Wachrhythmus
Weil Schüler den Schlaf brauchen, soll Schule 20 Minuten später anfangen

Jugendliche brauchen den Schlaf am Morgen und sie seien frühmorgens nicht leistungsfähig. Deshalb verlangen Forscher nun, dass die Schule später anfangen müsse.

Claudia Weiss
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Chronobiologen wie Christian Cajochen – «Wissenschafter der Lebensrhythmen» – plädieren schon lange dafür, jetzt wollen die Sekundarschulen der Stadt Basel einen Versuch wagen: Künftig sollen die Sekundarschülerinnen und -schüler morgens 20 Minuten später anfangen, um 8 Uhr statt wie bisher um 7.40 Uhr. Für Cajochen ein guter erster Schritt: «Morgens zählt jede Minute, die Jugendliche länger schlafen können.»

Jugendliche, so lautet seine Begründung, seien frühmorgens nicht leistungsfähig, ja, könnten es gar nicht sein, weil sich ihr biologischer Rhythmus in der Pubertät verändere. «Sobald junge Frauen die Menstruation und junge Männer den Stimmbruch haben, verschiebt sich ihr biologischer Rhythmus nach hinten», erklärt Cajochen. «Dann können sie nicht um 21 oder 22 Uhr einschlafen, sondern zeigen am Abend ein starkes biologisches Wachsignal.»

Aufstehen in biologischer Nacht

Müssen sie dann morgens um 6 Uhr oder gar um 5.30 Uhr aufstehen, heisst das laut Cajochen, sie wachen quasi in ihrer biologischen Nacht auf und schlafen viel zu kurz. «Das ergibt bis Ende Woche ein enormes Schlafmanko.» Ein auf 8 Uhr verschobener Schulbeginn, so zeigte auch eine soeben in der Fachzeitschrift «Journal of Adolescence» veröffentlichte Studie der Fakultät für Psychologie der Universität Basel, wirkt sich da bereits merklich positiv aus. «Das hat uns überrascht», sagt Studienleiter Sakari Lemola, Oberassistent am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie. «Wir hatten nicht erwartet, dass schon die paar Minuten mehr Schlaf so viel bewirken.» In einer Umfrage mit über 2700 Schülerinnen und Schülern an Basler Schulen zeigte sich: «Die Schüler mit Schulbeginn um 8 Uhr fühlen sich während des Unterrichts viel wacher als ihre Kollegen, die um 7.40 Uhr beginnen.»

Besonders im Jugendalter ist genügend Schlaf enorm wichtig: Die Hirnentwicklung braucht in dieser Zeit sehr viel Energie. «Der Schlaf ist jene Phase, in der am Tag Gelerntes verfestigt wird», betont Lemola.

Abendstund hat Gold im Mund

Aufgrund dieser und weiterer Studien aus dem In- und Ausland ist für den Chronobiologen Christian Cajochen klar: «Wenn ich den Schulbeginn festlegen könnte, würde ich ihn frühestens auf 8.30 Uhr ansetzen.» Das wünschen gemäss einer Umfrage auch die meisten Jugendlichen, denn morgens sind die Leistungen sogar bei jenen schlechter, die von der Veranlagung her eher Morgenmenschen wären. Ein Team von Chronobiologen um Cajochen hat kürzlich den Schlaf-Wach-Rhythmus bei unterschiedlichen Jugendlichen gemessen: im ländlichen Graubünden, in der Stadt Basel und bei Jugendlichem in Laufen, halb Stadt, halb Land.

«Die Ergebnisse waren für alle dieselben – frühmorgens, in den ersten Schulstunden, waren alle weniger fit als später am Tag», fasst Cajochen zusammen. «Am Wochenende und in den Ferien schliefen alle lange aus und verschoben ihre Schlaf-WachRhythmik um durchschnittlich zweieinhalb Stunden nach hinten.« Aus seiner Sicht gibt es deshalb «keinen schlauen Grund», weshalb die Schule ausgerechnet für Jugendliche derart früh beginnen soll. Statt «Morgenstund hat Gold im Mund» heisse es in der Pubertät viel eher «Abendstund hat Gold im Mund», sagt Cajochen.

Finnen fangen später an

Das sehen die Schulverantwortlichen seiner Erfahrung nach anders: Zu wenig Möglichkeiten, Spezialräume unter den Klassen aufzuteilen, zu kompliziert für die Stundenplanung und zu wenig Zeit für Schulstunden, lauten unter anderem Argumente, warum ein späterer Schulbeginn nicht möglich sein soll. Auch in Basel fangen die Gymnasiasten weiterhin früh an: Zu gross ist wohl die Angst, der Schulstoff komme zu kurz.

Christian Cajochen kann das nicht nachvollziehen: «Dazu sage ich nur: Europaweit ist die Schweiz nach Polen jenes Land mit dem frühesten Schulbeginn.» Die finnischen Schulen, weiss er, fangen auch erst um 9 Uhr an – und die haben in der Pisa-Studie vorbildlich abgeschnitten. Tagesschulen und eine kürzere Mittagspause, so lautet in anderen Ländern das Zaubermittel.

Das überraschende Basler Studienergebnis und viele Untersuchungen von Chronobiologen zeigen klar: Schüler mit mehr Schlaf sind besser dran. Vielleicht ist es für die Schulverantwortlichen an der Zeit, solch deutliche Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen und aufzuwachen.