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Häusliche Gewalt: Wenn Männer plötzlich Opfer werden

Häusliche Gewalt kennt viele Formen. Frauen machen so etwas nicht, denkt man. Doch bei den Schweizer Fachstellen melden sich immer mehr Männer, die von ihren Partnerinnen gepeinigt werden.
Samuel Schumacher
Oft ist es Scham, die viele Männer davon abhält, über die im eigenen Heim erfahrene Gewalt zu sprechen. (Bild: Getty)

Oft ist es Scham, die viele Männer davon abhält, über die im eigenen Heim erfahrene Gewalt zu sprechen. (Bild: Getty)

Ein «gravierendes Problem» stand im Zentrum der Konferenz, für die am Dienstag 270 Fachpersonen nach Bern gereist waren: häusliche Gewalt. Anlass für die Zusammenkunft gab die am 1. April in Kraft getretene «Istanbul-Konvention», die die Schweiz zur Bekämpfung häus­licher Gewalt verpflichtet. Auf dem Weg zur Konferenz dürften manchem Teilnehmer die neuen Plakate in den Berner Trams und Bussen aufgefallen sein. Darauf zu sehen ist ein Symbolmännchen, übersät mit blauen Flecken und Beulen. Darunter steht: «Fachstelle Häusliche Gewalt. Ein Angebot auch für Männer.»

Die neue Kampagne der Berner Fachstelle will auf einen Fakt aufmerksam machen, den das «Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt», wie die Istanbul-Konvention offiziell heisst, ausser Acht lässt: Nicht alle Täter sind Männer, nicht alle Opfer Frauen. Der gegenteilige Fall tritt immer häufiger ein. Laut dem Bundesamt für Statistik ist in der Schweiz jede vierte wegen häuslicher Gewalt angezeigte Person eine Frau. 2017 wurden 7059 Männer und 2263 Frauen wegen häuslicher Gewalt beschuldigt. Die Zahlen decken sich mit jenen der Fachstelle Häusliche Gewalt. Dort ist jede fünfte ­hilfesuchende Person ein Mann.

Gefährliche Klischees

Männer als Opfer häuslicher Gewalt: Mit diesem Bild tut sich die Gesellschaft schwer. Der Berner Gemeinderat Reto Nause brachte es bei der Vorstellung der neuen Plakatkampagne auf den Punkt: «Über dieses Tabu spricht man nicht. Man erträgt es oder man arrangiert sich damit, aber sich jemandem anvertrauen, das machen die wenigsten Männer», sagte Nause. Sich jemandem anvertrauen, das war auch für Philippe schwierig. Der 57-Jährige, der in Wirklichkeit anders heisst, hat zuerst gezögert. Zweifel plagten ihn, ob er wirklich die Polizei verständigen soll. Doch die Aggressionen der Partnerin, ihr impulsives Verhalten, all die unverarbeiteten Emotionen, die sie auf ihn projizierte, das hielt er irgendwann nicht mehr aus.

«Es gab Übergriffe, verbale und auch körperliche», sagt Philippe am Telefon.

Nachdem die Situation zu Hause ein weiteres Mal eskalierte, hatte er die Polizei informiert und wurde an die Fachstelle Häusliche Gewalt weitergeleitet. Dort habe man ihm geholfen, so Philippe. Doch die alten Klischees seien nur schwer zu durchbrechen. «Historisch gesehen war immer der Mann der Gewalttäter. Durch die #MeToo-Bewegung wurde diese Ansicht in letzter Zeit wieder verstärkt», sagt Philippe. «Wenn ich als Mann von meiner Frau angegriffen werde und mich zur Wehr setze, dann laufe ich Gefahr, als ­Gewaltverursacher dazustehen.» Frauen hätten ihre eigene Form von Gewalt.

Angst die Kinder zu verlieren

Nur wenige Männer trauen sich, in diesen Situationen Hilfe zu holen. Zu wenige, findet die Fachstelle Häusliche Gewalt. Scham, die Angst, die eigenen Kinder zu verlieren, und das alte Klischee, dass das «starke Geschlecht» doch gar nicht Opfer sein könne: Das sind die Hindernisse, die Männer überwinden müssen, bevor sie sich an externe Stellen wenden. Ohne Scham über die eigenen Gewalterfahrungen sprechen, das tut praktisch keiner. Wer einen Mann finden will, der mit seinem Namen hinsteht und erzählt, muss sich bis ins deutsche Koblenz durchtelefonieren. Dort wohnt der IT-Unternehmer Rene Pickhardt. Der 33-Jährige hat häusliche Gewalt erlebt. Pickhardt war traumatisiert, konnte eine Weile lang nicht mehr sprechen. Ins Detail gehen möchte er nicht. Viel wichtiger sei, was danach passierte, sagt er.

Beim Versuch, Hilfe zu holen, stiess Pickhardt nur auf verschlossene Türen. Er meldete sich bei einem Verein für Opfer häuslicher Gewalt.

«Die waren aber nur auf weibliche Opfer eingestellt», erzählt er.

Auch in der Reha-Klinik, in die er sich einliefern liess, gab es keine spezifischen Hilfsangebote für Männer. «Ich will keine Opferolympiade lostreten», sagt Pickhardt. «Aber knapp 25 Prozent aller Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer. Das widerspiegelt sich nicht im Hilfsangebot.» Das Bild vom Mann als Opfer sei noch nicht in den Köpfen angekommen – das müsse sich dringend ändern.

Sie sagen nicht mehr «Papa»

Wie schwierig es für einen Mann werden kann, dem Täterklischee zu entkommen, weiss auch Martin. Der 43-Jährige sitzt am Esstisch des Berner Männerhauses «Zwüschehalt». Fast zwei Stunden lang erzählt er von seinem Schicksal, von der Frau, die ihn gedrängt hat, Kinder zu ­machen, und die ihm diese eines Tages plötzlich wegnahm. Ihm, der sich zwei Jahre lang tagtäglich um die Zwillinge ­gekümmert habe, während sie Vollzeit arbeitete und ihre freien Stunden mit ihren Freundinnen verbrachte. Eines Morgens sei sie plötzlich ins Frauenhaus gegangen, ohne Vorwarnung.

«Dort hat sie erzählt, ich sei gewalttätig und hätte die Kinder geschlagen», sagt Martin.

Seine Stimme bebt, die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Nie habe er den Kindern etwas angetan, und nie habe ihm irgendjemand das Gegenteil bewiesen. «Stellen Sie sich einmal vor, ich hätte meiner Frau die Kinder weggenommen. Dann würde ich als Krimineller dastehen, nur weil ich ein Mann bin», sagt Martin. Sein Anwalt habe ihm trotzdem geraten, den Gerichtsentscheid, der seiner Frau recht gab, nicht anzufechten. Als Mann, sagte der Anwalt, sei er in dieser Sache schlicht weniger glaubwürdig. Martin steht den Tränen nahe. Die Kinder sieht er noch drei Stunden pro Woche. Verstehen tun sie ihren französischsprachigen Vater kaum noch, «Papa» sagen sie ihm nicht mehr. «Ich bin ein Opfer der Lügen meiner Frau», sagt er. Blaue Flecken hinterliess die Tat bei ihm nicht. Wunden hingegen schon, richtig tiefe.

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