Weltgeschichte im Bauerndorf

Das bernische Zimmerwald galt bei den Kommunisten als Wiege der Sowjetunion. Die lokale Bevölkerung hatte daran jedoch gar keine Freude. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Zimmerwalder Konferenz entspannt sich die Stimmung nun langsam. Sogar ein Gedenkanlass ist geplant.

Reto Wissmann
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Ein Komet ist nach dem Ort benannt, der neue OL-Star Judith Wyder stammt von hier, ein Tractorpulling lockt jedes Jahr zahlreiche Besucher in die Gegend, und die Abhörzentrale des Nachrichtendiensts steht ebenfalls in der Nähe. Für ein lauschiges Bauerndorf hat Zimmerwald auch heute noch Spektakuläres zu bieten. Dass hier einst gar Weltgeschichte geschrieben wurde, ist hingegen beinahe in Vergessenheit geraten. Das 100-Jahr-Jubiläum der Zimmerwalder Konferenz wird die Erinnerungen jetzt wieder auffrischen.

Lenin und Trotzki dabei

Auf Einladung des Schweizer Arbeiterführers Robert Grimm versammelten sich in Zimmerwald zwischen dem 5. und 9. September 1915 gegen 40 hochrangige Vertreter sozialistischer Parteien aus zwölf europäischen Ländern – unter ihnen Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin oder Leo Trotzki. Mitten im Ersten Weltkrieg berieten sie sich darüber, wie die Sozialistische Internationale neu organisiert und die Arbeiterklasse gegen die Kriegsmaschinerie mobilisiert werden könnte. Als Resultat verabschiedeten sie das Zimmerwalder Manifest.

Fast nebenbei skizzierte der damals noch wenig bekannte Lenin, wie er die Verhältnisse in seiner Heimat umkrempeln wollte. Im Gründungsmythos der UdSSR wurde dies bald zur Geburtsstunde der Sowjetunion erklärt. Die Konferenz leitete aber auch die Spaltung der Arbeiterschaft in Reformisten und Revolutionäre, respektive in Kommunisten und Sozialisten ein. Das Treffen hatte also tatsächlich weltgeschichtliche Bedeutung.

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Zimmerwald hatten davon zunächst jedoch gar nichts mitbekommen. Die Sozialistenführer wurden von Lenin in Bern empfangen und mit Pferdekutschen nach Zimmerwald gebracht. Sie gaben sich als Vogelkundler aus und quartierten sich unter dem Vorwand einer internationalen ornithologischen Konferenz im Hotel Beau Séjour und in der Pension Schenk ein. Erst zwei Wochen später, als die Gäste aus dem Ausland längst wieder ausgereist waren, berichtete Robert Grimm in der «Berner Tagwacht» darüber.

Am Anfang war die Scham

Im bodenständigen Dorf war man gar nicht erfreut, Umstürzler beherbergt zu haben. «Man schämte sich regelrecht», sagt Urs Rohrbach, der im Regionalmuseum Schwarzwasser eine Ausstellung zum Thema organisiert hat. Doch ebenso wenig, wie man hatte verhindern können, dass die sozialistische Elite hier ihre Manifeste ausarbeitete, konnte man vermeiden, dass Zimmerwald bald Teil des Lenin-Kults wurde. Obschon man die «Wallfahrterei» mit allen Mitteln zu verhindern suchte, trafen in der Folge immer wieder Briefe und Besucher ein.

Lenin-Museum einst verhindert

Besonders unangenehm wurde den Zimmerwaldnern die historische Episode während des Kalten Krieges, als die Sowjetunion zum Feindbild schlechthin wurde. In den Sechzigerjahren fügten sie im Baureglement gar einen Passus ein, der jegliche Art von Gedenkstätten oder auch nur schon das Anbringen von Gedenkplaketten verhinderte. Um einer zweiten Zimmerwalder Konferenz zum 50-Jahr-Jubiläum zuvorzukommen, organisierten Antikommunisten zudem kurzerhand eine Gegenkonferenz. Und: Auch das Lenin-Museum, das die sowjetische Botschaft in Zimmerwald hatte einrichten wollen, wurde erfolgreich verhindert.

Heute erinnert in Zimmerwald kaum mehr etwas an die berühmt-berüchtigte Konferenz. Die Pension Schenk, die später den Namen «Lenin-Haus» bekam, wurde 1971 abgerissen – obschon der Gewerkschaftsbund gefordert hatte, es unter Schutz zu stellen. Heute befindet sich an seiner Stelle – Ironie des Schicksals – die Filiale einer Bank. «Im Dorf war man gar nicht unglücklich, dass das Haus verschwand», sagt der heutige Gemeindepräsident Fritz Brönnimann.

Unterdessen pflegt man in Zimmerwald einen etwas gelasseneren Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehört die Konferenz endgültig der Geschichte an und hat keine Bedeutung mehr für die politische Gegenwart. Zum 100-Jahr-Jubiläum hat man sich nun gar durchgerungen, erstmals einen Gedenkanlass zu organisieren – wobei grosser Wert auf die Bezeichnung «Anlass» statt «Feier» gelegt wird. Es gebe in der Bevölkerung immer noch Stimmen, die das Ganze am liebsten totschweigen würden, sagt der Gemeindepräsident.

Vielbeachtete Ausstellung

Das Interesse am Thema überwiegt aber klar. Die Ausstellung «Grimm und Lenin in Zimmerwald», die bereits seit Anfang Mai im kleinen Regionalmuseum zu sehen ist, wird regelrecht überrannt. «Das Zusammentreffen von globaler Politik und lokalem Alltag fasziniert die Menschen», sagt Kurator Urs Rohrbach.

Anlass zu Polemik will man in Zimmerwald tunlichst vermeiden und setzt daher ganz auf eine ernsthafte Aufarbeitung dessen, was vor 100 Jahren passiert ist. Am Jubiläumswochenende wird die Robert-Grimm-Gesellschaft in Bern eine Tagung durchführen, an der neben Historikern auch Politiker wie Gregor Gysi oder Christian Levrat teilnehmen werden. Danach gibt es in Zimmerwald selber einen Gedenkanlass. Dass die Jungsozialisten dort ihr zweites Zimmerwalder Manifest vorstellen werden, das sie derzeit erarbeiten, wusste die Gemeinde jedoch zu verhindern.

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