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Wenn die Fahne plötzlich nach rechts flattert

Unter der Drohung eines verschärften Waffenrechts wäre die EU doch eine tolle Zielscheibe? Bloss noch 300 Meter entfernt? Die EU sei gar nicht das Problem, sagen die Teilnehmer des Rütlischiessens.
Max Dohner
Einer von rund 1150 Teilnehmern des 156.Rütlischiessens. (Bild: Max Dohner)

Einer von rund 1150 Teilnehmern des 156.Rütlischiessens. (Bild: Max Dohner)

Morgennebel zieht an diesem Mittwoch Schleppen über den Platz, als ein paar Gestalten die Hecktüre ihrer SUV öffnen und längliches Gepäck herausheben, etwas, das aussieht wie Instrumentenkoffer in Gangsterfilmen. Touristen, unwissend, weshalb sich hier Hunderte von Bewaffneten versammeln, würde angst und bang; so sah «pure Swiss Fol­klore» doch gar nicht aus im Ausflugsprospekt. Ist aber genau das. «Kein Sport», sagen die Männer, «Rütlischiessen – das ist Tradition.»

Rütlischütze = Wuteidgenoss?

Heuer aber bei bald verschärftem Waffenrecht wegen der EU: Gibt’s da eventuell speziellen Pulverdampf? Da pilgern sie doch alle hin, the last Men Standing sozusagen (es hat freilich mittlerweile auch Frauen drunter): ins Lebendréduit gegen Brüssels Bürokratie. Nutzt einer womöglich den Kraftort und sammelt Unterschriften fürs Referendum gegen das Waffenrecht? Obschon es Auflage der Gemeinnützigen Gesellschaft ist (Trägerschaft des Rütli), dass auf dieser Wiese keine Politik betrieben wird. Wir meldeten uns dieses Jahr jedenfalls mal an. «Zeitig früh», wie das hier heisst, nahmen wir Platz im Säli des «Weissen Rössli» von Brunnen. Der Zufall setzte uns neben einen Veteranen der Stadtberner Sektion: «Heuer bin ich das vierzigste Mal dabei», sagte er. Ein Hardcore-Schütze – wir machten uns auf alles gefasst. Stimmte schon beim Erstbesten die Gleichung: «Rütlischütze = Wuteidgenoss?» Wir tunkten das Gipfeli in den Kafi und fragten: «Ist für Sie heute die EU nur noch 300 Meter weit weg? Wie die Zielscheibe?» «Falsch», sagte der Veteran, «es sind 260 Meter» – und grinste. Dann streckte er die Hand aus: «Guete Morge, ich bi de Ueli. Erstens: Hier duzen wir uns – Schützenkameraden. Zweitens steht man am Rütli nicht zum Schiessen, man kniet. Drittens ist die EU hier nicht das Problem …» Sondern? «Der Bleifang.» Wie in Morgarten; man ballere gegen Fels. Später korrigiert der Chef der Sektion Uri: «Kein Problem. Wir haben vom Amt für Umweltschutz die Erlaubnis. Wir dürfen schiessen.»

Toni Brunner und die Unterschriften

«Das ist nicht das Problem», sagt während einer Feuerpause ein weiterer Veteran. Er klopft sich an die Brust: «Ich kann nicht mehr mittun, ich trage einen Herzschrittmacher.» Ökologie ist kein Problem, die Politik auch nicht. Also was ist das Problem? «Der Wind», sagt er und mustert kritisch die Schweizer Fahne an der Schiffstation: «Siehst du, flattert nach rechts – heisst: Bise. Angesagt aber war Föhn. Das Gewehr darauf einzustellen, ist eine Kunst. Wir schiessen den Hang rauf. Auf 254 bis 263 Meter Distanz, je nachdem, wo dein Platz ist. Zunächst drei Schuss in einer Minute, dann zweimal sechs in zwei Minuten. Kein Probeschuss. Da wird beim Karabiner auch die Zeit zum Problem. Und das Zählen der getätigten Schüsse. Bei dem Geknatter und dem Echo wirst du konfus.» Weiss der Veteran, weshalb die Berner Sektion als einzige ein Zelt aufschlagen darf? Die anderen hat der Rütli-Wirt aufgebaut. Oder die Armee, ein Versorgungsdetachement, das im Rahmen eines WK die Schützen versorgt. Der Veteran schüttelt den Kopf. Selbst der Urner Sektionspräsident weiss es nicht. Er empfiehlt aber unbedingt einen Besuch im Berner Zelt. Es sieht aus wie das eines Söldnerführers während der Berner Kriege. Drinnen erzählt der Chef Witze von der Sorte Busschauffeur auf Kafifahrt, dem paramilitärischen Ambiente politisch unangepasst angepasst. Alle lachen dieses schollernde Kameradenlachen, das meist erstirbt, wenn der Kamerad den Rücken dreht. Es ist ein Signal der Zugehörigkeit, kein Signal für Humor. Dann aber hören wir jemanden immer weiter lachen, unverwüstlich; das konnte nur Toni Brunner sein, der SVP-Nationalrat. Leichter Weissweindunst umhüllt sein Vergnügen. Jetzt ein Schützenkamerad wie wir (wie Regierungsräte, Polizeikommandanten, hohe Tiere vom Militär, denen wir nur betreten «Hoi» sagen konnten, als ehemaliger Pinggel-Füsilier). Einem Kameraden darf man auch einen Spalt breit die Jacke öffnen: «Jetzt zeig schon, Toni: Wo hast du die Referendumslisten fürs Sammeln von Unterschriften versteckt?» – «Längst unterschrieben», jubelt er, «im Haus der Freiheit. Und ich kann sagen: Da unterschreibt jeder.»

«Ist das Rütlischiessen nicht doch politisch? Die Linken hatten uns doch gelehrt, alles sei ‹irgendwie politisch›». – «Natürlich ist es das», antwortet Toni, «aber ab wann ist etwas politisch? Vor 156 Jahren, als dieser Anlass ins Leben gerufen worden war, fand das niemand politisch. Heute ist das anders. Hier manifestiert sich die Substanz der Eidgenossenschaft; da drückt sich die Wehrbereitschaft aus über alle Leute, die hier sind.» An der Schiffstation am See schnarcht ein erschöpfter Schütze auf der Bank; die Schuhe hat er ordentlich unter die Bank gestellt. «Früher wurde mehr gesoffen», sagt ein Kamerad an unserer Seite, «aber das ist nicht das Problem …» Sondern? «Früher dauerte es manchmal zwanzig Jahre, bis eine Schützensektion wieder eingeladen wurde; so riesig war das Interesse. Heute sieht man nach zwei Jahren manchmal die gleiche Sektion wieder teilnehmen.» Solange sich die Reihen jedes Mal wieder schliessen, ist das doch kein Problem? «Geschossen wird nur mit Armeewaffen: Karabiner, Stgw 57, Stgw 90 … darin haben die Leute – kniend – immer weniger Übung. Das ist das Problem.»

Max Dohner

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