Weg zu Klimazielen wird steiler: St.Gallen will emissionsneutral werden

Die Stadt St.Gallen soll bis 2050 emissionsneutral sein, also den CO2-Ausstoss in den Bereichen Mobilität,
Wärme und Strom auf null reduzieren. Der Stadtrat will ein entsprechendes Postulat erheblich erklären lassen.

David Gadze
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Die Mobilität ist einer der grössten Treiber der Treibhausgasemissionen. (Bild: Benjamin Manser)

Die Mobilität ist einer der grössten Treiber der Treibhausgasemissionen. (Bild: Benjamin Manser)

Die Stadt St. Gallen verfolgt verschiedene Wege, um die Energiewende zu schaffen und dem Klimawandel zu begegnen. Die Massnahmen hat sie im Energiekonzept 2050 definiert. Dies geht einigen vorwiegend rot-grünen Mitgliedern des Stadtparlaments zu wenig weit: In einem Postulat haben sie den Stadtrat gebeten, dem Beispiel von zehn europäischen Städten zu folgen und sich das Ziel zu setzen, bis 2050 emissionsneutral zu sein. Dieser beantragt dem Parlament nun, das Postulat erheblich zu erklären.

Wie der Stadtrat in der Vorlage schreibt, zeigen die Massnahmen des städtischen Energiekonzepts 2050 erste Wirkungen: Der Pro-Kopf-Energieverbrauch sowie die CO2-Emissionen der Stadtbevölkerung sind in den vergangenen zehn Jahren um rund 15 Prozent zurückgegangen. Damit liegt ihr Energieverbrauch wieder auf dem Stand des Jahres 1990, der CO2-Ausstoss sogar zehn Prozent tiefer. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft bis 2050 erreichbar.

Eine Tonne CO2 pro Kopf
und Jahr ist nicht möglich

Anders sieht es aus beim Ziel, den CO2-Ausstoss in den Bereichen Mobilität, Wärme und Strom auf eine Tonne pro Kopf und Jahr zu senken. 2017 betrug er knapp 5,7 Tonnen. Gut fünf Tonnen entfallen auf die Verbrennung fossiler Energien. Dazu kommt rund eine halbe Tonne nicht-energetischer Emissionen, etwa in der Landwirtschaft. Zusätzlich ins Gewicht fallen die neun Tonnen CO2-Emissionen aus dem Konsumverhalten, die in Form von grauer Energie in Produkten und Dienstleistungen vorwiegend durch Importe einfliessen – und im Energiekonzept nicht berücksichtigt sind.

Mit den im Energiekonzept verankerten Massnahmen lassen sich die energetisch verursachten CO2-Emissionen gemäss Vorlage zwar massiv senken. Das Ziel von einer Tonne lässt sich jedoch «nicht alleine mit Effizienzsteigerungen auf der Basis der heute verfügbaren Technologien erreichen» – und wird entsprechend deutlich verfehlt: Der Wert dürfte 2050 bei zwei Tonnen pro Kopf und Jahr liegen. Dabei würde nicht einmal eine Tonne reichen, um das 2015 an der UNO-Klimakonferenz in Paris vereinbarte Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen, zu erfüllen. Dafür müssten die Treibhausgasemissionen weltweit zwischen 2045 und 2060 auf null reduziert werden.

Die Bevölkerung
muss mitmachen

Entsprechend gross sei die Herausforderung nun auch für die Stadt St. Gallen, emissionsneutral zu werden, sagt Stadtrat Peter Jans. Erkläre das Parlament das Postulat erheblich, wolle der Stadtrat mittels einer «Roadmap» den Weg dorthin aufzeigen. Welche Auswirkungen hätte diese «Roadmap» auf das städtische Energiekonzept, das als Planungsinstrument seit jeher auf aktuelle Gegebenheiten und neue Entwicklungen angepasst wurde? «Ich gehe davon aus, dass wir neue Massnahmen bestimmen und bestehende beschleunigen oder verstärken müssen», sagt Jans. Politik und Behörden könnten die Probleme jedoch nicht alleine lösen, sondern bloss Voraussetzungen schaffen, Anreize liefern und Angebote machen. Am Ende müsse die Bevölkerung mitmachen, auch wenn das schmerze. 

«Es braucht eine Verhaltensanpassung. Die Klimawende kann nur gelingen, wenn alle mitmachen.»

Klimawandel als eine der
grössten Herausforderungen

Doch kann die Klimawende überhaupt gelingen? «Ich sehe den Klimawandel als eine der grössten Herausforderungen, mit denen die Menschheit je konfrontiert war», sagt Peter Jans. Die Auswirkungen seien «dramatisch», auch wenn sie derzeit noch nicht offensichtlich seien. Deswegen sei es unumgänglich, rasch mit neuen Massnahmen auf die neuen Erkenntnisse zu reagieren. «Das Klima hat keine Zeit.» Ob die Wende dadurch gelinge, wisse er auch nicht, sagt Jans. «Aber wir müssen es versuchen. Alles andere wäre eine Kapitulation.»