Weder Almosen noch Ablasshandel

Zur Sache

Richard Clavadetscher
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Die Zahl mag erstaunen: Seit dem 1. Dezember 2016 sind beim Bundesamt für Justiz insgesamt 2536 Gesuche für Solidaritätsbeiträge an Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen eingegangen. – Nur gerade 2536 Gesuche, denn es wird mit bis zu 15000 noch lebenden Opfern gerechnet. Zwar können Ansprüche noch bis Ende März nächsten Jahres geltend gemacht werden. Gleichwohl sah sich der Delegierte für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen gestern genötigt, mögliche Anspruchsberechtigte zu ermuntern. Auch er hat mit mehr Gesuchen gerechnet, nachdem seine Schätzungen für die Soforthilfe seinerzeit fast punktgenau zutrafen.

Warum aber scheint es nun zu harzen? Wer mit Betroffenen spricht, die – obwohl wohlberechtigt – kein Gesuch stellen wollen, hört vor allem diese Argumente: «Mit geht es nicht schlecht. Sollen jene Geld bekommen, die es nötiger haben», sagen die einen. Andere wiederum sind zu stolz oder zu verbittert, um «vom Staat» Geld anzunehmen – und sagen das auch: «Mit ‹denen› will ich nichts mehr zu tun haben, und ich brauche keine Almosen», heisst es dann. Auch Befürchtungen gibt es: «Ich kann nichts beweisen – und am Ende stehe ich dann noch als eingebildetes Opfer da. Das würde mich erneut verletzen.»

Natürlich sind all diese Einwände schnell widerlegt: Der Bund verteilt hier keine Almosen, und es geht bei diesen Zahlungen schon gar nicht um einen Ablasshandel. Es ist vielmehr ein vom Parlament und der Bevölkerung gewolltes (spätes) Zeichen der Anerkennung von erlittenem Unrecht. Dass der zuständige Delegierte gestern nochmals explizit darauf hingewiesen hat, ist ebenso wichtig wie notwendig. Seite 5