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Wenn die Versicherung das Versprechen nicht hält: Das Schicksal von Familie Reber

Der Nationalrat debattiert das Versicherungsvertragsgesetz. Das tönt nach einer trockenen Materie. Das Schicksal der Familie Reber zeigt jedoch, weshalb das Gesetz alle angeht: Als der 18-jährige Sohn mit dem Töffli von einem Lastwagen angefahren wird, erhält die Mutter von ihrer Versicherung nichts.
Anna Wanner
Der 18-jährige Sohn wird auf dem Töffli von einem Lastwagen angefahren. Die Familie glaubt sich gegen alles versichert. Ein Irrtum. (Archivbild: Keystone)

Der 18-jährige Sohn wird auf dem Töffli von einem Lastwagen angefahren. Die Familie glaubt sich gegen alles versichert. Ein Irrtum. (Archivbild: Keystone)

Gegen Krankheit, gegen Unfall, sowie Invalidität und Tod habe sie ihre Kinder versichert, sagt Frau Reber*. «Alles, was nicht wahnsinnig grosse Zusatzkosten verursacht, habe ich in die Versicherung eingeschlossen.» Doch als der 18-jährige Sohn mit dem Töffli von einem Lastwagen angefahren und zu einem IV-Fall wird, erhält Reber von ihrer Versicherung nichts.

Dabei ist der Fall auf dem Papier eindeutig. Drei Jahre nach seinem Unfall erhält der Sohn eine volle IV-Rente zugesprochen. Der Grund, wieso die Versicherung trotzdem nicht zahlen muss: Die Mutter hat den Anspruch auf eine Entschädigung nicht sofort angemeldet, er ist nach zwei Jahren verjährt. Die Verjährung muss dabei nicht einmal zwingend im Versicherungsvertrag stehen, wie Stephan Fuhrer, Professor für Versicherungsrecht sagt. Die Verjährungsfrist steht im Gesetz. Und der Vertrag müsse nur regeln, was nicht bereits im Gesetz steht, so Fuhrer.

Darum sind die Änderungen des Versicherungsvertragsgesetz, die der Nationalrat im Moment diskutiert, auch so wichtig. Darunter auch der Artikel 46 zur Verjährungsfrist.

Wie kann es zu einer Verjährung kommen?

Felix*, 18, arbeitete 2002 in einer industriellen Bäckerei, drei Dörfer von seinem Elternhaus entfernt. Morgens um halb vier hat er sich mit dem Töffli auf den Weg zur Arbeit gemacht. An der Ampel, unweit von seinem Zuhause, kollidierte er mit einem Lastwagen. Der Teenager erlitt eine Schädelfraktur, lag mehrere Wochen im Koma, wurde wegen Hirnblutung operiert und erlitt eine Blutvergiftung. Wie und ob er aufwachen würde, war tagelang ungewiss.

Als Felix wieder zu sich kam, konnte er seine rechte Körperhälfte nicht mehr bewegen, sein Hirn hatte grossen Schaden genommen, vergleichbar mit einem schweren Hirnschlag. Der Sohn besuchte die Reha, durchlief verschiedene Therapien. Die Lähmung ist heute so gut wie geheilt. Doch das Hirn hat sich nie richtig erholt.

Deshalb erhielt Felix 2005 von der Suva die Integritätsentschädigung zugesprochen, er wurde für invalid erklärt. 2010 wurde die Integrationsentschädigung nochmals erhöht. Felix bezieht eine volle IV-Rente. Gleichzeitig arbeitet er in einer Möbelfirma in einem geschützten Umfeld. Die Mutter sagt:

«Felix ist soweit zufrieden. Er wird aber nie ein selbstständiges Leben führen können.»

Und doch bleibt ein Groll zurück. Denn die Absicherung, welche die Mutter für den Invaliditätsfall abschloss, zahlte die Versicherung nie aus. Der Grund: Der Unfall ist verjährt. Wer den Schadensfall nicht innert zwei Jahren nach Eintritt der Tatsache meldet, hat keinen Anspruch mehr darauf.

An der Verjährung ist nicht zu rütteln

Frau Reber sagt, sie komme sich heute blöd vor. «Doch damals hatte ich die grosse Hoffnung, dass Felix wieder gesund werden wird. Ich hätte mich geschämt, ihn vorschnell als Invaliden anzumelden.»

Das rächte sich. Auch ein Anwalt erklärte ihr, dass an der Verjährung nicht zu rütteln sei. Frau Reber kann das bis heute nicht glauben. «Mir war weder das Versicherungsvertragsgesetz noch Artikel 46 bekannt.» Auch wäre sie bereit gewesen, auf den zugesicherten Betrag von 60'000 Franken teilweise zu verzichten – anstatt einfach nichts zu erhalten.

«Wir könnten einen Batzen für den Notfall gut gebrauchen.»

Bundesrat und Parlament haben die Problematik nun erkannt. Der Nationalrat entscheidet am Donnerstag, ob die Verjährungsfrist auf fünf oder gar zehn Jahre erhöht wird. Für Familie Reber kommt die Änderung aber zu spät.

*Namen der Redaktion bekannt

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