, setzt bei den Quoten an und hält sie tief. Wir müssten heute wieder den Mut zur Elite haben – einen Mut, den wir in einer Zeit der unseligen Gleichmacherei schmerzlich vermissen. Denn die Bildung einer Elite ist für den Staat und die Gesellschaft ebenso wichtig wie die Förderung der Schwachen. Wer aber nicht richtig schreiben kann und sprachlich inkompetent ist, gehört weder zur Elite noch an eine Hochschule.